Regulierung · Digital Markets Act
Brüssel bricht Googles Heimvorteil: Android muss fremde KI-Assistenten einlassen — und die Suche ihre Daten teilen
Die beiden Entscheidungen vom 16. Juli sind sogenannte Spezifikationsentscheidungen unter dem Digital Markets Act — keine Bußgelder, sondern rechtlich bindende Umsetzungsvorgaben, die Google konkret vorschreiben, wie es seine bestehenden DMA-Pflichten zu erfüllen hat. Die erste stützt sich auf Artikel 6 Absatz 7 (Interoperabilität): Google muss KI-Assistenten von Fremdanbietern denselben Zugriff auf Android-Funktionen gewähren wie der hauseigenen Gemini-App. Das umfasst ausdrücklich die Reizthemen, an denen Drittanbieter bislang scheiterten — ein eigenes Aktivierungswort wie „Hey Google“, die Erfassung des Bildschirminhalts als Kontext, dauerhafter Hintergrundbetrieb und App-übergreifendes Agieren, etwa eine Essensbestellung per Sprachbefehl. Wirksam werden muss die Öffnung für Nutzerinnen und Nutzer ab Juli 2027; laut heise sieht der Zeitplan gestaffelte Fristen entlang der Android-Versionen 18 und 19 vor.
Die zweite Entscheidung greift auf Basis von Artikel 6 Absatz 11 tiefer in Googles Kronjuwelen: Ab Januar 2027 muss der Konzern Wettbewerbern Zugang zu anonymisierten Ranking-, Such-, Klick- und Anzeigedaten zu FRAND-Bedingungen gewähren — fair, angemessen und diskriminierungsfrei. Die Ranking-Algorithmen selbst bleiben Geschäftsgeheimnis, und die Anonymisierung soll mehrstufig mit Datenschutzexperten entwickelt werden. Bemerkenswert ist, wen die Kommission als anspruchsberechtigt einstuft: nicht nur klassische Suchmaschinen wie Ecosia oder Qwant, sondern auch KI-Chatbots mit Suchfunktion wie Perplexity. Brüssel behandelt KI-Assistenten damit erstmals formal als funktionale Konkurrenten der Websuche.
Google reagierte scharf. Chief Legal Officer Kent Walker warnte, die Entscheidungen drohten „wesentliche Schutzmechanismen für Privatsphäre und Sicherheit von Millionen Europäern zu untergraben“, externen Apps würden „sensible und weitreichende Berechtigungen“ eingeräumt. Die Kommission hält dagegen: Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen erklärte, man wolle „Innovation und Vielfalt in der Europäischen Union fördern und einen fairen Wettbewerb auf den Märkten für KI-Assistenten für Android-Geräte ermöglichen“. Google kann vor dem EU-Gericht klagen — die Vorgaben sind aber sofort bindend. Bei Nichteinhaltung drohen separate Verstoßverfahren, die dann sehr wohl in Bußgelder von bis zu zehn Prozent des Weltumsatzes münden können.
Der strategische Kontext: Die Kommission will verhindern, dass sich die Plattform-Engpässe der Smartphone-Ära — App Stores, Standard-Suche, Betriebssystem-Privilegien — im KI-Zeitalter als „Assistenten-Bottleneck“ wiederholen. Und der Druck wirkt inzwischen auf beide großen mobilen Ökosysteme: Apple öffnet mit iOS 27 ab Herbst Siri für Gemini, Claude, ChatGPT und Grok (wir berichteten am 14. Juli). Mit der Android-Verfügung von dieser Woche ziehen 2026/2027 also beide Gatekeeper nach — nicht freiwillig, sondern unter regulatorischem Zwang. Für OpenAI, Anthropic, Mistral und Perplexity ist das die Chance, erstmals auf gleicher Augenhöhe um den Platz als Standard-Assistent von Milliarden Geräten zu konkurrieren.
Für Entscheider in Europa heißt das zweierlei. Erstens: Die Assistenten-Wahl auf Mobilgeräten wird ab 2027 zur echten Architekturfrage — wer heute Mobile-Strategien plant, sollte nicht mehr von einem Gemini-Monopol auf Android ausgehen. Zweitens: Der FRAND-Zugang zu Suchdaten könnte die Trainings- und Grounding-Qualität kleinerer Such- und Antwort-Anbieter deutlich heben und damit die Anbieterlandschaft verbreitern. Offen bleibt, wie streng die Anonymisierung ausfällt — davon hängt ab, ob die Datenfreigabe ein Wettbewerbshebel wird oder ein zahnloser Kompromiss. Ein separates DMA-Bußgeldverfahren wegen Selbstbevorzugung in Shopping, Flügen und Hotels läuft gegen Google übrigens weiter; Berichte über eine bevorstehende Rekordstrafe sind von den heutigen Entscheidungen unabhängig.
- heise online — EU-Vorgaben: Android muss für KI-Assistenten von Fremdanbietern komplett öffnen
- heise online — DMA: EU-Kommission zwingt Google zur Freigabe von Suchdaten
- The Verge — Google ordered to open Android and Search to rivals in Europe
- 9to5Google — EU demands opening Android access and Search data to rivals
- Android Authority — Rival AI assistants could soon gain full access to Android features
- EU-Kommission — DMA-Verfahren gegen Google (Verfahrenshintergrund)