KI-Infrastruktur · Großbritannien
Stargate UK: Wie aus dem gefeierten KI-Milliardendeal ein PR-Stunt wurde
Es war eine der Prunkstücke des Staatsbesuchs: Als US-Präsident Donald Trump im September 2025 London besuchte, verkündete die britische Regierung ein Investitionspaket US-amerikanischer Tech-Konzerne von rund 31 Milliarden Pfund — neben Zusagen von Microsoft (22 Milliarden Pfund) und Google (5 Milliarden Pfund) war das Kronjuwel „Stargate UK“: eine Partnerschaft von OpenAI, Nvidia und dem britischen Rechenzentrumsbetreiber Nscale, die „souveräne“ KI-Rechenkapazität für den öffentlichen Sektor, sicherheitsrelevante Bereiche und regulierte Branchen wie das Finanzwesen schaffen sollte. Geplanter Standort war Cobalt Park in North Tyneside, im industriell geprägten Nordosten Englands. Vorgesehen waren zunächst rund 8.000 Nvidia-Grafikprozessoren ab Anfang 2026, mit Ausbau auf bis zu 31.000 GPUs. OpenAI-Chef Sam Altman nannte Großbritannien bei der Ankündigung einen „langjährigen Pionier der KI“, zentral für die Wachstumspläne seines Unternehmens. Eine zusätzlich genannte Zahl von 20 Milliarden Pfund „potenziellem künftigen Investment“ sorgte für die größten Schlagzeilen — wie sich nun zeigt, aus gutem Grund.
Wie der Guardian nach einer Auswertung von Informationsfreiheitsanfragen (FOI) berichtete und mehrere Fachmedien — darunter TheNextWeb, Computer Weekly und Data Center Dynamics — bestätigten, blieb von der Ankündigung in der Praxis auffallend wenig übrig. In den gut fünf Monaten zwischen der Verkündung im September 2025 und Februar 2026 besuchte laut den freigegebenen Dokumenten weder ein Vertreter von OpenAI noch von Nscale den vorgesehenen Standort Cobalt Park — lediglich Nvidia schickte Mitarbeitende vor Ort. Eine separate FOI-Anfrage beim staatlichen Netzbetreiber National Energy System Operator ergab zudem, dass die Fläche zum damaligen Zeitpunkt über keinen tatsächlichen Netzanschluss verfügte; ein alternativer Energie-Vorschlag war in den herausgegebenen Unterlagen geschwärzt. Auf Nachfrage, wie sich die vielzitierte 20-Milliarden-Pfund-Zahl konkret zusammensetze oder welche Investoren dahinterstünden, wich das zuständige Ministerium für Wissenschaft, Innovation und Technologie (DSIT) aus — die Zahl war, so die Rekonstruktion des Guardian, nie mehr als eine in einer Pressemitteilung genannte, unverbindliche Obergrenze.
Der Fall reiht sich in eine breitere Guardian-Recherche vom März 2026 ein, die mehrere staatlich gefeierte KI-Investitionsankündigungen in Großbritannien untersuchte und dabei ein Muster fand, das die Zeitung „Phantom-Investitionen“ nennt: Ankündigungen, die auf Selbstauskünften der beteiligten Unternehmen beruhen statt auf geprüften, verbindlichen Zusagen. Im April 2026 zog OpenAI schließlich formal die Reißleine und pausierte Stargate UK — mit Verweis auf zwei konkrete Hindernisse: die im europäischen Vergleich extrem hohen britischen Industriestrompreise, laut Branchenschätzungen etwa das Drei- bis Vierfache des Niveaus in den USA oder in nordischen Ländern, sowie regulatorische Unsicherheit, nachdem die Regierung eine von OpenAI unterstützte Ausnahmeregelung fürs KI-Training im Urheberrecht (Text- und Data-Mining) zurückgenommen hatte. Ein Bauantrag für den Standort in North Tyneside wurde zu keinem Zeitpunkt eingereicht. Nscale wiederum verlagerte sein Engagement bemerkenswerterweise ins Ausland: Das Unternehmen bekannte sich stattdessen zu rund 695 Millionen Euro für einen Standort in Portugal mit 66.000 Nvidia-GPUs — ein Hinweis darauf, dass der Betreiber anderswo schlicht bessere Rahmenbedingungen fand, während das britische Vorzeigeprojekt auf der Stelle trat.
Politisch trifft die Enthüllung vor allem Premierminister Keir Starmers Regierung, die Stargate UK wiederholt als Beleg für ihre Strategie zur „KI-Supermacht“ ins Feld geführt hatte — parallel zu einer ebenfalls unbequemen Kehrtwende bei der Urheberrechtspolitik. Tom Hegarty von der Tech-Accountability-Organisation Foxglove wird mit den Worten zitiert, das Projekt sei „wenig mehr als eine Pressemitteilung“ gewesen. Noch deutlicher formulierte es eine dem Deal nahestehende, nicht namentlich genannte Quelle gegenüber dem Guardian: „Es war effektiv nur ein PR-Stunt der Regierung, und Sam Altman hat den Schaden abbekommen, als der Stecker gezogen wurde.“ Die Aussage deutet an, dass die Downing Street die Ankündigung vor allem als Fototermin für den Staatsbesuch nutzte — während OpenAI am Ende die öffentliche Verantwortung für ein Scheitern trug, das möglicherweise nie eine wirklich belastbare Grundlage hatte.
Für Technologieentscheider außerhalb Großbritanniens liefert der Fall eine nützliche Warnung: Groß verkündete KI-Infrastrukturdeals — Milliardensummen, Fototermine mit Staatsoberhäuptern, wohlklingende Pressemitteilungen — sind keine verlässlichen Indikatoren für tatsächlich verbindliche Investitionen oder gebauten Beton. Wer die Verfügbarkeit „souveräner“ KI-Rechenkapazität in seine eigene Standort- oder Beschaffungsstrategie einplant, sollte nach Baugenehmigungen, Netzanschlusszusagen und tatsächlichen Vor-Ort-Aktivitäten fragen — nicht nach der Größe der zitierten Investitionssumme. Der britische Fall zeigt zudem ein strukturelles Problem der aktuellen KI-Standortpolitik weltweit: Regierungen und Unternehmen haben ein gemeinsames Interesse an spektakulären Ankündigungen, aber oft ein sehr unterschiedliches Interesse daran, sie später auch einzulösen.
- heise online — Stargate UK: 20-Milliarden-Pfund-Investment war nicht mehr als ein PR-Stunt
- TheNextWeb — OpenAI never visited its Stargate UK site, Guardian finds
- BM Magazine — OpenAI pulls plug on Stargate UK, leaving Starmer's AI superpower pitch in tatters
- TechRadar — OpenAI halts £31 billion Stargate UK project over rising energy costs and regulatory deadlock
- Data Center Dynamics — OpenAI announces Stargate UK, with up to 8,000 GPUs at Nscale data centers
- Computer Weekly — OpenAI 'pauses' Stargate UK: Sudden setback or calculated move?