KI-Politik · Washington
„It's a hoax“ — Trump nennt Amodei beim Vornamen, spricht von einer kranken Verschwörung und erinnert die Labore an die Strafgewalt des Staates
Die Drosselungsdebatte hat am Montag ihre Tonlage verloren. Bis Sonntag ging es um Argumente: Dario Amodeis Essay, den wir in unserer Ausgabe vom 13. September im Original gelesen haben, und die politischen Antworten darauf, die wir tags darauf nachgezeichnet haben. Am Montag wurde daraus eine persönliche Auseinandersetzung, geführt vom Präsidenten selbst.
Um 9:58 Uhr Ortszeit erschien auf Truth Social ein Beitrag, den wir im Archiv im vollständigen Wortlaut gelesen haben. Er beginnt mit einer Definition von Sicherheit: „The only control or ‚guardrails‘ that AI needs is a STRONG AND SMART (High IQ!) PRESIDENT, and the U.S.A. has that, in spades!“ Dann folgt der Angriff, und er nennt einen Namen: „The Trump Administration has stopped AI ‚people‘ from doing bad, or potentially bad, ‚things,‘ like Dario (Anthropic!), who is now pretending to be a ‚perfect little angel‘ — and we will continue to do so!“
Der nächste Satz ist der, den Unternehmensjuristen zweimal lesen sollten: „We already have tremendous CRIMINAL and REGULATORY power over these companies!“ Und der übernächste ordnet die gesamte Debatte ein: „There is a SICK conspiracy going on against AI and Data Centers, and the only one that is happy about it is China.“ Der Beitrag endet mit einer Aufzählung in Versalien: „Conspiracy Theorists, Treasonists, Traitors, and Leakers, BEWARE!“
Wenige Stunden später bekam die Haltung eine Bühne. Nvidia-Chef Jensen Huang saß am Montagvormittag beim All-In Summit in Los Angeles auf dem Podium, als ihn ein Anruf erreichte, den er nicht wegdrücken konnte. Huang bat um ein zweites Mikrofon und hielt es an den Hörer, sodass das Publikum mithören konnte. „I'm onstage with the besties“, sagte er dem Präsidenten. Auf dem Podium war zuvor genau Amodeis Vorschlag diskutiert worden.
Trumps Antwort fiel am Telefon deutlicher aus als jede Pressemitteilung: „They're just playing right in the hands of a lot of people that don't want to see it happen. That could be political people. It could also be China. And we're not going to let that happen. It's a hoax.“ Huang widersprach nicht. Er antwortete: „You're right. We're not going to let that happen, sir“ — das Publikum applaudierte. Trump versicherte ihm laut dem Bericht von The Verge, dessen Volltext wir über das eingebettete JSON-LD gelesen haben, „the robots will not be taking over“, und schob eine Einschränkung nach, die niemanden bindet: „We have to be a little bit careful … but that doesn't mean we're going to stop an industry.“
Eine Präzisierung zur Bühne, weil sie in den Berichten untergeht. TechCrunch beschreibt die Gastgeber des Formats — Chamath Palihapitiya, Jason Calacanis, David Friedberg und David Sacks — pauschal als „White House advisers“. Für Sacks stimmt das so nicht: Seine Rolle als KI- und Krypto-Beauftragter endete im März 2026, weil die 130-Tage-Grenze für Sonderbeauftragte ausgeschöpft war. Der Applaus kam nicht aus der Regierung, sondern aus dem Kapital.
Peking antwortete am selben Tag mit fast denselben Vokabeln, nur gegen die andere Seite. Der Sprecher des Außenministeriums, Guo Jiakun, sagte auf der Pressekonferenz in Peking, „fear-mongering, confrontation and vicious competition“ würden eine vernünftige globale KI-Steuerung untergraben und niemandem nützen. Beide Supermächte erklären den Ruf nach Vorsicht damit zum Manöver der jeweils anderen.
Die Märkte nahmen den Streit als Investitionsrisiko. In Asien verlor SoftBank zeitweise mehr als 13 Prozent, der Speicherhersteller Kioxia fast 10 Prozent. In Europa gaben Siemens Energy, Infineon und Hochtief am Morgen bis zu 5 Prozent nach, die Chip-Ausrüster Aixtron, Suss Microtec und Jenoptik bis zu 6 Prozent. Die LBBW formulierte die Sorge dahinter nüchtern: Es stelle sich die Frage, „ob ein vorsichtigeres Entwicklungstempo bei KI die Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bremsen“ könnte. Reuters weist allerdings darauf hin, dass zeitgleich auch geopolitische Spannungen auf die Kurse drückten — die Bewegung ist damit nicht sauber einer Ursache zuzuordnen.
Berlin reagierte in der Sache, aber ohne Festlegung. Der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer sagte vor Journalisten: „Wir nehmen die Warnungen, die wir da gehört haben, sehr ernst.“ Der Nationale Sicherheitsrat habe sich bereits zweimal mit dem Thema befasst. Meyer plädierte für internationale Lösungen, etwa im Rahmen der G7, und für Nüchternheit: „jetzt auch nicht nur in Doomsday-Szenarien zu denken“. Die operative Zuständigkeit liegt beim Ende August gegründeten AISI Deutschland.
Für Unternehmen ist die praktische Folge unangenehm konkret. Wer wissen will, ob er KI-Vorhaben an einer künftigen Regulierung ausrichten muss, bekommt aus Washington die Auskunft, dass es keine geben wird — und gleichzeitig die Erinnerung, dass der Staat über „criminal and regulatory power“ gegenüber genau diesen Anbietern verfügt. Das ist keine Deregulierung, sondern Verzicht auf Regeln bei erhaltener Drohkulisse: Was gilt, entscheidet sich im Einzelfall und politisch. Planbarkeit entsteht daraus nicht. Sie entsteht dort, wo sie schon vorher entstand — in Verträgen mit Anbietern, in eigenen Prüfständen und in der Frage, ob man ein Modell notfalls abschalten kann, ohne auf eine Behörde zu warten.
- Donald J. Trump auf Truth Social, 14.9.2026, 9:58 EDT — vollständiger Wortlaut im Archiv (Primärquelle, selbst gelesen)
- TechCrunch — Nvidia CEO Jensen Huang tells Trump ‚we're not going to let [an AI slowdown] happen‘ (14.9.2026, Amanda Silberling)
- The Verge — Jensen Huang puts Trump on speakerphone onstage (14.9.2026, Volltext über JSON-LD gelesen)
- heise online — Verlangsamung der KI-Entwicklung: Trump greift Anthropic-Chef an (14.9.2026)
- CGTN — Fear-mongering over AI serves no one's interests, spokesperson (Guo Jiakun, 14.9.2026)
- heise online — Ruf nach KI-Drossel: Börsen reagieren negativ, Trump winkt ab, Lob von Forschern (14.9.2026)
- DER SPIEGEL — Bundesregierung nimmt KI-Warnungen „sehr ernst“ (14.9.2026, Volltext selbst gelesen)