Halbleiter · Chinas KI-Entkopplung
160.000 Huawei-Chips für ein Rechenzentrum in der Inneren Mongolei — DeepSeek kauft für die Auslieferung, nicht fürs Training
DeepSeek will für ein neues Rechenzentrum mindestens 160.000 KI-Chips von Huawei beschaffen, statt wie bisher auf Nvidia zu setzen. Das berichtete Bloomberg am 4. September, heise online hat es am Montag für den deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
Zum Bestätigungsgrad: Der Bericht stützt sich auf ungenannte, mit dem Vorgang vertraute Personen. Weder DeepSeek noch Huawei haben die Bestellung bestätigt, und alle Folgeberichte beschreiben eine geplante, nicht eine abgeschlossene Beschaffung. Der Bloomberg-Originaltext ist aus dem hiesigen Netz nicht abrufbar; die technischen Angaben unten stammen aus Fachmedien, die ihn zitieren.
Der Chip ist der Ascend 950DT, Huaweis derzeitiges Spitzenmodell. Die Anlage entsteht bei Ulanqab in der Inneren Mongolei und ist auf rund ein Gigawatt Anschlussleistung ausgelegt. Zum Vergleich: Das entspricht etwa der Leistung eines großen Kernkraftblocks.
Die wichtigste Einschränkung steht im Kleingedruckten
Die Chips sollen vorerst nicht zum Training eingesetzt werden, sondern für die Inferenz — also für den laufenden Betrieb bereits fertiger Modelle. Das ist bemerkenswert, weil Huawei den 950DT ausdrücklich auch als Trainingsbeschleuniger vermarktet. DeepSeek kauft ihn offenbar trotzdem nur für den Teil der Arbeit, bei dem er sich bereits bewährt hat.
Warum, hat DeepSeek-Gründer Liang Wenfeng im Juli selbst gesagt: Vier Huawei-Chips entsprächen etwa einem Nvidia-Chip, der Rückstand betrage rund zwei Jahre. Das ist keine Marketingaussage eines Konkurrenten, sondern die Einschätzung eines Kunden, der gerade 160.000 Stück bestellt. Beides zusammen ergibt eine nüchterne Arbeitsteilung: Trainieren mit dem Knappen und Besten, ausliefern mit dem Verfügbaren und Ausreichenden.
Diese Teilung ist auch keine Premiere. Bereits 2025 lief ein Teil der DeepSeek-Inferenz auf dem Vorgängerchip Ascend 910C. Neu ist die Größenordnung, nicht das Prinzip.
Was in dem Chip steckt
Der 950DT beruht auf Huaweis DaVinci-v3-Architektur und wird bei SMIC im N+3-Verfahren gefertigt, das in etwa der 7-Nanometer-Klasse entspricht — also mehreren Generationen hinter dem, was TSMC für Nvidia fertigt. Huawei gleicht das an anderer Stelle aus: 144 Gigabyte eigener Hochbandbreitenspeicher mit 4,0 Terabyte pro Sekunde Bandbreite und 2,0 Terabyte pro Sekunde für die Verbindung zwischen den Chips, dazu Unterstützung für die sparsamen Zahlenformate FP8 und FP4. Im Verbund lassen sich bis zu 8.192 dieser Chips zu einem System koppeln.
Für die Inferenz ist genau diese Kombination relevanter, als die Fertigungsgeneration vermuten lässt. Beim Ausliefern großer Modelle ist meist nicht die Rechenleistung der Engpass, sondern wie schnell sich Gewichte aus dem Speicher holen lassen. Viel Speicher mit hoher Bandbreite kann einen Rückstand bei der Rechenwerksdichte teilweise auffangen — bei der Skalierung eines Trainingslaufs über Tausende Knoten hinweg gilt das nicht.
Der Engpass ist nicht der Chip, sondern der Speicher
Die eigentliche Bremse liegt woanders. Die Fertigung des 950DT ist 2026 durch die Knappheit an Hochbandbreitenspeicher auf eine niedrige sechsstellige Stückzahl begrenzt; die Auslieferung der Gesamtbestellung dürfte über ein Jahr dauern. DeepSeek bindet damit einen erheblichen Teil der Jahresproduktion — was die Bestellung zugleich zu einer Nachricht über alle anderen chinesischen Abnehmer macht, die dieselben Chips wollen.
Zum Preis kursiert eine Angabe von rund 111.000 Yuan je Chip, also etwa 16.000 Dollar, was einem Auftragswert von grob 2,5 Milliarden Dollar entspräche. Diese Zahl steht nur in Fachmedien, die Bloomberg zitieren, und ließ sich nicht doppelt belegen — sie ist als Größenordnung zu lesen, nicht als Vertragswert. Belastbarer ist der Trend bei den Infrastrukturausgaben: Laut The Information, zitiert bei heise, gab DeepSeek in den ersten sieben Monaten des Jahres 11 Milliarden Yuan aus, nach 1,2 Milliarden im gesamten Vorjahr.
Die Software bleibt die offene Flanke
Wer aus dieser Meldung ableitet, Huawei habe Nvidia eingeholt, überspringt den Teil, an dem chinesische Entwickler seit Jahren scheitern: CANN, Huaweis Gegenstück zu Nvidias CUDA. Die Analyseplattform ChinaTalk beschreibt den Stack weiterhin als instabil, dürftig dokumentiert und mit einem kleinen Entwicklerökosystem — gegen CUDAs anderthalb Jahrzehnte Vorsprung. Seit August 2025 sind Teile von CANN quelloffen, was den Rückstand adressiert, aber nicht beseitigt.
Genau deshalb ist die Beschränkung auf Inferenz plausibel: Ein Auslieferungscluster fährt eine überschaubare Zahl bekannter Modelle in einem stabilen Pfad. Ein Trainingscluster muss beliebige, sich täglich ändernde Experimente vertragen — dort schlägt jede Unzulänglichkeit der Werkzeugkette unmittelbar durch.
Für europäische Unternehmen ist die praktische Konsequenz weniger geopolitisch als technisch. Die offenen Modelle chinesischer Anbieter — DeepSeek, Qwen, GLM — sind unter freien Lizenzen verfügbar und in vielen Häusern eine ernsthafte Option. Sie werden aber zunehmend auf einer Hardware optimiert, die hier niemand betreibt. Wer solche Gewichte auf Nvidia-Karten fährt, bekommt weiterhin ein funktionierendes Modell, aber nicht mehr zwangsläufig die Leistungsdaten, die der Anbieter misst. Die Frage, auf welchem Beschleuniger ein offenes Modell zu Hause ist, wird damit zu einem Kriterium der Modellauswahl. Was das für die Kostenseite bedeutet, haben wir in unserer Reportage vom 1. September zur Spezialhardware für Inferenz ausgeführt.
- heise online — DeepSeek bestellt 160.000 Huawei-KI-Chips für neues Rechenzentrum (7.9.2026)
- TechNode — DeepSeek to deploy Huawei Ascend 950DT chips in Inner Mongolia
- Wccftech — Technische Daten des Ascend 950DT und Preisangabe (zitiert Bloomberg)
- ChinaTalk — Can Huawei Compete with CUDA? (Analyse des CANN-Software-Stacks)
- TweakTown — DeepSeek-Inferenz lief bereits 2025 teilweise auf Ascend 910C