Geschäftsmodell · OpenAI
Ab Montag steht Werbung in ChatGPT — 31 europäische Märkte, zwei Tarife, und ein Datenschutzmodell, das es so in den USA nicht gibt
Der Termin steht: Am Montag, dem 24. August 2026, schaltet OpenAI Werbung in ChatGPT für 31 europäische Märkte frei, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Irland, Portugal, Tschechien, die Benelux-Staaten und Skandinavien. Betroffen sind zwei Tarife: die kostenlose Version und der günstige Einsteigertarif Go. Plus, Pro sowie sämtliche Enterprise-, Business- und Bildungskonten bleiben werbefrei. Für Nutzer unter 18 Jahren wird keine Werbung ausgespielt.
Neu ist an dieser Meldung nicht die Werbung als solche. Der Pilot lief in den USA seit Februar, und die Ausweitung auf Großbritannien, Mexiko, Brasilien, Japan und Südkorea war bereits Thema, als wir am 12. August die Nutzerzahlen von Gemini und ChatGPT gegeneinandergestellt haben. Die eigentliche Zäsur ist die Geografie: Kontinentaleuropa war der Markt, in dem OpenAI am längsten gezögert hat, und der Grund dafür ist der Rechtsrahmen. Wie das Werbeprodukt selbst funktioniert — gesponserte Empfehlungen, Abrechnung pro Klick, Zielsteuerung über das Gesprächsthema —, haben wir in unserer Reportage vom 30. April auseinandergenommen, als der US-Pilot binnen sechs Wochen auf einen hochgerechneten Jahresumsatz von 100 Millionen Dollar kam.
Der interessanteste Teil der Ankündigung ist deshalb die Zweiteilung des Datenschutzmodells, und sie verdient eine genaue Lektüre. Zum Start gibt es im Europäischen Wirtschaftsraum und in der Schweiz ausschließlich kontextbezogene Werbung. Ausgewählt wird eine Anzeige anhand des aktuellen Gesprächsthemas, des ungefähren Standorts, des Gerätetyps, der Tageszeit und der Sprache — nicht anhand dessen, was jemand vor drei Wochen gefragt hat. Als Rechtsgrundlage nennt OpenAI das berechtigte Interesse nach der Datenschutz-Grundverordnung. Erst in einer zweiten Stufe soll personalisierte Werbung folgen, die auch den laufenden Gesprächsverlauf, frühere Chats und gespeicherte Erinnerungen einbezieht — und diese Stufe greift nach Darstellung des Unternehmens nur nach ausdrücklicher Zustimmung. In den Vereinigten Staaten ist die Personalisierung dagegen standardmäßig aktiv und muss aktiv abgewählt werden.
Das ist ein handfester Unterschied, und er ist ein gutes Beispiel dafür, dass die europäische Regulierung an dieser Stelle tatsächlich greift. Es lohnt sich aber, die Zusagen genau zu lesen. Anzeigen erscheinen laut OpenAI unterhalb der eigentlichen Antwort, abgetrennt durch eine graue Linie und als gesponsert gekennzeichnet; die Antwort selbst soll unbeeinflusst bleiben. Werbetreibende bekommen nach Unternehmensangaben keinen Zugriff auf Gesprächsinhalte, Namen, E-Mail-Adressen oder genaue Standorte, sondern nur aggregierte Leistungsdaten. Zuständig für die europäische Aufsicht ist die irische Datenschutzbehörde.
Zu Wort meldet sich Dave Dugan, seit dem Frühjahr Head of Global Ads Solutions bei OpenAI und zuvor lange bei Meta im Werbegeschäft. Er beschreibt den europäischen Markt als anspruchsvoll und heterogen: „There's no such thing as a one-size-fits-all European audience“, und weiter, Europa beherberge „some of the world's most creative and sophisticated advertising markets, where expectations around relevance, quality and trust are rightly high.“ Über den Reifegrad des eigenen Geschäfts sagt er nach neunzehn Wochen nüchtern, es sei „like a baby“. Buchbar sind Anzeigen zum Start ausschließlich über die großen Agenturnetzwerke — genannt werden Publicis, WPP, Omnicom, MediaPlus, Havas und Dentsu. Ein Selbstbedienungswerkzeug für kleinere Unternehmen und Freiberufler ist angekündigt, aber ohne Datum.
Zwei Einordnungen, die wir für nötig halten. Die erste betrifft die Größenordnung. OpenAI spricht von rund einer Milliarde Nutzern weltweit — gemeint ist die wöchentliche Zählung, deren Unterschied zur monatlichen wir am 12. August auseinandergenommen haben —, und über 80 Prozent davon sind auf der kostenlosen Stufe. Werbung ist damit kein Nebengeschäft, sondern der Versuch, die mit Abstand größte Nutzergruppe erstmals überhaupt zu monetarisieren — jene Gruppe, die bislang ausschließlich Kosten verursacht hat. Wer verstehen will, warum das Unternehmen diesen Schritt trotz jahrelanger gegenteiliger Beteuerungen des eigenen Chefs geht, findet die Antwort in der Kostenseite, nicht in der Produktstrategie.
Die zweite betrifft eine Frage, die in der Ankündigung offenbleibt. Die Zusage „Werbetreibende sehen keine Gesprächsinhalte“ ist nicht dasselbe wie „Gesprächsinhalte werden nicht zur Anzeigenauswahl verwendet“. Für Stufe eins hat OpenAI die Verwendung früherer Chats ausgeschlossen; für Stufe zwei nennt das Unternehmen sie ausdrücklich als Signal. Datenschützer verweisen zudem auf die Leitlinie des Europäischen Datenschutzausschusses zu „Zustimmen oder zahlen“-Modellen aus dem Jahr 2024, wonach eine werbefreie Alternative zumutbar bleiben muss — ob ein Sprung von der Gratisstufe auf ein Plus-Abo diesem Maßstab genügt, ist unter Fachleuten strittig und bislang nicht behördlich geklärt.
Was das praktisch bedeutet. Für Unternehmen, die ChatGPT im Arbeitsalltag einsetzen, ändert sich zunächst nichts: Business-, Enterprise- und Bildungskonten sind ausgenommen. Relevant wird es dort, wo Mitarbeitende private Gratiskonten für dienstliche Zwecke nutzen — eine Praxis, die in vielen Häusern existiert und nun einen zusätzlichen Grund bekommt, sie zu unterbinden. Für Marketingverantwortliche entsteht ab Montag ein Kanal, der in Europa erstmals buchbar ist, zunächst aber nur über Agenturen und ohne belastbare Vergleichswerte zur Wirksamkeit. Wer ihn testen will, sollte das als Experiment mit klar begrenztem Budget behandeln und nicht als Umschichtung.
- heise online — OpenAI startet Werbegeschäft in Deutschland und Europa (19.8.2026)
- Golem.de — Werbung in ChatGPT: OpenAI startet Anzeigengeschäft Europa (19.8.2026)
- Der Spiegel — ChatGPT: Ab Montag erwartet Millionen Nutzer Werbung (19.8.2026)
- Digiday — OpenAI's ads business hits Europe at the six-month mark (Dugan-Zitate)
- Horizont — So sieht die europäische Werbeoffensive von ChatGPT aus
- Der Standard — OpenAI startet umstrittenes Werbegeschäft in Europa
- BornCity — ChatGPT-Ads ab Ende August: Europa mit Opt-in-Datenschutz
- Dataconomy — OpenAI to launch ChatGPT ads in 31 European markets on August 24
- mobiflip — OpenAI startet ChatGPT Ads am 24. August in Deutschland, Österreich und der Schweiz