Die neue Kreativmaschine
Wenn Suno, das Musik-KI-Startup aus Cambridge, Massachusetts, jeden Tag 7 Millionen Songs generiert, dann ist das mehr als die gesamte Musikindustrie in einem Jahr produziert. Das Unternehmen, das 2023 noch kaum jemandem bekannt war, hat inzwischen über 20 Millionen Nutzer, wird mit 2,45 Milliarden Dollar bewertet und erzielte im November 2025 einen Jahresumsatz von 200 Millionen Dollar. Parallel ist Google mit Lyria 3 Pro eingestiegen: seit dem 25. März 2026 können Nutzer komplette Tracks mit Intro, Strophen, Refrain und Bridges generieren — inklusive SynthID-Wasserzeichen zur Kennzeichnung.
Die Zahlen klingen beeindruckend. Doch sie erzählen nur die halbe Geschichte. Denn während KI-Tools in Musik, Film und Werbung beispiellose neue Möglichkeiten eröffnen, lösen sie gleichzeitig eine Welle der Verunsicherung aus, die ganze Berufsgruppen erfasst.
Musik: Vom Kläger zum Lizenznehmer
Die Musikindustrie hat in weniger als 18 Monaten eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen. Universal, Sony und Warner verklagten 2024 gemeinsam Suno und Udio wegen Copyright-Verletzungen. Doch statt auf einen Gerichtsentscheid zu warten, schloss Warner Music im November 2025 einen historischen Lizenzdeal mit Suno — die erste Partnerschaft eines Major-Labels mit einer KI-Musikplattform. Universal einigte sich kurz darauf mit Udio. Sony hingegen klagt weiter.
Die Deals sehen vor, dass Künstler ihre Werke per Opt-in für KI-Training lizenzieren können. Eine neue Abo-Plattform soll 2026 starten. Die Logik dahinter: Lieber die Bedingungen mitgestalten als die Kontrolle verlieren. Google setzt mit Lyria 3 Pro bewusst auf ein anderes Modell — Training ausschließlich auf lizenzierten Daten, klare Abgrenzung von Suno und Udio. Für die Branche zeichnet sich damit ein zweigleisiges System ab: lizenzierte KI-Generierung auf der einen, umstrittenes Scraping auf der anderen Seite.
Film: Der teuerste Flop der KI-Geschichte
Nichts illustriert die Fallstricke der KI-Videogenerierung besser als OpenAIs Sora. Wie wir in unserer Ausgabe vom 25. März berichteten, stellte OpenAI seinen Videogenerator nach nur sechs Monaten ein — bei Inferenzkosten von geschätzten 15 Millionen Dollar pro Tag und gerade einmal 2,1 Millionen Dollar Gesamtumsatz über die gesamte Lebensdauer. Eine geplante Milliarden-Dollar-Partnerschaft mit Disney platzte.
Die Konkurrenz profitiert: Runway hat sich mit Gen-4 als Werkzeug für professionelle Filmemacher etabliert, mit granularer Kontrolle über Kamerabewegung und narrativer Kontinuität. Kuaishous Kling hat aus China heraus über 60 Millionen Creator erreicht und mehr als 600 Millionen Videos generiert — bei einem Preis von nur 0,07 Dollar pro Sekunde. Pika bedient Einsteiger, Google setzt auf höhere Qualität mit Veo 3.1. Die KI-Videogenerierung ist nicht gescheitert — nur Soras Geschäftsmodell war es.
In Hollywood stehen derweil die nächsten Verhandlungen an. Die 2023 erknüpften Verträge der WGA (Drehbuchautoren) und SAG-AFTRA (Schauspieler, 160.000 Mitglieder) laufen 2026 aus. SAG-AFTRA fordert unter anderem eine „Tilly Tax“ — eine Abgabe, wenn Studios menschliche Darsteller durch digitale Klone ersetzen. Die WGA verlangt stärkere Leitplanken gegen KI-Einsatz bei der Drehbuchentwicklung. Die Studios erwägen Fünf-Jahres-Verträge, um Planungssicherheit zu schaffen.
