Ein Memo, das eine Wette verrät
Am 30. Mai 2026 wurde ein internes Schreiben von Alex Himel öffentlich, Metas Vice President of Wearables. Auf den ersten Blick liest es sich wie eine Produkt-Roadmap: ein KI-Anhänger zum Umhängen, mehrere neue Smart Glasses bis Dezember, ganztags mitlaufende „Supersensing"-Brillen, ein Business-Abo namens „Wearables for Work". Auf den zweiten Blick ist es etwas anderes — die bislang deutlichste Bestätigung, dass die mächtigsten Tech-Konzerne der Welt gleichzeitig auf dieselbe These setzen: Das nächste große Computing-Gerät nach dem Smartphone wird kein Bildschirm in der Hand sein, sondern eine KI, die man am Körper trägt.
Das Pikante am Timing: Nur Wochen zuvor verbuchte Metas Hardware-Sparte Reality Labs erneut rund vier Milliarden Dollar operativen Verlust — in einem einzigen Quartal, bei nur 402 Millionen Dollar Umsatz. Kumuliert hat Meta in diesem Bereich über 90 Milliarden Dollar verbrannt. Dass der Konzern ausgerechnet jetzt die Schlagzahl erhöht, ist kein Widerspruch, sondern die Logik der Wette: Wer die nächste Plattform besitzen will, muss heute zahlen, bevor klar ist, ob es sie überhaupt gibt.
Der Stand 2026: Vier Konzerne, vier Strategien
Den klarsten Vorsprung hat Meta. Gemeinsam mit dem Brillenkonzern EssilorLuxottica verkaufte das Unternehmen 2025 rund sieben Millionen Ray-Ban- und Oakley-Meta-Brillen — mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Das ist der entscheidende Unterschied zu allen bisherigen KI-Gadgets: Meta hat ein Gerät, das sich verkauft, weil es zunächst gar nicht als Computer auftritt, sondern als modisches Audio- und Kamera-Accessoire. Auf dieser Basis schiebt Meta jetzt die KI nach — das Modell Muse Spark und einen Agenten mit dem Codenamen „Hatch" — und ergänzt sie um den Anhänger, der auf dem Ende 2025 übernommenen Startup Limitless aufbaut.
OpenAI geht den entgegengesetzten Weg. Für rund 6,5 Milliarden Dollar kaufte das Unternehmen „io", das Startup von Apple-Designlegende Jony Ive, und arbeitet an einem bildschirmlosen, sprachgesteuerten Gerät, das laut Sam Altman „friedlich" neben Telefon und Laptop liegen soll. Doch der Start wurde inzwischen auf frühestens 2027 verschoben — ausdrücklich wegen ungelöster Probleme bei der „Persönlichkeit" des Geräts, beim Datenschutz und bei der Rechen-Infrastruktur. Altmans Warnung an die eigene Fangemeinde: „Erwartet nichts allzu bald."
Apple ist spät dran, aber gefährlich. Laut Bloomberg arbeitet der Konzern parallel an einer Brille, einem Anhänger und Kamera-AirPods — die erste Brille soll noch Ende 2026 erscheinen, explizit, um „Metas Momentum zu stoppen". Apples Stärke ist das Vertrauen der Kunden und das verzahnte Ökosystem; seine Schwäche ist die KI selbst, denn Siri gilt als abgehängt und der bisherige KI-Chef hat den Konzern verlassen. Google schließlich zeigte auf seiner Entwicklerkonferenz I/O 2026 zusammen mit Samsung und den Modemarken Warby Parker und Gentle Monster Brillen auf Basis von Android XR und Gemini — mit Live-Übersetzung im Sichtfeld und Navigation, und mit dem Vorteil, dass die Geräte sowohl mit Android als auch mit iPhones koppeln.
Warum die erste Generation scheiterte
Wer den Hype einordnen will, muss auf den Friedhof davor blicken. Der Humane AI Pin war das Lehrstück: ein 699-Dollar-Anstecker mit Laserprojektor, finanziert mit über 230 Millionen Dollar Wagniskapital, einst mit über 700 Millionen Dollar bewertet. Verkauft wurden statt der geplanten 100.000 nur rund 10.000 Stück; zeitweise überstiegen die Retouren die Verkäufe. Im Februar 2025 verkaufte Humane seine Reste für 116 Millionen Dollar an HP — und schaltete die bereits verkauften Geräte kurzerhand ab. Die Lektion ist hart: Hardware, deren Intelligenz in der Cloud des Herstellers liegt, ist nur so haltbar wie dessen Geschäftsmodell.
Das Friend.com-Pendant, ein 129-Dollar-Anhänger gegen Einsamkeit, scheiterte nicht an der Technik, sondern an der Gesellschaft: Seine U-Bahn-Werbung in New York wurde massenhaft mit Anti-KI-Graffiti überschrieben, die Bürgerrechtsorganisation ACLU warnte vor Überwachung. Die gemeinsame Diagnose dieser Fehlschläge: zu hohe Latenz, zu schwacher Akku, vor allem aber kein überzeugender Mehrwert gegenüber dem Smartphone, das man ohnehin in der Tasche hat. Genau deshalb setzen Meta, Google und Apple jetzt nicht auf radikale Standalone-Geräte, sondern auf Brillen als Companion zum Smartphone und auf etablierte Modemarken. Das Telefon wird ergänzt, nicht ersetzt — vorerst.
