← Zurück zur Ausgabe vom 11. Juli 2026

Reportage

Vom Partner zum Prozessgegner: Die Zerrüttung von Apple und OpenAI

Zwei Jahre nach dem gefeierten ChatGPT-Siri-Deal stehen sich Apple und OpenAI vor Gericht gegenüber. Was als Frustration über eine „vergrabene“ Funktion begann, endete in einer Klage wegen mutmaßlichen Geheimnisdiebstahls — und zeigt, wie sehr die KI-Ära die alten Regeln der Tech-Rivalität verändert.

Von Stefan Lange-Hegermann · · 7 Minuten

Eine Partnerschaft, die nie ganz auf Augenhöhe war

Als Apple im Juni 2024 auf der WWDC die Integration von ChatGPT in Siri ankündigte, wirkte das wie ein kluger Kompromiss: Apple musste kein eigenes Spitzenmodell entwickeln, OpenAI bekam Zugang zu Hunderten Millionen iPhones. Nutzer sollten gefragt werden, bevor eine Anfrage an ChatGPT weitergereicht wird, die Antwort blieb aber innerhalb der Apple-Oberfläche. Für OpenAI war der Deal vor allem ein Vertriebskanal — kostenlos zunächst, mit der Hoffnung, daraus zahlende ChatGPT-Plus-Abonnenten zu gewinnen.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Schon im Mai 2026 berichtete Bloomberg-Journalist Mark Gurman, OpenAI sei zunehmend frustriert: Die Integration sei „vergraben" — Nutzer müssen Siri explizit auffordern, ChatGPT einzuschalten, und erhalten dort eingeschränktere Antworten als in der eigenen App. Interne Analysen bei OpenAI sollen gezeigt haben, dass Nutzer sich weit eher über die eigenständige App als über Apples Einstellungen für ein Abo entscheiden. Die erhofften „Milliarden Dollar pro Jahr" an zusätzlichen Abo-Einnahmen blieben aus. OpenAI beauftragte daraufhin eine externe Kanzlei, die Optionen für ein förmliches Breach-of-Contract-Schreiben prüfte — also die Ankündigung, dass Apple gegen vertragliche Pflichten verstoßen habe. Zu einer tatsächlichen Klage von OpenAI kam es öffentlich bekannten Berichten zufolge bislang nicht.

Der Schwenk zu Google

Während OpenAI intern nach juristischen Hebeln suchte, handelte Apple längst an anderer Front. Am 12. Januar 2026 verkündeten Apple und Google eine mehrjährige Partnerschaft: Googles Gemini-Modelle sollen künftig die neue, deutlich leistungsfähigere Siri antreiben. Berichten zufolge zahlt Apple dafür in der Größenordnung von einer Milliarde Dollar pro Jahr, andere Schätzungen gehen von einem mehrjährigen Cloud-Vertrag im Gesamtwert von bis zu fünf Milliarden Dollar aus — die genauen Konditionen sind nicht offiziell bestätigt. Erste Gemini-gestützte Funktionen kamen im Frühjahr, ein vollständig überarbeitetes Siri-Erlebnis war für den Herbst angekündigt.

Der Deal war ein deutliches Signal: Apple wollte nicht länger von einem einzigen KI-Partner abhängig sein — und schon gar nicht von einem, der zunehmend eigene Hardware-Ambitionen verfolgte.

iOS 27: Vom Exklusivpartner zur Option unter vielen

Auf der WWDC am 8. Juni 2026 zog Apple die Konsequenz und öffnete sein KI-Ökosystem vollständig. Mit iOS 27 können Nutzer künftig frei wählen, welches KI-Modell Siri, die Schreibwerkzeuge und Image Playground antreibt: ChatGPT, Claude, Gemini oder Grok — jeweils als eigene „Extension" über einen dedizierten Marktplatz. Aus dem einstigen Alleinstellungsmerkmal von OpenAI wurde damit eine von vier gleichberechtigten Optionen, während Gemini durch den bestehenden Deal weiterhin die privilegierte Grundausstattung bildet.

Diese Öffnung lässt sich auch als Absicherung gegen einen anderen Rechtsstreit lesen: Bereits im August 2025 hatte Elon Musks xAI Apple und OpenAI gemeinsam verklagt und ihnen vorgeworfen, sich abzusprechen, um ChatGPT in den App-Store-Rankings zu bevorzugen und Konkurrenten wie Grok zu benachteiligen — ein kartellrechtlicher Vorwurf, der Apple offensichtlich unangenehm war. Wer allen großen Anbietern gleichermaßen Zugang gewährt, entzieht solchen Vorwürfen die Grundlage. Aus der einstigen Nähe zwischen Apple und OpenAI, die Musk noch als unlautere Kollusion anprangerte, war binnen eines Jahres offene Distanz geworden.

Der Exodus: Wie Apple seine eigenen Leute an OpenAI verlor

Parallel zur strategischen Neuausrichtung lief ein personeller Aderlass, der die Beziehung zusätzlich vergiftete. OpenAI kaufte 2025 das Hardware-Startup „io" von Jony Ive, Apples einstigem Chef-Designer, für eine Summe zwischen rund sechs und 6,4 Milliarden Dollar — Quellen nennen unterschiedliche Zahlen. Mit Ive wechselten weitere Apple-Alumni: Evans Hankey, die nach Ives Abschied dessen Rolle als Design-Chefin übernommen hatte, sowie Tang Tan, langjähriger iPhone-Hardware-Chef, der bei OpenAI inzwischen als Chief Hardware Officer firmiert.

