Märkte · KI-Infrastruktur
45 Milliarden Dollar, sechs Tage, ein Blocktrade: Der bekannteste KI-Fonds der Welt ist erledigt
Am Morgen des 30. Juli, noch vor Handelseröffnung, wechselte das komplette öffentliche Portfolio des Hedgefonds Situational Awareness in einer einzigen Transaktion den Besitzer. Käufer war Ken Griffins Citadel. Long-Buch und Short-Buch gingen zusammen über den Tisch — bewusst als Blocktrade, weil eine Auflösung Position für Position die Liquidität der Händler überfordert hätte. Sechs Tage zuvor hatte der Fondsgründer seinen Investoren noch geschrieben, der beginnende Ausverkauf sei „eine der besten Kaufgelegenheiten seit Anfang letzten Jahres“, und sie eingeladen, ab dem 1. August frisches Kapital nachzuschießen.
Leopold Aschenbrenner ist 25 Jahre alt. Er gehörte OpenAIs Superalignment-Team an, bis er im April 2024 entlassen wurde — laut OpenAI wegen der Weitergabe interner Informationen, was er bestreitet; seine Darstellung ist, er habe dem Board in einem Memo Sicherheitslücken gegenüber Industriespionage vorgehalten. Im Juni 2024 veröffentlichte er das 165-seitige Essay „Situational Awareness: The Decade Ahead“ mit der These, AGI komme um 2027/28 und erzwinge einen historisch beispiellosen Ausbau von Chips, Speicher, Rechenzentren und Energie. Ende 2024 machte er aus dem Essay einen Fonds — mit rund 225 Millionen Dollar Startkapital von Jane Street, den Collison-Brüdern, Nat Friedman und Daniel Gross. Der Fonds kaufte genau das, was das Essay beschrieb, und shortete, was es für überflüssig hielt.
Die Wette ging lange spektakulär auf. 2025 lieferte der Fonds nach Angaben mehrerer Berichte eine vierstellige Rendite, im ersten Halbjahr 2026 laut Investorenbrief vom 24. Juli 439 Prozent. Das verwaltete Vermögen wuchs von 225 Millionen auf über 20 Milliarden Dollar, der Nettoinventarwert erreichte am 1. Juli einen Höchststand von rund 45 Milliarden Dollar — verwaltet von acht Mitarbeitern, von denen laut Berichten vier Investmentprofis waren. Das offengelegte Aktienbuch war extrem konzentriert: Bloom Energy, SanDisk, CoreWeave, IREN und Core Scientific machten zusammen über 76 Prozent aus, dazu Milliardenbeträge in Puts auf den Halbleiter-ETF SMH und auf Nvidia.
Die entscheidende Zahl ist eine andere: Das Bruttoexposure lag bei etwa dem Vierfachen des Eigenkapitals. Bei diesem Hebel genügt ein Rückgang des Long-Buchs um rund 30 Prozent, um das Eigenkapital rechnerisch vollständig aufzuzehren. Genau das passierte zwischen dem 24. und 29. Juli, als der Ausverkauf bei KI-Infrastrukturwerten sich beschleunigte: Kernpositionen verloren im Juli zwischen 27 und 54 Prozent. Gleichzeitig lief die Short-Seite gegen ihn — Adobe, eine der Wetten auf durch KI verdrängte Software, stieg im Vormonat um über 30 Prozent und löste dort ebenfalls Nachschussforderungen aus. Die Prime Broker Goldman Sachs, JPMorgan, Bank of America und Citigroup zogen die Reißleine. Nach dem Verkauf liegt das Fondsvermögen laut Bloomberg bei noch etwa 10 Milliarden Dollar.
Was das Ergebnis so unbequem macht: Die Analyse war im Kern nicht falsch. Der Substack-Analyst Tae Kim rechnet vor, dass mehrere Flaggschiff-Positionen — Nebius, Bloom Energy, SanDisk — trotz des Juli-Absturzes immer noch über 100 Prozent im Plus standen. Ohne oder mit moderatem Hebel wäre der Fonds im obersten Prozent aller Fonds geblieben. Zerstört hat ihn nicht die Prognose, sondern die Zeitachse: Ein gehebeltes Portfolio muss nicht nur recht behalten, es muss zu jedem einzelnen Zeitpunkt zahlungsfähig bleiben. Die Konditionen des Citadel-Deals wurden nicht offengelegt; sämtliche Berichte stützen sich auf anonyme Insider, ein offizielles Statement gibt es weder von Citadel noch von Situational Awareness.
Ein Rest bleibt Aschenbrenner. Das private Portfolio wurde nicht verkauft, und dessen größte Position ist eine Anthropic-Beteiligung, die die Financial Times auf rund 5 Milliarden Dollar taxiert — erworben in einem Umfeld, in dem Anthropic zuletzt im Mai mit 965 Milliarden Dollar bewertet wurde und ein Börsengang frühestens für Oktober erwartet wird. Dazu kommen Anteile am Chiphersteller MatX und am Rechenzentrums-Startup Fluidstack. Aus dem Hedgefonds mit Beteiligungsgeschäft ist damit faktisch eine Anthropic-Holding mit angeschlossenem Hedgefonds geworden. Für Entscheider ist die Lehre weniger spektakulär, als der Fall es hergibt: Der Zusammenbruch sagt nichts darüber aus, ob KI-Infrastruktur langfristig unterbewertet ist. Er sagt etwas darüber, wie viel Fremdkapital in dieser Wette steckt — und was passiert, wenn es gleichzeitig zurückgefordert wird.
- TechCrunch — AI hedge fund Situational Awareness may have sold its public portfolio, but it still has its Anthropic shares
- CNBC — AI investor Leopold Aschenbrenner forced to unwind all public stock positions after steep losses
- Bloomberg — Situational Awareness Assets Drop to $10 Billion After Liquidations
- Axios — AI-focused hedge fund sells all of its stocks
- SpotGamma — Anatomy of a Margin Call: How Situational Awareness Unwound a $20 Billion AI Book in One Trade
- Tae Kim — The Big Lesson from the Implosion of Situational Awareness