Mathematik · Anspruch und Verfahren
OpenAI beansprucht das Navier-Stokes-Problem — der Anspruch deckt sich mit dem offiziellen Wortlaut, das Verfahren dahinter wirft die eigentlichen Fragen auf
OpenAI hat am Montagabend erklärt, ein internes Modell habe eines der sieben Millennium-Preis-Probleme gelöst. Der Beweis zeigt, dass eine anfangs ruhende, glatte Strömung unter einer glatten äußeren Kraft in endlicher Zeit eine Singularität entwickeln kann — eine Stelle, an der die Geschwindigkeit unbeschränkt wächst, während die Energie endlich bleibt. Er liegt als Text und als Lean-Formalisierung vor.
Die Navier-Stokes-Gleichungen beschreiben, wie Flüssigkeiten und Gase strömen — sie stecken in jeder Wettervorhersage. Seit rund neunzig Jahren ist offen, ob eine glatte Anfangsströmung glatt bleibt.
Der Vorwurf vom „falschen Problem“ hält dem Originaltext nicht stand
Zahlreiche Berichte hielten OpenAI vor, die forcierte Variante gelöst zu haben und damit nicht das eigentliche Preisproblem. Das lässt sich nachprüfen. Charles Fefferman, der die Problemstellung für das Clay Mathematics Institute verfasst hat, listet vier Aussagen (A) bis (D) und schreibt davor: „To give reasonable leeway to solvers while retaining the heart of the problem, we ask for a proof of one of the following four statements.“ Die Aussagen (C) und (D) enthalten den Kraftterm ausdrücklich. OpenAI beruft sich genau darauf: Das Ergebnis löse das Problem „by establishing statement ,C‘ (and also ,D‘)“.
Wer sagt, hier sei das falsche Problem gelöst worden, widerspricht also dem Wortlaut der Ausschreibung. Die berechtigte Kritik ist leiser: Unter Fachleuten gilt der forcierte Fall als der weniger aussagekräftige, weil eine äußere Kraft dem System Energie zuführen kann. Fefferman hat ihn als zulässigen Weg vorgesehen — als vollwertigen Ersatz für die Frage, die das Fach umtreibt, gilt er nicht.
Am Preisgeld ändert das ohnehin nichts. Die Clay-Regeln verlangen eine Fachzeitschriften-Veröffentlichung, danach mindestens zwei Jahre Wartezeit und die Anerkennung der Fachwelt. OpenAI erklärt selbst, die Million nicht beanspruchen zu wollen.
Was tatsächlich gerechnet wurde
OpenAI legt die Zahlen offen. Seit dem 28. August wird ein internes Modell trainiert, das nach Firmenangaben deutlich leistungsfähiger ist als das öffentliche GPT-6 Astra. Am 1. September — nach Gerüchten, zwei Millennium-Probleme seien gelöst worden — setzte OpenAI es auf alle sieben Probleme an. Die erfolgreiche Gruppe umfasste in der Spitze rund 10.000 gleichzeitig arbeitende Agenten und brauchte 88 Stunden, die Lean-Prüfung weitere 17. Ein Nebenergebnis: Für die verwandten Euler-Gleichungen lösten knapp 100 Agenten in etwa 50 Stunden die unforcierte Blow-up-Frage — mathematisch der stärkere Befund, aber nicht auf der Clay-Liste.
Das Protokoll aus New York
Am selben Tag veröffentlichten Tristan Buckmaster (Courant Institute, NYU) und Levent Alpöge (Anthropic, rein private Zusammenarbeit) drei eigene, ebenfalls Lean-geprüfte Ergebnisse. Buckmaster legte dazu ein Statement vor.
