Infrastruktur · Energie
Amazons neues KI-Rechenzentrum bekommt ein eigenes Gaskraftwerk — genehmigt für 33 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr
Die New York Times hat am Samstag eine Recherche veröffentlicht, die ein Bauprojekt in West-Texas in eine bundesweite Klimadebatte verwandelt. In Pecos County, rund elf Meilen nördlich von Fort Stockton im Permian Basin, entsteht unter dem Projektnamen GW Ranch ein Gaskraftwerk mit 35 Turbinen — und direkt daneben drei Rechenzentrumsgebäude, die Amazon Data Services bei der texanischen Gewerbeaufsicht angemeldet hat.
Die Zahl, um die es geht, steht in der Luftgenehmigung: Die texanische Umweltbehörde TCEQ hat dem Betreiber im Januar 2026 erlaubt, bis zu 33 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr auszustoßen, dazu über 12.000 Tonnen weiterer regulierter Luftschadstoffe — Feinstaub, Ammoniak, Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen. Nach Auswertung von TechCrunch und NYT liegt dieser Wert höher als der tatsächliche Ausstoß jedes derzeit in Betrieb befindlichen US-Kraftwerks. Der Texas Observer bezeichnet die Genehmigung als die größte Einzelgenehmigung dieser Art, die je in den Vereinigten Staaten erteilt wurde.
Hier ist eine Präzisierung nötig, die in vielen Schlagzeilen untergeht: 33 Millionen Tonnen ist eine genehmigte Obergrenze, kein Messwert. Das Kraftwerk läuft nicht, es ist noch nicht einmal fertig — Satellitenbilder zeigen seit dem 24. Juli 2026 Rodungsarbeiten. Ob die Anlage die Grenze jemals ausschöpft, ist offen. Auch die Leistungsangabe ist uneinheitlich: Medienberichte und der Betreiber Pacifico Energy sprechen von 7,65 Gigawatt, das Genehmigungsdokument selbst nennt für die 35 Turbinen eine Nennleistung von 5.000 Megawatt. Die Diskrepanz ist in den vorliegenden Quellen nicht aufgelöst.
Aufgedeckt wurde die Verbindung nicht durch eine Ankündigung, sondern durch Datenarbeit. Die Fachpublikation Cleanview/Distilled (Michael Thomas) verknüpfte drei Baugenehmigungen von Amazon Data Services mit Satellitenaufnahmen des GW-Ranch-Geländes; Amazon bestätigte auf Nachfrage den Grundstückskauf. Die NYT-Autorin Hiroko Tabuchi machte daraus die große Geschichte. Bemerkenswert: In keiner der geprüften Quellen wird ein externer Kunde genannt — es geht um AWS-eigene KI-Kapazität, nicht um Rechenzeit für ein bestimmtes Labor.
Die Konstruktion dahinter erklärt, warum solche Projekte gerade überall entstehen. Ein Netzanschluss in Texas bedeutet Wartelisten von Jahren. Also bauen Hyperscaler ihre Kraftwerke „behind the meter“ — als Insellösung neben dem Rechenzentrum, zunächst vollständig getrennt vom ERCOT-Netz, mit späterer Anbindung, sobald Kapazität frei wird. Nach Zählung von Cleanview wurden seit Anfang 2025 rund 60 vergleichbare Projekte mit zusammen etwa 90 Gigawatt angekündigt. Rund 30 Meilen entfernt bauen Microsoft und Chevron eine kleinere Anlage mit 2 Gigawatt; Amazon verhandelt zusätzlich über ein 4,5-Gigawatt-Projekt in Homer City, Pennsylvania. Das Muster ist branchenweit, nicht amazonspezifisch.
Es ist auch die Kehrseite dessen, was wir am 5. August berichtet haben: Als Gouverneur Abbott Anfang August neue Netzanschlüsse für Rechenzentren bis zu einem Audit einfror, war das ein Eingriff in genau jenen Weg, den GW Ranch bewusst umgeht. Wer nicht ans Netz will, den kann ein Anschlussmoratorium auch nicht aufhalten.
Amazons Stellungnahme argumentiert entlang der Strompreise: Die Anlage werde durch neue Erzeugung vor Ort versorgt, die die Kosten für texanische Haushalte nicht erhöhe, und das Unternehmen ermögliche über 40 Projekte rund 10 Gigawatt CO₂-freie Energie in Texas. Am Standort selbst sind zusätzlich 750 Megawatt Solar und 1,8 Gigawatt Batteriespeicher geplant. Bemerkenswert ist ein Halbsatz im Statement, der die Lage besser beschreibt als jede Zahl: Die Welt sehe heute anders aus als zu dem Zeitpunkt, an dem Amazon den Climate Pledge mitbegründet habe.
Für Unternehmen, die AWS nutzen, ist das keine abstrakte Umweltmeldung. Steigende Scope-1- und Scope-2-Emissionen eines Cloud-Anbieters landen als Scope-3-Emissionen in der Bilanz seiner Kunden. Wer eigene Klimaziele berichtet und wesentliche Rechenlast bei einem Hyperscaler betreibt, wird die Frage nach der Herkunft dieser Rechenleistung künftig schwerer wegdelegieren können. Dokumentierte Reaktionen von Anwohnern oder Umweltverbänden speziell zu GW Ranch liegen bislang nicht vor; für ein vergleichbares Projekt bei Blue, Texas, berichtet der Texas Observer, ein Antrag auf behördliche Anhörung sei nach 45 Sekunden abgelehnt worden.
- TechCrunch — Planned Amazon data center could become the biggest climate polluter in the U.S.
- The Verge — An Amazon data center could have the worst polluting power plant in the country
- heise online — Amazon plant gigantisches Gaskraftwerk für neues KI-Rechenzentrum
- Texas Observer — Developer of GW Ranch in Pecos County plans largest power project in the US
- Distilled/Cleanview — Scoop: Amazon is behind one of the largest gas plants ever proposed