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Reportage

Die Rechnung hinter dem Robotaxi: Warum 500.000 Fahrten pro Woche noch kein Geschäft sind

Waymo fährt eine halbe Million bezahlte Fahrten pro Woche und wird mit 126 Milliarden Dollar bewertet — und verdient trotzdem kein Geld. Der mögliche Bruch mit Uber legt offen, worum es im Robotaxi-Markt wirklich geht: um Stückkosten, um unsichtbares Personal und um die Frage, wem der Kunde gehört. Eine Nachrechnung mit Blick auf China, das Mahnmal Cruise und Europas Rückstand. Von Stefan Lange-Hegermann.

Von Stefan Lange-Hegermann · · 7 Minuten

Ein Streit, der die eigentliche Frage stellt

Ende Juni 2026 endete die Robotaxi-Kooperation von Waymo und Uber in Phoenix, dem ältesten gemeinsamen Markt. Es ging dabei um gut ein Dutzend Fahrzeuge — gemessen an Waymos Flotte eine Randnotiz. Doch als die Financial Times am 24. Juli berichtete, Waymo prüfe auch den Ausstieg in Austin und Atlanta, verlor die Uber-Aktie rund vier Prozent an einem Tag. Der Markt reagierte nicht auf ein Dutzend Autos. Er reagierte auf eine Frage, die über die gesamte Branche entscheidet: Wer kontrolliert am Ende die Kundenbeziehung — und damit die Marge?

Die Antwort hängt an einer Zahl, über die deutlich seltener gesprochen wird als über Fahrtenrekorde und Bewertungen: den Kosten pro gefahrener Meile.

Was eine Robotaxi-Meile wirklich kostet

Waymo veröffentlicht seine Stückkosten nicht. Externe Analysen kommen für 2025 auf rund 1,98 US-Dollar pro Umsatzmeile, wenn man Fahrzeugabschreibung, Wartung und Betriebskosten einrechnet; als Zielmarke für 2027 gilt in denselben Rechnungen ein Wert um 0,99 Dollar. Beide Zahlen sind Schätzungen Dritter, keine Unternehmensangaben — man sollte sie als Größenordnung lesen, nicht als Bilanzposten.

Dem stehen Erlöse von grob drei Dollar pro Meile gegenüber, bei einem durchschnittlichen US-Fahrpreis von etwas über zwei Dollar pro Meile. Eine Fünf-Meilen-Fahrt wirft nach dieser Rechnung also rund fünf Dollar Rohertrag ab — bevor Depots, Reinigung, Versicherung und vor allem das Kapital für die Flotte bezahlt sind. Genau in dieser Lücke steckt das Geschäftsmodell: Sie schließt sich nur über Auslastung und Skalierung.

Die Konzernzahlen zeigen, wie weit der Weg noch ist. Alphabets Segment Other Bets, in dem Waymo bilanziert wird, wies im zweiten Quartal 2026 382 Millionen Dollar Umsatz bei 1,8 Milliarden Dollar operativem Verlust aus. Ein Jahr zuvor standen 373 Millionen Dollar Umsatz einem Verlust von 1,24 Milliarden Dollar gegenüber — der Verlust wächst also deutlich schneller als der Umsatz. Alphabet begründet das mit Flottenausbau, Fertigung und Forschung; Waymo ist in diesem Segment nicht der einzige Posten, aber der mit Abstand kapitalintensivste. Im Februar 2026 sammelte das Unternehmen 16 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 126 Milliarden Dollar ein. Die Bewertung preist also nicht das heutige Geschäft ein, sondern die Annahme, dass die Stückkosten sich in den kommenden Jahren halbieren.

Die Menschen, die man nicht sieht

Ein hartnäckiger Irrtum über Robotaxis lautet, sie kämen ohne Personal aus. Im Februar 2026 legte Waymo Zahlen offen: Weltweit sind zu jedem Zeitpunkt etwa 70 Remote-Assistance-Kräfte im Dienst — bei einer Flotte von über 3.000 Fahrzeugen, die zusammen mehr als vier Millionen Meilen pro Woche zurücklegen. Das entspricht ungefähr einer Person auf 43 Fahrzeuge. Die Hälfte dieser Kräfte arbeitet in Arizona und Michigan, die andere Hälfte in zwei Städten auf den Philippinen; das Event Response Team, das Unfälle und die Abstimmung mit Rettungskräften übernimmt, sitzt ausschließlich in den USA.