Der Sog verstärkte sich 2026. Allein in einem Monat des Spätjahres 2025 sollen mehr als 40 neue Mitarbeiter für OpenAIs Hardware-Sparte an Bord gekommen sein, viele davon direkt von Apple — aus Kamera-Engineering, Chip-Entwicklung, Fertigung und Industriedesign. Im Juni 2026 folgte ein weiterer prominenter Abgang: Paul Meade, bei Apple zuständig für Vision Pro und die Smart-Glasses-Entwicklung, wechselte zu OpenAIs Geräte-Team. Sein Weggang fiel zeitlich mit einer internen Umstrukturierung der Apple-Hardware-Organisation zusammen. Laut eigenen Angaben in der späteren Klageschrift zählt Apple inzwischen über 400 ehemalige Mitarbeiter im OpenAI-Lager — eine Zahl, die Apple selbst nennt und die bislang nicht unabhängig verifiziert ist.

Die Klage: Geschäftsgeheimnisse statt Vertragsstreit

Am 10. Juli 2026 eskalierte der Konflikt in einer Weise, die niemand erwartet hatte: nicht OpenAI verklagte Apple wegen des Siri-Deals, sondern Apple verklagte OpenAI — und zwar nicht wegen der ChatGPT-Integration, die Apple in der Klageschrift ausdrücklich als „hier nicht betroffen" bezeichnet, sondern wegen des Verdachts auf Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen (Trade Secrets — vertraulichem, wirtschaftlich wertvollem Wissen, das ein Unternehmen aktiv schützt, etwa unveröffentlichte Produktdaten oder Fertigungsdetails). Beklagt sind neben OpenAI und der Tochter „io Products" auch zwei ehemalige Apple-Ingenieure namentlich: Chang Liu, dem Apple vorwirft, vertrauliche Hardware-Dateien heruntergeladen zu haben, sowie Tang Tan, der laut Klage noch bei Apple beschäftigte Bewerber angewiesen haben soll, physische Hardware-Bauteile zu „Show-and-Tell"-Zwecken zu Vorstellungsgesprächen mitzubringen. Die Vorwürfe sind bislang unbewiesene Behauptungen Apples, denen OpenAI öffentlich widersprochen hat: Man habe „kein Interesse an den Geschäftsgeheimnissen anderer Unternehmen", so ein Sprecher.

Einordnung: Vertrautes Muster, neue Dimension

Tech-Rivalitäten mit Gerichtssälen sind kein neues Phänomen — man denke an den jahrelangen Patentkrieg zwischen Apple und Samsung um Design und „Trade Dress" oder an Epic Games' Kampf gegen Apples App-Store-Provisionen. Doch beide Fälle unterscheiden sich vom aktuellen Konflikt in einem entscheidenden Punkt: Dort ging es um Wettbewerb zwischen etablierten Konkurrenten oder um Plattformregeln. Apple gegen OpenAI ist etwas anderes — der Streit zwischen einem einstigen Zulieferer-Partner und einem Unternehmen, das aus dieser Partnerschaft heraus zum direkten Angreifer auf das Kerngeschäft wurde, verstärkt durch einen massiven Talent-Abfluss aus den eigenen Reihen.

Dahinter steht eine tiefere Sorge, die bei Apple längst Priorität hat: die Disintermediation der Plattform. Wenn KI-Agenten künftig Aufgaben eigenständig erledigen, statt Nutzer durch einzelne Apps zu führen, verliert die sorgfältig kuratierte App-Store-Oberfläche an Bedeutung — genau jenes Geschäftsmodell, mit dem Apple über Jahrzehnte die Kontrolle über sein Ökosystem und dessen Erlöse sicherte. Berichten zufolge arbeitet OpenAI an einem eigenen Gerät, das nicht auf Apps, sondern auf einer durchgehenden, agentengestützten Oberfläche basiert — mit Produktionsstart frühestens 2027. Sollte ein solches Gerät Erfolg haben, würde es nicht nur das iPhone als Hardware angreifen, sondern die gesamte Logik in Frage stellen, nach der Apple seit 2008 Geld verdient.

Was das für Unternehmen bedeutet

Für Firmen, die ihre Produkte auf Apple- oder OpenAI-Infrastruktur aufbauen, ist die Botschaft eindeutig: Einseitige Abhängigkeit von einem einzelnen KI-Anbieter wird riskanter. Apples eigener Schwenk — von der Exklusivpartnerschaft mit OpenAI über den Google-Deal bis zur Öffnung für vier Anbieter in iOS 27 — zeigt, dass selbst die größten Plattformbetreiber ihre KI-Strategie inzwischen als austauschbar behandeln und sich bewusst gegen Lock-in bei einem einzigen Partner absichern. Wer eigene Produkte auf einer einzelnen API oder einem einzelnen Assistenten aufbaut, sollte diese Flexibilität einplanen, statt sie erst im Ernstfall nachzuholen.

Für Unternehmen, die selbst Fachkräfte von direkten Konkurrenten abwerben — ein in der Tech-Branche übliches Vorgehen —, ist der Fall zudem eine Warnung: Je aggressiver und dichter das Recruiting aus dem Umfeld eines Rivalen erfolgt, desto größer das Risiko, dass daraus ein kostspieliger Rechtsstreit über Geschäftsgeheimnisse wird, selbst wenn im Einzelfall kein Fehlverhalten vorliegt. Für Apple und OpenAI ist der Ausgang offen — das Verfahren dürfte sich über Jahre ziehen. Für den Rest der Branche ist die Botschaft schon jetzt: Die Grenze zwischen Partner und Rivale verläuft in der KI-Ära fließender als je zuvor.

Quellen