Das eigentliche Problem: Always-on ist ein Trilemma
Die technische Hürde lässt sich in einem Satz fassen: Ein Gerät, das permanent zuhört und sieht, muss gleichzeitig lange Akkulaufzeit, niedrige Latenz und Datenschutz bieten — und diese drei Ziele widersprechen sich. Verarbeitet man die Daten direkt auf dem Gerät (man nennt das „on-device" oder „Edge"), schützt das die Privatsphäre und senkt die Verzögerung, frisst aber Akku und treibt Größe und Kosten. Schickt man sie in die Cloud, wird das Modell mächtiger, aber langsamer — und die intimsten Alltagsdaten verlassen das Gerät. Metas „Supersensing"-Ansatz, Kameras und Sensoren den ganzen Tag mitlaufen zu lassen, ist genau der Worst Case dieses Trilemmas — und zugleich der Kern des Traums vom „ambient computing": ein Assistent, der über den Tag Kontext aufbaut und proaktiv hilft, statt auf Befehle zu warten.
Das Geschäftsmodell: Hardware verschenken, Software verkaufen
Für Entscheider ist die ökonomische Mechanik wichtiger als die Specs. Meta plant gestaffelte KI-Abos (das Memo nennt Preise um 7,99 und 19,99 Dollar im Monat), und genau hier liegt die Logik, warum ein Konzern Milliarden in verlustreiche Hardware steckt. Die Brille oder der Anhänger sind ein Loss-Leader — ein bewusst quersubventioniertes Eintrittsprodukt. Das eigentliche Geschäft ist die Kontrolle über die nächste Schnittstelle zum Nutzer. Meta hat beim Smartphone erlebt, was es bedeutet, auf fremden Plattformen (Apples iOS, Googles Android) Gast zu sein — diesen Fehler will Mark Zuckerberg nicht wiederholen. Das Business-Abo „Wearables for Work" zeigt zudem, wo das Geld zuerst fließen soll: Unternehmenskunden zahlen verlässlicher als Verbraucher.
Was heißt das für SaaS- und App-Anbieter? Es entsteht eine Plattform mit neuer Schnittstelle — Sprache und Kontext statt App-Icons auf einem Homescreen. Wer heute eine App mit Symbol auf dem Bildschirm ist, könnte morgen nur noch ein Aufruf innerhalb des Assistenten sein: ein „Skill", den Hatch, Gemini oder ChatGPT bei Bedarf anspringt. Das birgt ein Disintermediations-Risiko — erledigt der Assistent die Aufgabe direkt, verliert der Anbieter UI und Kundenbeziehung — und zugleich eine Chance für alle, die ihr Produkt früh als agentenfähige Schnittstelle (über Standards wie das Model Context Protocol) verfügbar machen. Product Manager sollten heute beginnen, ihr Angebot nicht nur als App, sondern als aufrufbare Aktion zu denken.
Datenschutz, Akzeptanz — und die ehrliche Antwort
Bleibt die unbequeme Seite. Brillen und Anhänger nehmen freihändig auf, oft ohne erkennbares Signal — Dritte im Café, im Fitnessstudio, in der Bahn willigen nie ein. Das europäische Datenschutzrecht steht dem entgegen: Der EU AI Act, ab August 2026 voll anwendbar, verbietet biometrische Echtzeit-Kategorisierung in öffentlich zugänglichen Räumen; Belgiens Regierung warnte Ende Mai ausdrücklich, das Filmen Fremder mit Wearables bleibe illegal. Hinzu kommt das soziale Stigma — Google Glass scheiterte 2013 nicht an der Technik, sondern an der Ablehnung der Umgebung. Der Friend-Backlash zeigt, dass dieses Stigma 2026, befeuert von allgemeiner KI-Skepsis, eher größer geworden ist.
Die ehrliche Bilanz lautet deshalb: Es ist plausibel, dass Brillen ein wichtiges drittes Gerät neben Telefon und Laptop werden. Es ist — Stand 2026 — unplausibel, dass sie das Smartphone kurzfristig ablösen; sieben Millionen verkaufte Brillen stehen über einer Milliarde verkaufter Smartphones pro Jahr gegenüber. Die Branche verwechselt gern eine „wachsende Kategorie" mit einem „Plattformwechsel". Und doch spielen alle mit — denn die Kosten des Verpassens gelten, siehe Metas Smartphone-Trauma, als untragbar. Für Unternehmensentscheider ist das die eigentliche Botschaft des Himel-Memos: Man muss noch nicht wissen, wer gewinnt. Aber man sollte verstanden haben, dass gerade um die Schnittstelle gekämpft wird, über die Kunden künftig mit Software sprechen — und dass die Antwort darauf, wie das eigene Produkt in dieser Welt auffindbar bleibt, keine Hardware-, sondern eine Strategiefrage ist.
- The Decoder — Meta's leaked memo reveals AI pendant, supersensing glasses, and enterprise wearables strategy
- TechCrunch — Meta is reportedly developing an AI pendant
- TechCrunch — Humane's AI Pin is dead, as HP buys startup's assets for $116M
- CNN Business — How this tiny device became a symbol for the backlash against AI
- Windows Central — OpenAI's Jony Ive AI device delayed beyond 2026 over privacy, compute, and personality issues
- Bloomberg — Apple Ramps Up Work on Glasses, Pendant and Camera AirPods for AI Era
- Android Authority — Samsung and Google show off Android XR smart glasses (Google I/O 2026)
- UploadVR — Meta & EssilorLuxottica Sold 7 Million Smart Glasses In 2025