Produkt · OpenAI vs. Anthropic
ChatGPT Work tritt gegen Claude Cowork an: OpenAI zeigt, wie ernst es das agentische Büro meint
Innerhalb weniger Tage haben die beiden führenden KI-Labs fast zeitgleich denselben strategischen Schritt vollzogen: den Sprung vom Coding-Assistenten zum Allround-Büroagenten. Anthropic machte am 7. Juli 2026 den Anfang und öffnete Claude Cowork – bis dahin eine reine Desktop-Anwendung – für Web und Mobile (siehe Die Inferenz vom 8. Juli). Nur zwei Tage später zog OpenAI mit „ChatGPT Work" nach, das wir bislang nur als Randnotiz im GPT-5.6-Leitartikel erwähnt hatten (siehe Die Inferenz vom 10. Juli) – Zeit für den genauen Blick.
ChatGPT Work ist explizit kein Chat-Interface, sondern ein Ausführungsagent: Nutzer geben ein Ziel vor, der Agent sammelt Kontext aus über 1.400 angebundenen Apps, erstellt einen zur Freigabe vorgelegten Schritt-für-Schritt-Plan und arbeitet dann eigenständig über Stunden hinweg. Statt Konversation liefert er fertige Artefakte: Sheets, Slides, Docs und interaktive Web-Apps. Angetrieben wird das Ganze von den drei GPT-5.6-Varianten Sol, Terra und Luna je nach Aufgabenkomplexität, abgerechnet nach Nutzungsvolumen statt Flatrate – ähnlich dem bestehenden Codex-Modell. Der Rollout erfolgte gestaffelt: zuerst Web und Mobile für Pro-, Enterprise- und Edu-Nutzer, dann Plus und Business; auf dem Desktop ist eine neue, vereinheitlichte App mit Chat, Work und Codex nebeneinander für alle Pläne inklusive Free verfügbar – Codex kostenlos nutzbar zu machen ist dabei selbst eine kleine Sensation. Frühtester waren Zapier, Virgin Atlantic, NVIDIA, RingCentral und Shopify, die den Agenten für Lead-Triage, Wettbewerbsbeobachtung und Event-Reporting einsetzten. Zapier-Managerin Angela Ferrante wird zitiert: Der Agent habe geholfen, „siebenstellige Pipeline-Werte jeden Monat an den Vertrieb zu übergeben".
Claude Cowork, seit Januar 2026 zunächst als Desktop-Vorschau verfügbar, verfolgt einen ähnlichen Ansatz, aber mit anderem Schwerpunkt: Die zentrale Neuerung vom 7. Juli ist der Wechsel von lokaler zu cloud-basierter Ausführung, wodurch Aufgaben auch bei geschlossenem Laptop weiterlaufen. Besonders aufschlussreich sind Anthropics eigene Nutzungsdaten aus 1,2 Millionen anonymisierten Sessions: Nur 8,7 Prozent der Cowork-Nutzung betrifft Softwareentwicklung, 33,4 Prozent allgemeine Geschäftsprozesse und 16,4 Prozent Content-Erstellung – ein deutlicher Schwerpunkt auf Finance, HR und Administration statt Coding. Dass es sich um einen gezielten Wettbewerbszug handelt, bestreitet in der Berichterstattung niemand: Mehrere Publikationen rahmen ChatGPT Work explizit als Antwort auf Cowork. OpenAI-Produktmanager Ty Geri bringt die Strategie auf den Punkt: „Man kann die Coding-Fähigkeit des Modells nutzen, um Probleme in jeder Branche zu lösen" – und positioniert das kleinste GPT-5.6-Modell laut Analyst Max Weinbach als „konkurrenzfähig zu deutlich teureren Modellen", bei einem Fünftel der Kosten des größten Modells. Auch Microsoft (Copilot Actions/Agent Mode) und Google (Gemini Agent) mischen im selben Feld mit – Kommentatoren sprechen bereits von einem Markt mit mehreren nahezu identischen Cowork-artigen Produkten.
Der Trend trifft auf eine Unternehmenslandschaft, die deutlich zwiegespaltener ist, als es die Ankündigungen vermuten lassen. Aktuelle Marktdaten zeigen eine erhebliche Lücke zwischen Pilotphase und Produktivbetrieb: Nahezu vier von fünf Unternehmen haben KI-Agenten in irgendeiner Form eingeführt, aber nur etwa jedes neunte betreibt sie tatsächlich produktiv. Gartner rechnet damit, dass mehr als 40 Prozent aller Agentic-AI-Projekte bis Ende 2027 wieder eingestellt werden – meist wegen unklarem Geschäftsnutzen, Kostenexplosion und unzureichender Risikokontrollen. Weitere Erhebungen beziffern, dass 88 Prozent der Agenten-Pilotprojekte nie den Sprung in den Produktivbetrieb schaffen. Als Ursachen gelten selten die Modelle selbst, sondern unklare Erfolgskriterien, fehlender Daten-/Tool-Zugriff und mangelnde Evaluationsdisziplin im laufenden Betrieb.
Für Unternehmen, die jetzt zwischen ChatGPT Work und Claude Cowork wählen müssen, zeichnen sich klare Trade-offs ab: ChatGPT Work ist auf Enterprise- und Revenue-Ops-Workflows mit tiefer App-Anbindung zugeschnitten und punktet mit einem Preisvorteil beim kleinsten Modell – ideal für viele repetitive, aber klar definierte Aufgaben. Claude Cowork positioniert sich breiter für allgemeine Wissensarbeit, mit besonders starker Verankerung in Finance- und HR-Prozessen und echter Geräte-Unabhängigkeit durch die neue Cloud-Ausführung. Angesichts der genannten Ausfallraten agentischer Projekte bleibt der Rat der meisten Beobachter vorsichtig: klein anfangen, mit klar messbaren, eng abgegrenzten Prozessen pilotieren, Freigabe-Gates nicht abschalten und beide Systeme parallel evaluieren, bevor man sich auf einen Anbieter festlegt.
- OpenAI — ChatGPT for your most ambitious work
- Neowin — OpenAI launches ChatGPT Work and unveils unified desktop app with Codex built in
- TechCrunch — The coding agent wars are spilling into the rest of the office: Claude Cowork
- VentureBeat — Anthropic brings Claude Cowork to mobile and web as usage data shows most users aren't coding
- Digital Applied — ChatGPT Work: OpenAI's Agent Launch 2026
- Allwork.space — OpenAI Challenges Claude Cowork With 'Cheaper' ChatGPT Work Agent For Non-Coders
- US News — OpenAI launches ChatGPT Work
- Digital Applied — Agentic AI Statistics 2026