Souveränität · EU
400 Milliarden Parameter „Made in EU“: Konsortium Europa gewinnt die Frontier AI Grand Challenge
Europa hat ein chronisches Problem im KI-Wettlauf: viel Forschung, wenig Rechenleistung, kaum eigene Frontier-Modelle. Die Frontier AI Grand Challenge, im Februar 2026 von der EU-Kommission gemeinsam mit dem Supercomputing-Verbund EuroHPC und dem Projekt AI-BOOST ausgelobt, ist der Versuch, genau diese Lücke zu schließen. Am Freitag stand der Sieger fest: ein Konsortium mit dem programmatischen Namen „Europa“, angeführt vom italienischen KI-Unternehmen Domyn.
Der Wettbewerb war ungewöhnlich konstruiert. Gesucht wurde nicht ein fertiges Produkt, sondern der überzeugendste Plan, ein Modell mit einer Rechenkapazität „äquivalent zu mindestens 400 Milliarden Parametern“ zu bauen — ausdrücklich mit effizienten, modularen Architekturen wie Mixture-of-Experts (MoE). Bei MoE wird nicht das gesamte Riesenmodell für jede Anfrage aktiviert, sondern nur ein passender Ausschnitt von „Experten“-Teilnetzen. Das senkt die Rechenkosten pro Anfrage drastisch und ist der Grund, warum praktisch alle aktuellen Spitzenmodelle auf dieses Prinzip setzen.
Bemerkenswert ist die Form des Preises. Statt Fördergeld erhält das Gewinnerkonsortium Zugang zu bis zu 2,5 Prozent der gesamten EuroHPC-Rechenkapazität für ein Jahr — also direkten Zugriff auf einige der schnellsten Supercomputer des Kontinents. Genau daran scheiterten europäische Modellprojekte bisher am häufigsten: nicht am Talent, sondern am fehlenden Zugang zu zehntausenden Beschleuniger-Chips. Das fertige Modell soll als Open Source veröffentlicht werden, sodass Unternehmen, Forschung und Verwaltung in der EU gleichermaßen davon profitieren. Vorgesehen ist Unterstützung für alle 24 offiziellen EU-Amtssprachen — ein Bereich, in dem US-Modelle traditionell schwächeln.
Domyn ist kein unbeschriebenes Blatt. Das Unternehmen hat bereits ein Modell mit 263 Milliarden Parametern („Domyn-Large“) vorgelegt, gefolgt vom größeren „Colosseum-355B“ und dem kompakten „Italia-10B“ — alle auf europäische Sprachen und die Anforderungen des EU AI Act zugeschnitten. Das spricht dafür, dass hinter dem Plan reale Trainingserfahrung steht und nicht nur eine Absichtserklärung.
Einordnung: Das Projekt reiht sich in eine breitere europäische Souveränitäts-Offensive ein, über die wir mehrfach berichtet haben — von Mistral Compute über die EuroHPC AI Factories bis zu Aleph Alpha (siehe unsere Ausgabe vom 16. Juni). Der politische Subtext ist offensichtlich: In einem Jahr, in dem die US-Regierung Anthropics Spitzenmodelle per Exportkontrolle aus Europa aussperrte (siehe 13. Juni), wird ein eigenes, offenes Frontier-Modell von der industriepolitischen Kür zur strategischen Notwendigkeit. Ob „Europa“ technisch zu GPT-5.5, Gemini oder den führenden offenen Modellen aus China aufschließen kann, wird sich erst beim Training zeigen — der Erfolg hängt nun an Ausführung, nicht an Ambition.
- heise online — 400-Milliarden-Parameter-Modell: Konsortium „Europa“ gewinnt KI-Wettbewerb
- European Commission — Turning strategy into action: Commission launches Frontier AI Grand Challenge
- HPCwire / AIwire — EuroHPC and European Commission Launch Frontier AI Grand Challenge
- CINECA — AI-BOOST and EuroHPC launch Frontier AI grand challenge for sovereign 400b+ models