Werbung: Die stille Revolution
In der Werbebranche vollzieht sich der Umbruch weniger spektakulär, aber nicht minder tiefgreifend. Nach McKinsey nutzen 78 Prozent aller Organisationen KI in mindestens einer Geschäftsfunktion — über 60 Prozent der Marketingleiter setzen generative KI für Content-Erstellung ein. Coca-Cola hat mit „Project Fizzion“ zusammen mit Adobe ein Design-Intelligence-System aufgebaut, das lokalisierte Kampagnenvarianten zehnmal schneller erstellt als traditionelle Workflows.
Die Kehrseite zeigt sich in den Personalzahlen. Dentsu hat 3.400 Jobs gestrichen, WPP 7.000, Interpublic 3.200, Omnicom 3.000. Forrester beziffert den Rückgang der Agentur-Belegschaften auf 8 Prozent in 2025. Das Beratungsunternehmen Challenger, Gray & Christmas schätzt, dass KI allein in den USA für über 100.000 Jobstreichungen im Jahr 2025 verantwortlich war — in den ersten Monaten 2026 kamen bereits über 31.000 hinzu.
Die Holdinggesellschaften bauen sich um KI herum um: WPP Open Pro, Publicis CoreAI, Omnicom Omni Assist heißen die neuen Plattformen. Das Muster ist überall gleich: Weniger Junior-Positionen für Ausführung, mehr Senior-Rollen für Strategie und KI-Orchestrierung. Horizon Media strich im März 2026 50 Stellen — und schrieb gleichzeitig über 100 neue Positionen in Data, Tech und KI aus.
Die Existenzfrage
Der World Economic Forum prognostiziert in seinem „Future of Jobs Report 2025“, dass bis 2030 weltweit 92 Millionen Jobs eliminiert, aber 170 Millionen neue geschaffen werden — netto ein Plus von 78 Millionen. McKinsey schätzt, dass generative KI 60 bis 70 Prozent der aktuellen Arbeitstätigkeiten vor 2030 automatisieren könnte, was äquivalent zu 300 Millionen Vollzeitstellen wäre.
Doch die Gesamtzahlen verdecken eine unbequeme Wahrheit: Die Menschen, die ihren Job verlieren, sind selten dieselben, die die neuen Stellen besetzen können. Ein Grafiker, der Layouts für Social-Media-Posts erstellt hat, wird nicht über Nacht zum KI-Workflow-Designer. Ein Stockfotograf hat andere Kompetenzen als ein Prompt Engineer. In der Kreativbranche zeichnet sich ein Muster ab, das man aus früheren Automatisierungswellen kennt: KI ersetzt nicht alle kreative Arbeit, aber sie komprimiert dramatisch die Nachfrage auf der Ausführungsebene. Ein Senior Creative Director mit KI-Tools kann den Output von fünf Junior-Designern ersetzen.
Zwischen Regulierung und Realität
Der EU AI Act tritt am 2. August 2026 für Hochrisiko-KI-Systeme in Kraft. Alle Anbieter großer KI-Modelle müssen dann eine strukturierte öffentliche Zusammenfassung ihrer Trainingsdaten veröffentlichen und Copyright-Opt-outs respektieren. Europäische Kreativverbände, darunter die European Composer and Songwriter Alliance, kritisieren allerdings, der AI Act schütze Kreative nicht ausreichend — es fehle ein klarer Weg zu Vergütung für die Nutzung ihrer Werke.
In den USA fehlt ein vergleichbares Bundesgesetz. Stattdessen setzen die Label-Deals mit Suno und Udio ein Marktmodell: Opt-in-Lizenzierung statt pauschaler Nutzung. Ob sich dieses Modell auch auf andere Kreativbereiche — Texte, Bilder, Video — übertragen lässt, ist offen.
Die Kreativbranche steht an einem Scheideweg. Die Technologie ist da, die wirtschaftlichen Anreize sind gewaltig, und die Regulierung hinkt hinterher. Für Unternehmen, die KI-Tools einsetzen, stellt sich nicht mehr die Frage ob, sondern wie — und wie sie sicherstellen, dass der Produktivitätsboost nicht auf Kosten der kreativen Substanz geht, von der ihr Geschäft letztlich lebt. Denn eines zeigt das Sora-Debakel: Faszinierende Demos und nachhaltige Geschäftsmodelle sind zwei sehr verschiedene Dinge.