Infrastruktur · Energie
Der versteckte Preis der KI: Wie der Rechenzentrums-Boom einen Gasturbinen-Kaufrausch auslöst
Die Meldung, die am 27. Juni durch die Tech-Presse lief, hat einen unscheinbaren Kern und eine gewaltige Tragweite: Der Strombedarf von KI-Rechenzentren ist so explodiert, dass die Betreiber nicht mehr auf das öffentliche Netz warten — sie bauen sich ihre eigenen Gaskraftwerke. Industriegasturbinen sind dabei der schnellste verfügbare Weg zu verlässlicher Grundlast: Sie lassen sich in rund zwölf bis 18 Monaten in Betrieb nehmen, während ein neuer Netzanschluss, ein Kernkraftwerk oder ein groß dimensioniertes Erneuerbaren-Projekt Jahre braucht. Eine einzelne dieser Maschinen — knapp zehn Meter hoch, rund 280 Tonnen schwer — kann etwa eine halbe Million Haushalte versorgen.
Die Nachfrage hat die drei Hersteller, die diesen Markt unter sich aufteilen, an die Kapazitätsgrenze gebracht. Der Auftragsbestand von GE Vernova übersteigt inzwischen 110 Gigawatt und reicht damit bis 2029, mit Reservierungen bis 2031; rund ein Fünftel der aktuellen Bestellungen kommt direkt von Rechenzentrumsbetreibern. Siemens Energy meldet mit etwa 136 Milliarden Euro den größten Auftragsbestand der Firmengeschichte — und rund 60 Prozent der 2025 georderten Gasturbinen hingen an Data-Center-Projekten. Bei Mitsubishi sind die Lieferzeiten für große Maschinen auf bis zu sieben Jahre gestiegen. Die Folge ist eine Preisexplosion: Laut t3n hat sich der Stückpreis einer Industriegasturbine in drei Jahren um rund 300 Prozent erhöht, auf geschätzt etwa 250 Millionen US-Dollar (Schätzwert; eine Hersteller-Preisliste liegt öffentlich nicht vor).
Um die Dimension einzuordnen, hilft ein Blick auf die Zahlen der Internationalen Energieagentur. Rechenzentren verbrauchten 2024 rund 415 Terawattstunden Strom — etwa 1,5 Prozent des weltweiten Verbrauchs. Bis 2030 erwartet die IEA mehr als eine Verdopplung auf rund 945 Terawattstunden; das ist etwas mehr, als Japan heute insgesamt verbraucht. In den USA verursachen Rechenzentren laut IEA fast die Hälfte des gesamten Wachstums der Stromnachfrage bis 2030. Konkrete Projekte zeigen das Tempo: Microsoft betreibt im Rahmen eines Texas-Vorhabens sieben Turbinen mit zusammen 2,7 Gigawatt, Elon Musks xAI setzt im Großraum Memphis auf Gasturbinen, und OpenAIs „Stargate"-Standort in Texas plant ein Gigawatt eigene Turbinenleistung.
Der Preis dieses Tempos ist ökologisch und politisch. Microsoft erwägt laut Bloomberg, sich von seinem Versprechen zu verabschieden, bis 2030 rund um die Uhr CO₂-frei zu arbeiten; die eigenen Emissionen sind seit 2020 um über 23 Prozent gestiegen — trotz des Ziels, bis 2030 „CO₂-negativ" zu sein. Google meldete bis 2024 einen Anstieg seiner Treibhausgasemissionen um 48 Prozent gegenüber 2019. Wie heikel der lokale Konflikt wird, zeigt der Fall xAI in Memphis: Aktivisten dokumentierten per Luftbild rund 35 Turbinen am Standort — viele zunächst ohne passende Genehmigung; die örtliche Gesundheitsbehörde genehmigte schließlich nur 15. Die NAACP drohte mit Klage wegen Verstoßes gegen den Clean Air Act, weil die Anlagen Stickoxide und Formaldehyd in ein ohnehin vorbelastetes Wohngebiet blasen.
Für Entscheiderinnen und Entscheider ist die Botschaft unbequem klar: Der limitierende Faktor des KI-Ausbaus ist nicht mehr die Verfügbarkeit von GPUs, sondern von Energie und Netzanschlüssen. Wer Rechenkapazität skalieren will, konkurriert künftig um Turbinen-Lieferslots, langfristige Gasverträge und Genehmigungen — alles mit mehrjährigen Vorlaufzeiten. Das verschiebt KI von einem Cloud- und Halbleiterthema hin zu einem kapitalintensiven Energie-Infrastrukturthema, mit steigenden Strompreisen, die teils auf Endkunden umgelegt werden, und einem wachsenden Reputations- und Regulierungsrisiko durch Emissionen. Weil die großen Turbinen bis Ende des Jahrzehnts ausverkauft sind, weichen erste Entwickler bereits auf Kolbenmotoren und Brennstoffzellen aus. Der Engpass formt die Branche um — und er wird mit jedem neuen Rechenzentrum enger.
- t3n — Der versteckte Preis der KI: Tech-Branche kauft massenhaft Gasturbinen
- Power Engineering — Data centers drive record surge in GE Vernova power equipment orders
- Utility Dive — GE Vernova gas turbine backlog
- Bloomberg — The Great Gas Turbine Bottleneck
- IEA — Energy and AI
- TechCrunch — Microsofts Clean-Power-Ziele kollidieren mit KI