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Amazon will eigene KI-Chips verkaufen und greift Nvidia frontal an
Amazon führt nach Berichten von Bloomberg und TechCrunch Gespräche darüber, seine selbst entwickelten KI-Chips der Trainium-Reihe erstmals direkt an Dritte zu verkaufen — also an andere Unternehmen und Rechenzentren, statt sie wie bisher nur als Mietleistung über die Cloud-Sparte AWS anzubieten. Trainium sind sogenannte ASICs (anwendungsspezifische Chips), die auf das Training und den Betrieb von KI-Modellen zugeschnitten sind und als günstigere Alternative zu Nvidias dominanten Grafikprozessoren (GPUs) positioniert werden. Bestätigt wurden die Gespräche von Peter DeSantis, Amazons Senior Vice President für Halbleiter, KI und Quantencomputing, am Rande eines Termins in Paris. Laut den Berichten befinden sich die Verkaufspläne noch in einem frühen Stadium; konkrete Abnehmer nannte DeSantis nicht.
Der strategische Bruch liegt im Geschäftsmodell: Bislang nutzten die Hyperscaler ihre eigenen Chips fast ausschließlich intern. Googles TPUs laufen nur in der Google Cloud, Metas MTIA bedient ausschließlich die eigenen Empfehlungssysteme und ist erklärtermaßen kein Konkurrenzprodukt zu Nvidia, und Microsofts Maia steckt in den Azure-Rechenzentren. Würde Amazon Trainium-Chips tatsächlich „rackweise“ an externe Betreiber verkaufen, wäre es der erste Hyperscaler, der seine Eigenentwicklung als eigenständiges Hardware-Produkt am offenen Markt anbietet — und damit direkt in Nvidias Kerngeschäft eindringt. Antrieb sei laut DeSantis die wachsende internationale Nachfrage nach lokal kontrollierbarer Rechenkapazität, besonders in Europa, wo der Ruf nach souveräner KI-Infrastruktur lauter wird.
Die genannten Zahlen verdeutlichen die Dimension. CEO Andy Jassy hatte bereits in seinem Aktionärsbrief erklärt, ein eigenständiges Chip-Geschäft käme auf einen jährlichen Umsatzlauf von rund 50 Milliarden US-Dollar — gegenüber etwa 20 Milliarden, die Amazon für das laufende Jahr aus dem internen Einsatz schätzt. Zum Vergleich: Nvidia operiert derzeit auf einem Umsatzlauf von rund 326 Milliarden Dollar. Bei der Chip-Generation gibt es eine Nuance, die als unbestätigt zu kennzeichnen ist: Bloomberg berichtet, die dritte Generation (Trainium3) sei „weitgehend ausverkauft“, während TechCrunch zusätzlich auf die kommende vierte Generation (Trainium4) verweist, die noch über ein Jahr von der Verfügbarkeit entfernt sei und bereits vorverkauft wird. Entwickelt werden die Chips vom Team rund um Annapurna Labs, das Amazon 2015 übernahm und das heute aus Austin, Texas, operiert.
Der Vorstoß fällt in eine breitere Verschiebung der Lieferketten weg von der Achse Nvidia/TSMC. Wie heise online am 18. Juni berichtete, lassen AMD, BYD, Google und Tesla künftig mehr Chips bei Samsung fertigen — getrieben von Kapazitätsengpässen bei TSMC, dessen Auftragsbücher mit Nvidia, Apple, Broadcom und anderen nahezu ausgelastet sind. Parallel wachsen Custom-ASICs insgesamt deutlich schneller als zugekaufte GPUs; Marktbeobachter erwarten, dass ASIC-basierte KI-Server 2026 spürbar an Anteil gewinnen, vor allem bei Inferenz-Workloads. Nvidias Vormachtstellung bei Rechenzentrums-Beschleunigern bleibt mit einem geschätzten Marktanteil von über 90 Prozent dennoch erdrückend — die Eigenchips knabbern bislang vor allem an spezifischen Inferenz-Lasten, nicht am Trainingsgeschäft.
Für Infrastruktur-Entscheider in Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Die Optionen jenseits von Nvidia werden konkreter. Wer KI-Workloads betreibt, könnte mittelfristig Trainium-Hardware nicht nur als AWS-Mietleistung, sondern als kaufbare Rack-Lösung im eigenen oder einem souveränen europäischen Rechenzentrum einsetzen — potenziell zu niedrigeren Stückkosten, aber um den Preis eines weniger reifen Software-Ökosystems als Nvidias CUDA-Plattform. Kurzfristig sollte man die Ankündigung jedoch nüchtern einordnen: Es handelt sich um frühe Gespräche, nicht um ein verfügbares Produkt. Wer Beschaffungsstrategien plant, sollte die Entwicklung beobachten, aber Vendor-Diversifizierung weiterhin als mehrjährigen Prozess behandeln.
- TechCrunch — Amazon hopes to challenge Nvidia more directly by selling its AI chips
- Bloomberg — Amazon in Talks to Sell AI Chips Competing With Nvidia to Other Companies
- heise online — Samsung soll mehr Chips von AMD, BYD, Google und Tesla fertigen
- Tom's Hardware — The custom AI ASIC state of play: Broadcom, Google TPUs, Meta MTIA & beyond
- The Motley Fool — Amazon May Start Selling Its Custom AI Chips to Outside Companies