KI-Regulierung · USA
Trump-Administration hebt Mythos-Sperre auf: 100+ US-Organisationen erhalten Zugang
Commerce Secretary Howard Lutnick hat am 26. Juni 2026 die Exportkontroll-Beschränkungen für Anthropics Flaggschiff-Modell Mythos 5 für ausgewählte US-Organisationen aufgehoben. In einem Brief schrieb Lutnick: „I have determined that appropriate safeguards are in place to permit certain trusted partners to access the Claude Mythos 5 Model." Mehr als 100 Unternehmen und Bundesbehörden — deren Namen in einem nicht-öffentlichen Annex A aufgelistet sind — dürfen das Modell nun wieder nutzen, auch für ihre ausländischen Mitarbeiter. Schwerpunkt der Freigabeliste: Cyberverteidiger und Betreiber kritischer Infrastruktur.
Die Vorgeschichte: Am 9. Juni veröffentlichte Anthropic Fable 5 und Mythos 5. Drei Tage später eskalierte die Situation. Amazon-CEO Andy Jassy erwähnte in einem Regierungsgespräch, dass Amazon-Forscher Fable 5 per Jailbreak dazu gebracht hatten, gesperrte Informationen über Cyberangriffe preiszugeben. Parallel dazu unterrichtete General Joshua Rudd, Direktor der NSA, Senator Mark Warner mit dem Satz: „Broke into almost all of our classified systems, not in weeks, but in hours." Dieser Satz bezog sich auf ein kontrolliertes Red-Team-Experiment — doch er genügte für eine Notfall-Direktive. Commerce Secretary Lutnick erließ umgehend eine Exportkontrolle: Anthropic durfte Mythos 5 und Fable 5 keinem ausländischen Staatsangehörigen mehr zugänglich machen. Da keine Echtzeitfilterung nach Nationalität möglich war, schaltete Anthropic beide Modelle weltweit ab — für alle Nutzer.
Was Mythos tatsächlich kann, hatte Anthropic zuvor selbst dokumentiert. Die eigene Cybersecurity-Evaluation zeigt: Das Modell fand vollständig autonom eine 27 Jahre alte Schwachstelle im OpenBSD-TCP-Stack, einen 16 Jahre alten Memory-Corruption-Bug in FFmpeg und einen 17 Jahre alten unauthentifizierten Root-Access-Fehler in FreeBSD. Beim Benchmark gegen bekannte Firefox-Exploits erstellte Mythos 181 funktionierende Angriffscodes — der Vorgänger Claude Opus 4.6 schaffte lediglich zwei. CEO Dario Amodei wertete den entdeckten Jailbreak als „narrow, not a full jailbreak" und lehnte einen freiwilligen Modell-Rückzug ab. US-Finanzminister Scott Bessent sagte Amodei direkt: „You are making a bad decision."
In den folgenden zwei Wochen führten Anthropic und die US-Regierung tägliche Gespräche. Mehr als 100 Cybersecurity-Experten — darunter Alex Stamos, ehemaliger Sicherheitschef von Facebook — unterzeichneten einen offenen Protestbrief: Die Exportkontrolle nehme den besten Modellen von den Verteidigern, während Angreifer auf chinesische Open-Source-Modelle ohne US-Beschränkungen ausweichen könnten. Anthropic verpflichtete sich seinerseits zur Kooperation bei „protocols and standards and releases" künftiger Modelle.
Die partielle Freigabe löst das Problem nur bedingt: Fable 5 bleibt weiterhin weltweit gesperrt. Parallel hat Anthropic im Rahmen von Project Glasswing rund 150 internationale Organisationen in mehr als 15 Ländern einbezogen — primär aus Energie, Wasser, Gesundheit und Telekommunikation. Für den Rest der Welt und Europa bleibt der Zugang vorerst versperrt. Anthropic hat angekündigt, ab dem 8. Juli Identitätsprüfungen für alle Nutzer einzuführen, um künftig selektiven Zugang zu ermöglichen. Wie wir am 13. Juni berichteten, löste der Mythos-Launch die erste ernsthafte Konfrontation zwischen dem US-Sicherheitsestablishment und der KI-Industrie aus. Mit der heutigen Teilfreigabe ist diese Konfrontation nicht beigelegt — sie ist institutionalisiert.
- Semafor — US releases powerful Anthropic model Mythos to some US companies
- CNBC — Trump admin allows Anthropic to release Mythos AI model
- Fortune — How a warning from Amazon led the White House to shut down Anthropic's Mythos model
- Anthropic Research — Assessing Claude Mythos Preview's Cybersecurity Capabilities
- The Verge — Anthropic's Mythos 5 is back