Entscheidend ist die Art der Tätigkeit: Diese Mitarbeitenden steuern die Fahrzeuge nicht fern — sie haben weder Lenkrad noch Joystick. Sie beantworten Rückfragen des Systems in unklaren Situationen. Ökonomisch ist das der eigentliche Durchbruch. Ein klassischer Fahrdienst skaliert linear mit Personal; hier wächst der Personalbedarf deutlich langsamer als die Flotte. Zugleich zeigt die Auslagerung eines Teils dieser Arbeit auf die Philippinen, dass auch dieser Rest an Personalkosten aktiv optimiert wird — und sie wirft Fragen nach Datenzugriff und Aufsicht auf, die der Autonomie-Experte Brad Templeton bereits im Februar aufgeworfen hat.

Der chinesische Kostenvorteil

Während in den USA über Stückkosten diskutiert wird, greift China das Problem an der Wurzel an: beim Fahrzeugpreis. Baidus Apollo-Go-Fahrzeug RT6 kostet je nach Quelle unter 30.000 US-Dollar beziehungsweise rund 37.000 Dollar in der Produktion; für die siebte Generation werden Werte unter 20.000 Dollar erwartet. Zum Vergleich: Waymos umgebaute Jaguar I-Pace mit vollem Sensorpaket liegen um ein Vielfaches darüber.

Die Betriebszahlen sind entsprechend: Apollo Go erreichte im vierten Quartal 2025 einen Spitzenwert von über 300.000 Bestellungen pro Woche, lieferte 3,4 Millionen vollständig fahrerlose Fahrten in einem Quartal — ein Plus von über 200 Prozent im Jahresvergleich — und überschritt bis Februar 2026 kumuliert 20 Millionen Fahrten. Baidu-Gründer Robin Li stellte in Aussicht, dass die Betriebskosten eines Robotaxis in den USA bis 2030 auf etwa 0,25 Dollar pro Meile fallen könnten. Das ist eine Prognose eines Wettbewerbers, keine belastbare Kalkulation — aber sie markiert die Richtung, in die der Preisdruck zeigt. Wer den Wagen für 20.000 statt für 150.000 Dollar baut, braucht deutlich weniger Auslastung, um Geld zu verdienen.

Das Mahnmal Cruise

Dass Skalierung kein Selbstläufer ist, führte General Motors vor: Im Dezember 2024 stellte der Konzern die Finanzierung seiner Robotaxi-Tochter Cruise ein — nach mehr als zehn Milliarden Dollar kumulierter Investition und bei laufenden Kosten von rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr. GM nannte den zunehmend umkämpften Markt, die Kapitalallokation und den Zeitbedarf als Gründe. Im Februar 2025 folgte der Abbau von rund 1.000 Stellen; Microsoft schrieb 800 Millionen Dollar auf seine Beteiligung ab.

Cruise scheiterte nicht daran, dass die Technik grundsätzlich nicht funktionierte, sondern daran, dass der Kapitalbedarf bis zur Profitabilität den strategischen Horizont eines Autokonzerns überstieg. Das ist die relevante Lehre für Entscheider: In diesem Markt gewinnt nicht die beste Demo, sondern der längste Atem — Waymo profitiert davon, dass Alphabet Verluste über Jahre tragen kann.

Europa fährt im Schritttempo

Der Kontrast zu Europa ist deutlich. Am 15. Juli 2026 startete MOIA, die Mobilitätstochter von Volkswagen, in Hamburg den Pilotbetrieb mit Fahrgästen im selbstfahrenden ID. Buzz AD. Die Rahmendaten: bis zu zehn Fahrzeuge, ein begrenztes Gebiet in Winterhude, Barmbek und Wandsbek, virtuelle Haltepunkte, vorregistrierte Teilnehmende, kostenlose Fahrten — und ein Sicherheitsfahrer an Bord. Das Vorhaben läuft im Forschungsprojekt ALIKE mit Förderung des Bundesverkehrsministeriums, die Technik stammt von Mobileye. Eine europäische Zulassung für den vollständig fahrerlosen Betrieb peilt MOIA für 2027 an.

