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Rund 300 Titel mit generativer KI: Netflix macht den KI-Einsatz zum Normalfall
Die Zahl fiel im Earnings Call zum zweiten Quartal am 16. Juli: Generative KI werde inzwischen „in ungefähr 300 unserer Titel" eingesetzt, sagte Co-CEO Ted Sarandos — und zwar „über den gesamten kreativen Prozess, vom Konzept über Previsualisierung bis zu Postproduktion und Auslieferung". Der Schwerpunkt liegt laut Netflix klar in der Postproduktion: visuelle Effekte, Shot-Planung, Crowd-Szenen. Wichtig für die Einordnung: Es geht nicht um vollständig KI-generierte Filme, sondern um KI-Werkzeuge innerhalb menschlich geführter Produktionen. Sarandos formulierte es so: „Wir glauben, dass es großartige Künstler braucht, um Großartiges zu schaffen — und KI ändert daran nichts."
Konkrete Beispiele nannte Netflix auch. Die US-Doku-Serie The American Experiment enthält 17 Minuten KI-unterstütztes Material — laut Sarandos „doppelt so schnell und zur Hälfte der Kosten der bisherigen Optionen" produziert; der Umfang der Serie sei so überhaupt erst machbar geworden. Beim indischen Sport-Thriller Glory und der brasilianischen Fußball-Miniserie Brasil 70 vergrößerte KI Stadien-Menschenmengen und historische Massenszenen. Die Arbeit stammt zu großen Teilen von Netflix' hauseigener VFX-Einheit Eyeline Studios und dem im März übernommenen KI-Postproduktions-Studio InterPositive — jenem Startup, das Ben Affleck mitgegründet hat und das Farbkorrektur, Relighting und Continuity-Fixes automatisiert.
Der Weg zu dieser Zahl war kurz: Erst im Juli 2025 hatte Sarandos den ersten Einsatz von generativer KI in finalem Filmmaterial überhaupt verkündet — eine einstürzende Gebäudefassade in der argentinischen Serie El Eternauta, zehnmal schneller produziert als mit klassischen VFX. Ein Jahr später ist aus dem Einzelfall ein industrieller Standard geworden. Gleichzeitig hält Netflix seine Produktionspartner an strenge Regeln: Generative KI darf laut den offiziellen Partner-Richtlinien keine Hauptfiguren, zentralen Bildelemente oder Darsteller-Performances ohne schriftliche Genehmigung und dokumentierte Einwilligung erzeugen, Produktionsdaten dürfen nicht in Trainingsdaten fließen.
Die Reaktionen zeigen die Spannweite der Debatte. VFX-Beschäftigte warnen, dass genau die Aufgaben zuerst automatisiert werden, an denen der Nachwuchs sein Handwerk lernt — Cleanup, Rotoskopie, Compositing. „Diese frühen Gelegenheiten sind es, wo Künstler traditionell durch Praxis lernen", sagt Mohsin Kazi, Compositing Supervisor beim VFX-Haus DNEG. Kritiker wie TV-Kritiker Alan Sepinwall verbinden die KI-Offensive zudem mit dem seit Jahren kritisierten uniformen „Netflix-Look". Und Branchenbeobachter nennen es widersprüchlich, dass Netflix KI-Modelle nutzt, die mutmaßlich auf urheberrechtlich geschütztem Material trainiert wurden, während der Konzern die eigenen Inhalte strikt vor KI-Training schützt.
Finanziell lief das Quartal solide, aber nicht glänzend: 12,56 Milliarden Dollar Umsatz (plus 13,4 Prozent), 3,4 Milliarden Dollar Gewinn. Die Aktie verlor nachbörslich dennoch rund neun Prozent — wegen einer vorsichtigen Umsatzprognose für das dritte Quartal, nicht wegen der KI-Zahlen. Die eigentliche Botschaft der 300 Titel richtet sich ohnehin an die Branche: Der größte Streamer der Welt hat generative KI vom Experiment zur Standard-Infrastruktur erklärt. Was das für Studios, VFX-Dienstleister und Kreative bedeutet, analysiert unsere heutige Reportage im Detail.
- heise online — Netflix: Generative KI in rund 300 Filmen und Serien eingesetzt
- Variety — About 300 Netflix Programs Used AI This Year, Company Reveals
- Engadget — Netflix says it's already used AI in 'roughly 300' titles this year
- Rest of World — Netflix's AI deal puts the global VFX workforce at risk
- TechCrunch — Netflix starts using GenAI in its shows and films (El Eternauta, 2025)
- Deadline — Netflix Q2 2026 Earnings: Shares Fall After Mixed Report