Wissenschaft · KI und Mathematik
25 Fields-Medaillen unter einem Text: Die Elite der Mathematik erklärt die Ziele der KI-Konzerne für unvereinbar mit ihrem Fach
Am Freitag ist unter dem Titel „A Severe Misalignment of AI in Mathematics“ eine Erklärung erschienen, deren Unterschriftenliste in der Wissenschaftsgeschichte ihresgleichen sucht: 25 Trägerinnen und Träger der Fields-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Mathematik, von Pierre Deligne (1978) bis Yu Deng (2026). Darunter Terence Tao, Peter Scholze, Maryna Viazovska, Cédric Villani, Maxim Kontsevich. Wir haben den Text auf mathandai.org im Original gelesen; bis Samstagfrüh hatten sich dort 1.696 weitere Unterzeichner eingetragen, die sich per ORCID oder akademischer E-Mail-Adresse ausweisen müssen.
Der Kernsatz ist unmissverständlich: „The goals of the AI companies and the goals of the mathematical community are severely misaligned. We see these as part of broader alignment issues impacting other scientific and creative professions, as well as the whole of society.“ Die Ziele der KI-Unternehmen und die der mathematischen Gemeinschaft seien grundlegend unvereinbar — und das sei kein Sonderproblem eines Fachs.
Das Argument ist feiner, als die Schlagzeile vermuten lässt. Die Erklärung bestreitet nicht, dass Modelle inzwischen große offene Probleme lösen. Sie bestreitet, dass das Lösen der Zweck sei: „solving problems is only a tool and proxy for achieving the primary goal of conceptual understanding and insight.“ Berühmte Probleme hätten historisch als Leuchttürme gedient, an denen sich ein besseres Verständnis der Landschaft ablesen ließ — und dieses Verständnis entstehe erst im langsamen Nachgang aus Vorträgen, Diskussionen und Vereinfachungen. Die Sorge in einem Satz: „the mass production at faster and faster pace of ‚true/false‘ statements could destroy fertile ground instead of breathing life into new ideas.“
Der Absatz, der über die Mathematik hinausweist, ist der zur Zuschreibung: „Often these solutions are announced in a rush, leaving no time for a proper writeup, the isolation of new methods and ideas, and citing relevant previous work of others. As in all creative professions, this raises severe attribution and plagiarism questions.“ Genau dieser Vorwurf hat diese Woche einen Namen bekommen.
Der Anlass ist der Anspruch, über den wir in unserer Ausgabe vom 9. September berichtet haben: OpenAI erklärte am 8. September, ein Mehr-Agenten-System auf Basis eines unveröffentlichten internen Modells habe das Navier-Stokes-Problem gelöst — eines der sieben Millennium-Probleme des Clay Mathematics Institute. Noch vor der Ankündigung meldete sich Tristan Buckmaster vom Courant Institute der NYU zu Wort. Er und Levent Alpöge, Mathematiker bei Anthropic, hatten laut seiner Darstellung fast ein Jahr an verwandten Fragen gearbeitet, aufbauend auf einem Forschungsprogramm von Diego Córdoba und Luis Martínez-Zoroa, und seit Mitte August mit Hilfe von Claude und OpenAIs Codex schnelle Fortschritte gemacht. Fortune zitiert ihn mit der Einschätzung, dies sei ein „Deep Blue-Kasparov“-Moment für sein Fach.
Was Buckmaster danach schildert, ist der Grund für den Streit. In einem Telefonat am 6. September habe er erfahren, dass OpenAI denselben Lösungsweg beanspruchen werde, den er und Alpöge verfolgt hatten. Auf Nachfrage habe das Team eingeräumt, erst in der Woche zuvor mit dem Versuch begonnen zu haben. Seine entscheidende Frage steht wörtlich bei Fortune: „I asked whether the model had been trained on, or had access to, our sessions in Codex, into which we had been putting all our drafts for the whole of this project. I was told the model did not look up user data. I asked again, about training, and I did not get an answer.“
Sébastien Bubeck, bei OpenAI für das Projekt verantwortlich, hat das in einer Pressekonferenz bestritten: „We did not use their prompts or proofs to prompt our models or direct our agents. We, whether it's the researchers or the agents, did not see any of their work until they were released publicly yesterday night.“ Ein Dementi zur Nutzung, ein Dementi zum Zugriff — die Trainingsfrage beantwortet es der Form nach nicht. Dass dieselbe Frage in dieser Woche ein zweites Mal gestellt wurde, hat der Dresdner Mathematiker Andreas Thom gezeigt, über den wir gestern berichtet haben.
Parallel hat ein zweiter Brief Wirkung entfaltet: Gegen einen für den 30. Oktober geplanten „Mathathon“ am Caltech, für den OpenAI und Anthropic Rechenguthaben gestiftet hatten, wandten sich laut übereinstimmenden Berichten 771 aktuelle und ehemalige Caltech-Mathematiker. OpenAI hat seine Zusage daraufhin zurückgezogen. Dan Roberts, Research Lead bei OpenAI, wird dazu so zitiert: „We recognize that the rapid progress of AI in mathematics is disruptive. We're looking to engage with the math community more on the best way to integrate this technology and communicate its impacts.“ Anthropics Haltung ist nicht bekannt. Zur Quellenlage: Die Zahl 771 und das Roberts-Zitat stammen aus Sekundärberichten, nicht aus einem Primärdokument.
Für Unternehmen, die mit Modellen arbeiten, ist die Lehre dieser Woche nicht die Mathematik. Es ist Buckmasters unbeantwortete Frage. Wer Entwürfe, Spezifikationen oder Forschungsstände in ein Codeassistenz-Werkzeug tippt, sollte wissen, welche Zusage sein Vertrag genau gibt — und ob sie „wir sehen Ihre Daten nicht an“ lautet oder „wir trainieren nicht darauf“. Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied wird gerade vor einem sehr großen Publikum vorgeführt.
- Math and AI — A Severe Misalignment of AI in Mathematics (Primärquelle, Volltext und Unterzeichnerliste selbst gelesen)
- Math and AI — Endorsers (1.696 Einträge, Stand 12.9.2026)
- TechCrunch — OpenAI's feud with mathematicians is only escalating (11.9.2026)
- Fortune — OpenAI says it cracked one of math's grand challenges (Jeremy Kahn, 8.9.2026)
- t3n — OpenAI löst Millennium-Problem: Was das für die Zukunft der Mathematik bedeutet (11.9.2026)