Seine Darstellung: Nach Gerüchten über einen Anthropic-Durchbruch schrieb er am 3. September von sich aus an OpenAI. In einem Telefonat am 6. September habe sich herausgestellt, dass entgegen der behaupteten „very little human input“ ein ganzes Team beteiligt und erheblicher Rechenaufwand geflossen sei. Beim zweiten von zwei Vorschlägen habe Sébastien Bubeck „twice asserted that he wanted Levent removed from authorship“ — wegen dessen Anstellung bei Anthropic. Als Buckmaster ankündigte, an die Öffentlichkeit zu gehen, sei die Antwort gewesen: „Why would you ruin your career?“, nach seinem Widerspruch: „If you don't want me to be nice, then I don't have to be nice.“
Buckmaster grenzt selbst ein: „I have not seen OpenAI's proof. […] I am not accusing anyone of anything.“
Bubeck widerspricht. Er nannte die Vorwürfe „false and inflammatory“ und veröffentlichte Textnachrichten, in denen er die Anerkennung ausdrücklich Alpöge und Buckmaster zuspricht; gemeint gewesen sei die Autorenliste eines OpenAI-Papiers. Die Karriere-Bemerkung bezeichnet er als unglücklichen, sofort zurückgenommenen Satz. OpenAI schreibt, man habe deren Arbeit vorher nicht gesehen, räumt aber ein: „we cannot rule out that de-identified data derived from their usage of our products helped improve our models“.
Taos Einwand überdauert den Streit
Terence Tao veröffentlichte am Montagabend einen Text, der über den Tagesstreit hinausweist. Der Bestand an guten offenen Problemen werde „mined in a non-renewable fashion“. Sein Bild dafür: Eine Region kann an Trinkwassermangel leiden und zugleich von einem Ozean umgeben sein. Neu an der KI-Ära sei, dass keine erkennbare Grenze mehr zwischen dem Machbaren und dem Harten verlaufe — verschärft dadurch, dass die Labore weder Fehlschläge noch Lösungswege offenlegen. Damit werde die Identifikation eines lohnenden Problems selbst zur knappen Ressource: „even the rumor of someone working on a problem can trigger a massive amount of AI-powered effort to flatten it before the original research project has time to reach its full potential.“ Der Anreiz laufe darauf hinaus, Forschungsrichtungen gar nicht mehr zu teilen — eine Umkehr von „centuries of traditions of open science“.
Genau diese Reihenfolge steht in OpenAIs eigenem Beitrag: erst das Gerücht, dann der Einsatz. Buckmaster nennt den Moment einen „Deep Blue-Kasparov moment“ und wünscht sich eine unaufgeregte Debatte über Ausbildung und Anerkennung im Fach. Dass er sie mit einem Gesprächsprotokoll eröffnen muss, ist der Befund dieses Tages. Das Muster überzogener Mathematik-Ankündigungen haben wir in unserer Reportage vom 21. August untersucht; auch den Erdős-Vorfall vom Oktober 2025 räumte damals Bubeck ein.
- OpenAI — On the Navier–Stokes Millennium Prize Problem (8.9.2026)
- Charles L. Fefferman — Offizielle Problemstellung des Clay Mathematics Institute (PDF, Aussagen A–D)
- Clay Mathematics Institute — Rules for the Millennium Prize Problems (Wartefrist und Anerkennung)
- Tristan Buckmaster — Statement zum Ablauf (PDF, Courant Institute NYU)
- Terence Tao — Mastodon-Thread zum nicht erneuerbaren Abbau offener Probleme (8.9.2026)
- TechCrunch — OpenAI fought dirty on career-making math problem, says NYU mathematician (8.9.2026)
- OfficeChai — Bubecks Gegendarstellung samt Textnachrichten
- The Verge — Drama swirls around OpenAI's legendary mathematical milestone (8.9.2026)
- WIRED — OpenAI Just Claimed a Huge Math Discovery. Some Academics Are Crying Foul
- Fortune — Zusammenfassung des Vorgangs samt Tao-Einordnung (8.9.2026)
- TechCrunch — Der Erdős-Vorfall vom Oktober 2025 als Vorgeschichte