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Anthropic verliert den Kampf um Claude Code: 8.100 Takedowns zurückgenommen, „Claw Code“ wird zum schnellstwachsenden Repo der GitHub-Geschichte
Die Fakten haben sich seit unserer Berichterstattung am 1. April verändert — und in eine Richtung, die Anthropic kaum gewünscht hat. Damals wurde der vollständige Quellcode von Claude Code (512.000 Zeilen TypeScript inklusive Tamagotchi-Buddy-System, KAIROS Always-On-Agent und 44 Feature-Flags) versehentlich über eine npm-Source-Map veröffentlicht. Anthropic reagierte am 1. April mit einer DMCA-Massentakedown-Aktion — und legte versehentlich 8.100 GitHub-Repositorien lahm, weil GitHubs Fork-Netzwerk-Logik die Takedowns kaskadierte. Die offizielle Retraction folgte am Folgetag mit einer reduzierten Liste auf 1 Repository plus 96 Forks. Was am 3. Mai im heise-Feature steht, ist die ehrliche Bestandsaufnahme: Diese 96 Anträge sind alles, was übrig ist. Anthropic hat die Massenoffensive aufgegeben.
An ihre Stelle ist eine Welle dezentraler Klone getreten. Die wichtigste: Claw Code, ein Clean-Room-Rewrite in Python und Rust durch den koreanischen Entwickler Sigrid Jin (GitHub-Handle instructkr). „Clean Room“ bedeutet: kein einziger Original-Code wurde übernommen; nur die öffentlich beobachtbare Funktionalität wurde rekonstruiert. Innerhalb von zwei Stunden nach Veröffentlichung sammelte das Repository 50.000 Sterne — laut Cybernews die schnellste Wachstumsrate eines Open-Source-Projekts in der GitHub-Geschichte. Aktuell stehen rund 75.000 Sterne und 58.200 Forks zu Buche. xAI, Elon Musks KI-Unternehmen, nutzt Claw Code laut PYMNTS-Recherche bereits intern — eine bemerkenswerte Eskalation, weil Musk mit Anthropic in keinem freundschaftlichen Verhältnis steht.
Der entscheidende Punkt für die juristische Bewertung kommt aus Anthropics eigenen Aussagen: Claude Code wurde „zu etwa 90 Prozent von Claude selbst geschrieben“ — eine Marketing-Aussage, die das Unternehmen für die rasche Iterations-Geschwindigkeit anführt. US-Gerichte haben in mehreren Verfahren (zuletzt Thaler v. Perlmutter, 2023) entschieden, dass vollständig autonom erzeugte KI-Werke keinen Copyright-Schutz genießen. Würde Anthropic klagen — gegen Claw Code oder Drittnutzer von durchgesickertem Code —, müsste es entweder einräumen, dass Code von Claude doch Copyright genießt (was die laufenden Trainingsdaten-Klagen, in denen Anthropic argumentiert, KI-Erzeugung sei „transformativ“ und falle unter Fair Use, untergräbt) oder klein beigeben. Diese Falle ist der eigentliche Grund für den Strategiewechsel.
Zusätzlich tut sich eine technische Verteidigungslücke auf: Der Source-Code ist nicht mehr nur auf GitHub. Mirror-Kopien zirkulieren auf Gitlawb, einer dezentralen Git-Plattform, deren Maintainer öffentlich angekündigt hat: „Wird niemals takedown-bar sein.“ Die DMCA hat über solche Föderationsdienste keine Reichweite. Parallel dazu verbreiten sich auf NPM bereits trojanisierte Versionen — Zscaler ThreatLabz dokumentierte am 5. April Vidar v18.7 Infostealer und GhostSocks in gefälschten Repository-Klonen, die das Leck als Distributionsbrücke nutzen.
Für Tech-Entscheider in SaaS-Unternehmen sind drei strategische Implikationen relevant. Erstens: Wer Claude Code in der Pipeline einsetzt, sollte beachten, dass Mitarbeitende möglicherweise inzwischen auf Claw Code oder andere Klone wechseln — ohne Lizenz-, Compliance- oder Audit-Spuren bei Anthropic. Code-Inventur ist Pflicht. Zweitens: Das Leck ist ein präjudizieller Stresstest für KI-Urheberrecht. Wer Code mit KI-Hilfe entwickelt, sollte die Frage „Wer hält das Copyright?“ vertraglich klären — gerade in DACH, wo die Schöpfungshöhe-Frage anders gewertet wird als in den USA. Drittens: Der Reputationsschaden für Anthropic ist real, kommt aber aus der eigenen Policy. Die DMCA-Aktion vom 1. April hat in der OSS-Community eine bleibende Skepsis hinterlassen. Anthropic positioniert sich als „verantwortungsvolles AI-Lab“ — und konnte den ersten Praxistest bei einem eigenen Sicherheitsvorfall nicht bestehen.
- heise — Claude Code-Leck: 8100 Löschanträge und die Geburtsstunde von Claw Code
- TechCrunch — Anthropic took down thousands of GitHub repos trying to yank its leaked source code
- PYMNTS — Anthropic's Claude Source Code Leak Hands Competitors a Blueprint
- Cybernews — Leaked Claude Code spawns fastest-growing repository in GitHub's history
- github/dmca — Anthropic Retraction (1. April)