Regulierung · Digital Services Act
Die EU-Kommission erklärt ChatGPT zur Suchmaschine — und macht damit zum ersten Mal einen Chatbot zur regulierten Infrastruktur
Was heute entschieden wurde. Die Europäische Kommission hat ChatGPT als sehr große Online-Suchmaschine (VLOSE) im Sinne des Digital Services Act eingestuft. Im selben Beschluss wurden Reddit und Roblox als sehr große Online-Plattformen (VLOP) benannt. Damit steigt die Zahl der so eingestuften Dienste auf 28 — und zum ersten Mal ist ein generativer KI-Assistent darunter.
Die Zahlen, die den Ausschlag gaben. Der DSA greift ab 45 Millionen durchschnittlichen Monatsnutzern in der EU. Die Unternehmen müssen diese Zahl selbst melden — und ChatGPT meldete für den Sechsmonatszeitraum bis zum 31. März 2026 159,1 Millionen. Reddit meldete 57,2 Millionen, Roblox 46,6 Millionen. ChatGPT liegt damit beim Dreieinhalbfachen der Schwelle; es war kein Grenzfall.
Der juristische Kunstgriff. Interessanter als das Ob ist das Als-was. Die Kommission stuft ChatGPT nicht als Plattform ein, sondern als Suchmaschine — mit der Begründung, es handle sich um „ein System künstlicher Intelligenz, das auf Eingaben und Anfragen von Nutzern reagiert, auch indem es das Web durchsucht“, und damit um einen hybriden Dienst, der als Online-Suchmaschine im Sinne der Verordnung zu qualifizieren ist. Das ist keine Formalie. Der DSA kennt für Plattformen und Suchmaschinen unterschiedliche Pflichtenkataloge, und die Suchmaschinen-Kategorie war 2022 für Google und Bing geschrieben worden — für Dienste, die auf fremde Inhalte verweisen. ChatGPT verweist nicht, es formuliert. Die Kommission hat diese Lücke nicht durch ein neues Gesetz geschlossen, sondern durch eine weite Auslegung des bestehenden.
Was OpenAI jetzt bauen muss. Die Frist beträgt vier Monate, sie läuft also Ende Dezember 2026 ab. Bis dahin fällig sind unter anderem: eine jährliche Bewertung systemischer Risiken, die aus dem Dienst und seinen algorithmischen Systemen erwachsen — ausdrücklich genannt sind die Verbreitung illegaler Inhalte, negative Auswirkungen auf Minderjährige, auf die physische und psychische Gesundheit der Nutzer, auf Grundrechte, auf Wahlprozesse und auf die öffentliche Sicherheit; ein öffentliches Werbearchiv, das ein Jahr lang vorgehalten wird; eine unabhängige jährliche Prüfung; Datenzugang für geprüfte Forschende; Offenlegung der wesentlichen Ranking-Parameter; sowie das Verbot, Minderjährigen profilbasierte Werbung auszuspielen. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Warum der Zeitpunkt heikel ist. Der Werbearchiv-Punkt trifft OpenAI mitten in einem Aufbau: Das Unternehmen hat seit dem 24. August Werbung in 31 europäischen Märkten ausgespielt und meldet heute — wir berichten weiter unten darüber — eine Milliarde Dollar annualisierten Werbeumsatz. Ein Geschäft, das erst gut 200 Tage alt ist, bekommt damit zeitgleich seine erste Transparenzpflicht. Und die Pflicht, Minderjährige von profilbasierter Werbung auszunehmen, verlangt eine Alterserkennung, die ein Chatbot bislang nicht braucht.
Die Einordnung, die über OpenAI hinausgeht. Die eigentliche Bedeutung dieser Entscheidung liegt in der Begründung, nicht im Adressaten. Wenn ein Dienst allein deshalb als Suchmaschine gilt, weil Menschen ihn benutzen, um Dinge herauszufinden, dann ist der Weg zu Gemini, Copilot oder Perplexity kurz — und die Nutzerzahlen dieser Dienste liegen teils weit über der Schwelle. Für Unternehmen, die KI-Antworten an Endnutzer in Europa ausliefern, ist heute nicht der Tag, an dem sich etwas geändert hat, sondern der Tag, an dem sichtbar wurde, welche Regeln bereits gelten. Was das konkret bedeutet, führen wir in der Reportage dieser Ausgabe aus.
Zur Quellenlage: Die Einstufung ist ein offizieller Kommissionsbeschluss (Pressemitteilung IP/26/1772) und damit belegt. Die Frist wird in der Berichterstattung uneinheitlich wiedergegeben — vereinzelt ist von „Ende Januar 2027“ die Rede. Vier Monate ab dem 31. August 2026 enden am 31. Dezember 2026; wir folgen dieser Rechnung und der Mehrheit der Quellen.
- Europäische Kommission — Commission designates ChatGPT, Reddit, Roblox under Digital Services Act (IP/26/1772, 31.8.2026)
- PPC Land — ChatGPT faces EU risk rules after declaring 159.1 million users (31.8.2026)
- The Verge — ChatGPT to face tougher regulation in the EU (31.8.2026)
- Golem.de — Digital Services Act: Schärfere EU-Auflagen für ChatGPT, Reddit und Roblox (31.8.2026)
- Der Spiegel — ChatGPT, Reddit und Roblox müssen strenge EU-Auflagen erfüllen (31.8.2026)