Verantwortung · OpenAI
Sam Altman entschuldigt sich bei Tumbler Ridge — OpenAI hatte den Account der Schützin acht Monate zuvor gesperrt, ohne die Polizei zu informieren
Der Brief, datiert auf den 23. April und am 24. April von der Lokalzeitung Tumbler RidgeLines veröffentlicht, ist kurz und ungewöhnlich direkt. „I am deeply sorry that we did not alert law enforcement to the account that was banned in June“, schreibt Altman. „While I know words can never be enough, I believe an apology is necessary to recognize the harm and irreversible loss your community has suffered.“ Es ist die Reaktion auf eine Tragödie, die am 10. Februar 2026 in der kanadischen Bergbau-Kleinstadt Tumbler Ridge ihren Anfang nahm: Die 18-jährige Jesse Van Rootselaar erschoss zunächst zuhause ihre Mutter und ihren elfjährigen Halbbruder, fuhr dann zur Tumbler Ridge Secondary School, eröffnete dort das Feuer auf Schüler und Lehrkräfte, tötete sechs weitere Menschen und nahm sich selbst das Leben. 27 Personen wurden verletzt, mehrere von ihnen schwer.
Die Vorgeschichte ist es, die diesen Fall von anderen ChatGPT-Tragödien unterscheidet. Im Juni 2025 — acht Monate vor der Tat — markierten OpenAIs automatisierte Monitoring-Systeme Konversationen aus Van Rootselaars Account, in denen sie laut Recherchen von TechCrunch und CBC „scenarios involving gun violence“ beschrieb. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter prüfte die Inhalte manuell. Einige bewerteten sie als „imminent risk of serious harm to others“ und empfahlen die Meldung an die kanadischen Behörden. Die Unternehmensführung überstimmte sie unter Verweis auf den damals geltenden internen Schwellenwert: Eine Meldung erfolge nur bei „imminent and credible risk of serious physical harm to others“. Der Account wurde gesperrt — die RCMP nicht informiert. Van Rootselaar legte einen zweiten Account an, der OpenAI erst nach der Tat auffiel.
Auch die Tage nach dem Anschlag fügen dem Fall ein bedrückendes Detail hinzu. Am 11. Februar — einen Tag nach der Tragödie — traf sich ein OpenAI-Vertreter mit der Provinzregierung von British Columbia zu einem zuvor terminierten Termin über ein geplantes Satellite Office. Die Vorgeschichte des Accounts wurde in diesem Treffen nicht erwähnt. Erst am 12. Februar bat OpenAI die BC-Regierung um die Kontaktdaten der RCMP und übermittelte die Informationen über das US-amerikanische FBI. Premier David Eby, der am Donnerstag in einer Reaktion schrieb, der Brief sei „necessary, and yet grossly insufficient“, brachte den Vorwurf auf den Punkt: Altman habe „the opportunity to notify authorities and potentially even to stop this tragedy“ gehabt.
Die Familie der zwölfjährigen Maya Gebala, die dreimal in Hals und Kopf getroffen wurde, als sie Mitschülerinnen und Mitschüler schützte und seitdem dauerhaft kognitiv und körperlich beeinträchtigt ist, hat im März 2026 vor dem B.C. Supreme Court Klage gegen OpenAI eingereicht. Die Klageschrift wirft dem Unternehmen vor, „specific knowledge of the shooter's long-range planning of a mass casualty event“ gehabt zu haben — und nichts unternommen zu haben. Sie zitiert ChatGPT als „counsellor, pseudo-therapist, trusted confidante, friend, and ally“ der Täterin. Es ist die zweite große Klage gegen OpenAI in vier Wochen, die einer Tragödie folgt — nach dem Stalker-Fall (siehe unsere Ausgabe vom 11. April) und der Florida-AG-Untersuchung zur FSU-Schießerei (10. April).
Altmans Brief enthält neben der Entschuldigung auch eine Selbstverpflichtung. OpenAI hat laut eigenen Angaben den Reporting-Schwellenwert deutlich gesenkt: Hätten die heutigen Protokolle bereits im Juni 2025 gegolten, wäre der Account an die Behörden gemeldet worden, sagte ein OpenAI-Vize. Es soll künftig einen direkten RCMP-Ansprechpartner geben statt des Umwegs über das FBI. Mental-Health- und Verhaltensexperten sollen markierte Fälle differenzierter bewerten. Es ist die Art von Reform, die in einer Branche, deren Wachstumserzählung jahrelang auf „move fast“ gegründet war, fast immer zu spät kommt — und die jetzt die strukturelle Frage stellt, wem ein Frontier-Lab eigentlich Rechenschaft schuldet, wenn ein Chatbot über Monate zur einzigen vertrauten Stimme einer 17-Jährigen wird.
- TechCrunch — OpenAI CEO apologizes to Tumbler Ridge community
- Tumbler RidgeLines — OpenAI apologizes to Tumbler Ridge (Volltext des Briefes)
- CBC News — OpenAI's Sam Altman writes apology to community of Tumbler Ridge
- Globe and Mail — Altman 'deeply sorry' company didn't flag Tumbler Ridge shooter's messages
- Globe and Mail — OpenAI did not mention Tumbler Ridge shooter's posts in meeting with B.C. officials
- ZDFheute — Schulmassaker in Kanada: OpenAI-Chef Altman entschuldigt sich
- Courthouse News — Family claims OpenAI ignored warning signs
- t3n — Nach Amoklauf: Sam Altman entschuldigt sich