Infrastruktur · SpaceX
Rechenzentren in die Umlaufbahn: SpaceX verspricht Investoren KI-Satelliten ab 2028
SpaceX hat in den Unterlagen zu seinem Börsengang ein Vorhaben offengelegt, das die Rechenzentrums-Industrie buchstäblich in eine neue Sphäre hebt: Das Unternehmen will Rechenzentren in die Erdumlaufbahn bringen und bezeichnet sich selbst als „das einzige Unternehmen mit einem kommerziell tragfähigen Weg“ dorthin. Das Herzstück ist ein neuer Satellitentyp mit dem Namen „AI1“. Erste zwei Prototypen sollen laut Berichten von Data Center Dynamics und Stocktwits Anfang bis Ende 2027 in den Orbit, der breitere Aufbau laut IPO-Prospekt „so früh wie 2028“ beginnen. Die Enthüllung kam wenige Tage nach dem SpaceX-IPO an der Nasdaq (Kürzel „SPCX“), über das wir in unserer Ausgabe vom 13. Juni berichteten — dem mit rund 1,77 Billionen Dollar Bewertung größten Börsengang aller Zeiten, der Elon Musk zum ersten Billionär machte.
Technisch ist AI1 nach Musks eigener Beschreibung „deutlich einfacher als ein Starlink-Satellit“: im Kern eine große Fläche Solarzellen, Wärme-Radiatoren, an Bord montierte Compute-Racks und schnelle Laser-Verbindungen zwischen den Satelliten — aber ohne die komplexen Phased-Array-Antennen, die Starlink für Internet braucht. Jeder AI1-Satellit ist auf etwa 120 Kilowatt durchschnittliche Rechenleistung ausgelegt, mit Spitzen um 150 Kilowatt. Der eigentliche Einstieg läuft jedoch über die bestehende Flotte: SpaceX will Compute zunächst auf seine neuen Starlink-V3-Satelliten packen, die ab der zweiten Jahreshälfte 2026 per Starship in Serie starten sollen.
Die Größenordnung der Ambition ist beträchtlich — und teils aspirativ. SpaceX hat bei der US-Regulierungsbehörde FCC Anträge für bis zu einer Million Daten-Satelliten gestellt; das ist eine regulatorische Obergrenze, kein Bauplan. Konkreter ist die geplante „Gigasat“-Fabrik im texanischen Bastrop, die ab Ende 2027 auf über elf Millionen Quadratfuß Fläche KI-Satelliten und Solarkomponenten produzieren soll. Wichtig für die Einordnung: Zwischen dem vorsichtigen Prospekt-Wortlaut („so früh wie 2028“) und der aggressiveren Marketing-Roadmap (ein Gigawatt orbitaler Rechenkapazität pro Jahr bis Ende 2027) klafft eine Lücke. Man sollte beides nicht verwechseln — vieles davon sind bislang Hersteller-Angaben, nicht unabhängig verifizierte Fakten.
Warum überhaupt ins All? Die Antwort ist ein irdischer Engpass. KI-Rechenzentren verschlingen Strom und Kühlwasser in einem Tempo, das lokale Netze und Genehmigungsverfahren an die Grenze bringt. Im Orbit lockt rund um die Uhr Solarenergie ohne Wolken, Nacht oder Wetter, dazu Kühlung durch Wärmeabstrahlung ins All und keine Konkurrenz um Grundstücke oder Trinkwasser. SpaceX ist mit der Idee nicht allein: Google testet unter dem Namen „Project Suncatcher“ solarbetriebene Satelliten mit eigenen TPU-Chips und will mit dem Partner Planet Labs bis Anfang 2027 zwei Prototypen starten. Das Nvidia-gestützte Startup Starcloud betrieb bereits seit November 2025 die erste H100-GPU im Orbit. Und Jeff Bezos prognostizierte im Oktober 2025 Gigawatt-Rechenzentren im All „innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren“.
Die Skepsis ist genauso real wie die Euphorie. Das härteste Problem ist die Wärme: Im Vakuum lässt sich Abwärme nur durch Infrarot-Strahlung loswerden — ein zweiseitiger Radiator bei etwa 20 °C gibt nach Starclouds eigenem White Paper nur rund 633 Watt pro Quadratmeter ab, Größenordnungen langsamer als Wasserkühlung. Dazu kommen Startkosten (Nvidia-Chef Jensen Huang nennt grob 7.000 Dollar pro Kilogramm), Latenz, Strahlung und die schlichte Tatsache, dass man defekte Hardware im Orbit nicht eben austauscht. Huangs nüchternes Fazit aus dem Mai: Es gebe „keine physikalischen Grenzen“, aber die Ökonomie sei „derzeit schlecht“ und es werde „Jahre dauern“. Warum die KI-Branche trotzdem nach oben blickt, beleuchten wir in der heutigen Reportage im Detail.
- t3n — KI-Satelliten im All sollen 2028 starten
- Data Center Dynamics — SpaceX set to launch first orbital data center AI1 satellites in 2027
- Tom's Hardware — SpaceX unveils Gigasat factory
- Google Research — Project Suncatcher: a space-based scalable AI infrastructure system
- CNBC — Nvidia-backed Starcloud trains first AI model in space