Halbleiter · Beteiligungen
Nvidia steckt 3,5 Milliarden Dollar in MediaTek — ausgerechnet in das Designhaus, das die Chips der Konkurrenz entwirft
Am Montagmorgen kalifornischer Zeit gaben Nvidia und MediaTek eine erweiterte Partnerschaft bekannt. Die Zahl, die überall zitiert wurde, lautet 3,5 Milliarden Dollar — aber die Form des Geschäfts ist ungewöhnlicher als die Summe. Nvidia kauft keine MediaTek-Aktien. Das Unternehmen zeichnet Wandelanleihen, also Schuldtitel, die zu einem späteren Zeitpunkt und zu einem vorab festgelegten Kurs in Aktien getauscht werden können. Diese 3,5 Milliarden sind der Löwenanteil einer Gesamtemission über 3,9 Milliarden Dollar — nach Angaben von Digitimes die größte Auslandsanleihe, die je ein taiwanisches Unternehmen begeben hat. Den Rest zeichneten andere Investoren, darunter Alphabet, dessen Anteil nicht offengelegt wurde.
Entscheidend für die Einordnung ist, was nicht mitgeteilt wurde: Wandlungspreis, Laufzeit und der Prozentsatz an MediaTek, den Nvidia am Ende halten könnte, stehen weder in der Pressemitteilung noch in den Folgeberichten. Es ist also bislang kein Eigenkapital geflossen. Nvidia hat sich eine Option gekauft, keinen Sitz am Tisch. Das ist auch die plausibelste Erklärung dafür, warum in der gesamten Berichterstattung keine Rede von einer taiwanischen Investitionsprüfung ist: Ohne Beteiligungsschwelle gibt es zunächst nichts zu genehmigen.
Technisch geht es um drei Bausteine, die MediaTek von Nvidia übernimmt: NVLink Fusion, ein Chiplet, mit dem sich fremde Beschleuniger an Nvidias Verbindungsstandard anschließen lassen; NVLink-C2C für die direkte Kopplung von Chip zu Chip; und das neu vorgestellte NVHBM, mit dem kundenspezifische Speicherlösungen in Nvidias Rack-Systeme eingebunden werden. Genannt werden drei Einsatzfelder: Cloud-Infrastruktur, PC und lokales Rechnen sowie Automobil. Jensen Huang formulierte es so: „KI verändert jede Rechenplattform — von den größten KI-Fabriken der Welt bis zum PC und zum Auto.“ MediaTek-Vizechef und CEO Rick Tsai sprach von einer geteilten Vision, fortgeschrittenes KI-Rechnen allgegenwärtig zu machen.
Warum steckt Nvidia Geld in ein Haus, das für die Konkurrenz arbeitet? MediaTek ist Taiwans größter Fabless-Designer, bekannt vor allem als Nummer zwei bei Smartphone-Chips hinter Qualcomm. Im zweiten Quartal 2026 setzte der Konzern rund 152,2 Milliarden neue Taiwan-Dollar um, das Mobilfunkgeschäft schrumpfte dabei um 14 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das Wachstum liegt woanders — und dort wird es für Nvidia interessant: MediaTek hat sein Marktanteilsziel bei kundenspezifischen KI-Beschleunigern für 2027 von 10 bis 15 auf 15 bis 20 Prozent angehoben und peilt schon 2026 rund zwei Milliarden Dollar Umsatz mit KI-ASICs an. Das Unternehmen entwirft mit an Googles TPUs, wo Google bewusst zweigleisig zwischen MediaTek und Broadcom fährt.
Genau hier liegt der strategische Kern, den TechCrunch herausarbeitet. Die großen Cloud-Anbieter bauen zunehmend eigene Beschleuniger, um Nvidias Margen zu entkommen — Google mit den TPUs, Amazon mit Trainium, Microsoft und OpenAI mit eigenen Programmen. Nvidia bekämpft diese Bewegung nicht, sondern schiebt sich darunter: Wer einen eigenen Chip baut, soll ihn über NVLink Fusion trotzdem in Nvidias Racks stecken. MediaTek, einer der wenigen Anbieter mit tiefer Custom-Silicon-Erfahrung, wird damit zum bevorzugten Partner für Kunden, die eigene Chips wollen, aber Nvidias Verbindungsstandard nutzen. Nvidia verdient dann zweimal: an den eigenen GPUs und am Ökosystem um die fremden.
Der Vorwurf, der Nvidia seit Monaten begleitet, lautet zirkuläre Finanzierung — das Unternehmen finanziere Partner, die anschließend Nvidia-Technik kaufen. Huang wies ihn direkt zurück: „Das ist nicht zirkulär, denn offensichtlich machen die ihr Geschäft und wir unseres.“ Die Liste spricht dennoch eine deutliche Sprache: fünf Milliarden Dollar für rund vier Prozent an Intel im September 2025, eine Milliarde für 2,9 Prozent an Nokia im Oktober 2025, zwei Milliarden an Marvell im März 2026, dazu eine Garantie über bis zu 105 Milliarden Dollar für OpenAIs Rechenzentrums-Leasing in Ohio Anfang August. Marktberichten zufolge flossen allein im Geschäftsjahr 2026 rund 17,5 Milliarden Dollar in private Unternehmen und Infrastrukturfonds.
Bemerkenswert ist der Kontrast zur Meldung vom Vortag: Wie wir gestern berichteten, hat Nvidia sein Umsatzbeteiligungsmodell für kleinere Rechenzentrumsbetreiber keine acht Wochen nach der Ankündigung auf Eis gelegt — aus Sorge vor genau diesem Zirkularitätsvorwurf. Das Kapital fließt also nicht weniger, sondern anders: weg von Kreditsicherheiten für Abnehmer, hin zu Beteiligungsoptionen bei denen, die die Chips entwerfen. Nvidias Aktie schloss am Montag bei 220,78 Dollar, ein Plus von 1,48 Prozent. Für MediaTek lag zum Redaktionsschluss keine belastbare Kursreaktion vor — die Meldung kam um 23:30 Uhr Ortszeit Taipeh und damit nach Börsenschluss.
- heise online — Milliardendeal: Nvidia investiert in den Chiphersteller MediaTek
- TechCrunch — Nvidia's $3.5B MediaTek bet reveals its plan for tackling Big Tech's AI chip buildout
- Reuters via Investing.com — Nvidia invests $3.5 billion in MediaTek convertible bonds
- Taipei Times — Nvidia to invest US$3.5 billion in MediaTek
- Digitimes — Nvidia takes US$3.5 billion of MediaTek's record US$3.9 billion convertible bond
- TrendForce — MediaTek doubles 2026 AI ASIC revenue target