Zehn Fahrzeuge mit Sicherheitsfahrer gegen eine halbe Million bezahlte Fahrten pro Woche: Der Abstand ist nicht in erster Linie technischer Natur, sondern eine Folge von Zulassungsrecht und Risikobereitschaft. Deutschland hat mit dem Gesetz zum autonomen Fahren früh einen Rahmen für Level-4-Betrieb geschaffen — genutzt wird er bislang vor allem für Forschungsprojekte statt für kommerzielle Flotten.

Streit um die Sicherheitsbilanz

Die Sicherheitsfrage entscheidet mit darüber, wie schnell Städte und Aufsichtsbehörden Kapazität freigeben — und sie ist umstrittener, als die Werbezahlen nahelegen. Waymo verweist auf eine gemeinsam mit dem Rückversicherer Swiss Re erstellte Auswertung, die 88 Prozent weniger Sachschadens- und 92 Prozent weniger Personenschadensmeldungen ausweist; frühere Analysen nannten 55 Prozent weniger polizeilich gemeldete Unfälle über 7,1 Millionen Meilen.

Dem steht eine im Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung von Hunter College und der Organisation Open Plans gegenüber. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Waymo-Fahrzeuge Unfälle mit schweren oder tödlichen Verletzungen 1,5-mal häufiger verursachen als New Yorks Mietwagen- und Taxiflotte. Bemerkenswert ist, dass dieselbe Auswertung zugleich rund 67 Prozent weniger verletzungsverursachende Unfälle pro Million Meilen für Waymo ausweist. Beide Zahlen widersprechen sich nicht zwingend — sie messen unterschiedliche Schweregrade. Zudem ist der Vergleich mit dem extrem dichten New Yorker Verkehr methodisch angreifbar, da Waymo dort gar nicht im Regelbetrieb fährt.

Genau darin liegt das Problem: Nahezu jede belastbare Zahl stammt entweder vom Anbieter selbst oder beruht auf Bezugsgrößen, die sich strittig wählen lassen. Der Carnegie-Mellon-Forscher Philip Koopman hält die verfügbare Datenlage für grundsätzlich unzureichend, um Sicherheit zu belegen, da Unternehmen nur offenlegten, was gesetzlich vorgeschrieben sei. Dokumentierte Einzelvorfälle wie das Vorbeifahren an haltenden Schulbussen in Austin und Atlanta zeigen zusätzlich, dass gute Durchschnittswerte systematische Einzelschwächen verdecken können.

Was Entscheider daraus mitnehmen sollten

Erstens: Wer den Zugang zum Kunden besitzt, bestimmt die Marge. Waymos Abkehr von Uber und die parallele Kooperation mit Lyft in Nashville, bei der Buchungen primär über die eigene App laufen, zeigen dasselbe Muster. Sobald ein Anbieter über eine kritische Dichte in einer Stadt verfügt, wird der Aggregator vom Wachstumstreiber zum Margenkosten-Faktor. Diese Logik gilt weit über Mobilität hinaus — überall dort, wo ein Hersteller anfangs fremde Vertriebskanäle mietet.

Zweitens: Die harte Größe ist die Stückkostenkurve, nicht die Fahrtenzahl. Fahrtenrekorde und Bewertungen sagen wenig darüber aus, ob ein Modell trägt; ob die Kosten pro Meile fallen, sagt alles. Wer Robotaxi-Ankündigungen bewertet, sollte nach Fahrzeugkosten, Auslastung und Personalquote fragen, nicht nach Rekordmeldungen.

Drittens: Sicherheitszahlen taugen derzeit nicht als Entscheidungsgrundlage, ohne die Bezugsgröße mitzulesen. Dieselbe Datenlage stützt je nach Vergleichsmaßstab die Aussage, Waymo sei deutlich sicherer als der Mensch — oder gefährlicher als ein New Yorker Taxi. Wer Investitionen oder Partnerschaften an Sicherheitsargumenten festmacht, sollte auf unabhängig erhobene Daten und offengelegte Methodik bestehen, statt auf Prozentwerte in Pressemitteilungen.

Viertens: Für europäische Unternehmen ist der realistische Zeithorizont kein Jahr, sondern eine Regulierungsperiode. Wer Logistik, Flotten oder Standortentscheidungen plant, sollte fahrerlose Angebote in Deutschland vor 2028 nicht als verlässliche Kapazität einplanen — aber die chinesische Kostenkurve im Blick behalten. Sie entscheidet darüber, wie schnell der Rest der Welt nachzieht.

Quellen