Geopolitik · China vs. USA
„Hochriskante Software“: Alibaba verbannt Claude Code — und legt das Misstrauen zwischen den KI-Blöcken offen
Der chinesische Technologiekonzern Alibaba hat seinen Beschäftigten die Nutzung von Claude Code untersagt, dem populären KI-Programmierwerkzeug von Anthropic. Nach übereinstimmenden Berichten von The Information, Reuters und der South China Morning Post verschickte Alibaba am Donnerstag, dem 3. Juli 2026, eine interne Mitteilung, in der die Software als „hochriskante Software mit Sicherheitslücken“ klassifiziert und auf eine schwarze Liste gesetzt wurde. Ab dem 10. Juli soll das Tool im Unternehmen vollständig gesperrt sein; Mitarbeitende werden angewiesen, stattdessen Alibabas hauseigenen Coding-Assistenten Qoder zu verwenden. Offiziell bestätigt hat Alibaba den Schritt bislang nicht — die Meldung stützt sich auf Personen mit Kenntnis der internen Anordnung, weshalb sie mit der gebotenen Vorsicht als „berichtet“ einzuordnen ist. Der geschilderte Wortlaut der Mitteilung wird jedoch von mehreren unabhängigen Redaktionen übereinstimmend wiedergegeben.
Auslöser des Banns ist ein Fund, über den Die Inferenz bereits am 2. Juli berichtete: Sicherheitsforscher hatten in Claude Code eine verdeckte Erkennungsfunktion entdeckt. Seit Version 2.1.91 vom 2. April 2026 glich das Werkzeug die Zeitzone des Systems mit den Einträgen „Asia/Shanghai“ und „Asia/Urumqi“ ab und prüfte konfigurierte Proxy-Adressen gegen eine fest einprogrammierte Liste von 147 chinesischen Unternehmen und KI-Laboren — darunter Alibaba, Baidu, ByteDance und Moonshot AI. Wurde eine Übereinstimmung erkannt, veränderte die Software den an Anthropics Server gesendeten System-Prompt mittels Steganografie, also durch das Verstecken von Signalen in scheinbar harmlosem Text: Sie tauschte Datumsformate aus und ersetzte den normalen Apostroph durch optisch identische Unicode-Zeichen. Diese Markierungen waren für Nutzer unsichtbar, für Anthropics Systeme aber maschinenlesbar. Die Zeichenlisten waren per XOR-Verschlüsselung und Base64-Kodierung getarnt, um sie bei einer Analyse des Programmcodes unauffindbar zu machen. Aus Alibabas Sicht ist das nichts anderes als eine „Backdoor“ — eine versteckte Hintertür.
Anthropic bestreitet den technischen Befund nicht, widerspricht aber der Deutung. Thariq Shihipar, Ingenieur im Claude-Code-Team, bezeichnete die Funktion als „ein Experiment, das wir im März gestartet haben, um Kontenmissbrauch durch nicht autorisierte Wiederverkäufer zu verhindern und uns gegen Destillation zu schützen“. Mit Destillation ist das Nachtrainieren eines eigenen KI-Modells auf den Antworten eines fremden gemeint — eine Abkürzung, mit der Konkurrenten das teuer erarbeitete Verhalten eines Spitzenmodells kopieren können. Anthropic wirft konkret den chinesischen Laboren DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax vor, über mehr als 24.000 betrügerische Konten über 16 Millionen Anfragen abgesetzt zu haben, um Claudes Fähigkeiten im Programmieren und im agentischen Handeln systematisch abzugreifen. Nach der öffentlichen Entdeckung — ein Reddit-Nutzer hatte den Mechanismus am 30. Juni im Forum r/ClaudeAI offengelegt — kündigte Anthropic an, den Code zu entfernen; die bereinigte Fassung floss in den Claude-Code-Release vom 1. Juli ein.
Der Bann ist damit weniger ein isolierter Vorfall als ein Symptom des tiefen, wechselseitigen Misstrauens zwischen westlichen KI-Anbietern und Chinas Tech-Industrie. Anthropic selbst hatte bereits am 5. September 2025 als erstes US-KI-Unternehmen seine Dienste für alle Firmen gesperrt, die zu mehr als 50 Prozent von chinesischen Konzernen kontrolliert werden — weltweit und ausdrücklich auf Basis der Eigentümerstruktur, nicht nur des Standorts. Alibaba durfte Claude also ohnehin nicht offiziell einsetzen. Parallel dazu verschärfte sich der staatliche Druck: Am 12. Juni 2026 verhängte das US-Handelsministerium Exportkontrollen auf Anthropics Spitzenmodelle Fable 5 und Mythos 5 und zwang das Unternehmen, den Zugang für alle Nicht-US-Bürger zu sperren — woraufhin Anthropic die Modelle kurzzeitig komplett vom Markt nahm, ehe die Auflagen am 1. Juli wieder gelockert wurden. Pikant ist, dass die Fronten nicht sauber verlaufen: Moonshot AI, eines der von Anthropic beschuldigten Labore, wird von Alibaba mitfinanziert — und dessen offenes Modell Kimi K2.5 diente wiederum dem US-Start-up Cursor als Grundlage für dessen Coding-Modell Composer, wie Cursor im März 2026 einräumen musste.
Für Unternehmen jenseits der geopolitischen Großwetterlage wirft der Fall eine unbequeme, praktische Frage auf: Wie viel Vertrauen verdient proprietäre KI-Software, die als undurchsichtige Blackbox tief in den Entwicklungsprozess eingreift? Coding-Assistenten wie Claude Code laufen mit weitreichenden Rechten auf den Rechnern der Entwickler, lesen Quellcode, führen Befehle aus und kommunizieren dabei permanent mit externen Servern. Der Steganografie-Vorfall zeigt, dass selbst ein als vertrauenswürdig geltender Anbieter verdeckte Erkennungslogik ausliefern kann, ohne sie offenzulegen. Für Technologiechefs und Sicherheitsverantwortliche verschiebt das die Risikobewertung: Nicht nur die Qualität der generierten Ergebnisse zählt, sondern auch, welche Metadaten ein Werkzeug unbemerkt nach Hause sendet und ob es rechtlich sowie politisch überhaupt genutzt werden darf. Dass Alibaba reflexartig auf sein eigenes Produkt Qoder umschwenkt, ist zugleich strategisch bequem — der Sicherheitsvorfall liefert die Begründung, die inländische Alternative zu bevorzugen. Klar ist nach dieser Woche vor allem eines: Die Wahl des KI-Werkzeugs ist endgültig zu einer Frage der digitalen Souveränität geworden.
- TechCrunch — Alibaba reportedly bans employees from using Claude Code
- South China Morning Post — Alibaba bans staff from using Claude Code over Anthropic spyware concerns
- heise online — Alibaba verbietet Beschäftigten die Nutzung von Claude-KI
- The Register — Anthropic is removing its covert code for catching Chinese competitors
- TechCrunch — Cursor admits its new coding model was built on top of Moonshot AI's Kimi