Hardware · OpenAI & Broadcom
OpenAIs erster eigener Chip heißt „Jalapeño“ — und ist eine Wette gegen die Nvidia-Rechnung
Am Mittwoch, dem 24. Juni, stellten OpenAI und Broadcom gemeinsam Jalapeño vor — laut OpenAI der erste vollständig vom Unternehmen selbst entworfene KI-Chip. Anders als die Trainingschips, mit denen die Branche gerne Schlagzeilen macht, ist Jalapeño bewusst eng zugeschnitten: ein ASIC (Application-Specific Integrated Circuit), also ein Baustein für genau eine Aufgabe — in diesem Fall die Inferenz, das Beantworten von Anfragen durch ein bereits trainiertes Modell. OpenAI sagt, der Chip sei „rund um die Kernels, die Speicherbewegungen, das Networking und die Serving-Muster“ moderner Modelle herum konstruiert worden und in etwa neun Monaten entstanden. Erste Racks sollen Ende 2026 in Betrieb gehen.
Um die Bedeutung einzuordnen, hilft der Unterschied zwischen einem ASIC und einer GPU. Eine GPU, wie Nvidias Blackwell-Generation, ist ein Allzweckwerkzeug: Sie kann trainieren, sie kann Inferenz, sie kann mit neuen, sich ändernden Modellarchitekturen umgehen. Diese Flexibilität kostet — in Chipfläche, in Energie und im Preis, den Nvidia für seine Marktstellung verlangt. Ein Inferenz-ASIC verzichtet auf diese Flexibilität und tut dafür eine Sache hocheffizient. Sobald ein Arbeitslast-Muster ausgereift ist und milliardenfach am Tag läuft — und nichts beschreibt ChatGPT besser —, kippt die Rechnung: Spezialisierung schlägt Allzweck. Analysten beziffern den Effizienzvorteil dedizierter Inferenz-Silizium auf einen Faktor von drei bis fünf bei Performance pro Watt und auf Kosteneinsparungen von 50 bis 67 Prozent pro Token; Schätzungen zufolge verlagern die Hyperscaler bis 2028 rund 60 bis 70 Prozent ihrer internen Inferenz auf eigene ASICs.
Warum OpenAI das tut, steht in der eigenen Bilanz. Die Inferenzkosten des Unternehmens werden für 2026 auf rund 14 Milliarden Dollar geschätzt — nach etwa 8,4 Milliarden im Vorjahr. Bei über 900 Millionen wöchentlichen Nutzern ist jede gesparte Zehntelsekunde Rechenzeit ein Posten, der sich millionenfach multipliziert. Hinzu kommt die strategische Abhängigkeit: OpenAI hing jahrelang fast vollständig an Nvidia-GPUs, begann 2025 Googles TPUs zu mieten und entwirft nun eigenes Silizium. Die im Oktober 2025 angekündigte Broadcom-Partnerschaft über 10 Gigawatt selbst designter Beschleuniger ist der Rahmen; Jalapeño ist ihr erstes konkretes Produkt. Dass die Ankündigung ausgerechnet jetzt kommt, ist kein Zufall — OpenAI bereitet Berichten zufolge einen Börsengang vor, und ein eigener Chip ist genau die Art von Souveränitätssignal, die Investoren sehen wollen.
Der eigentliche Profiteur könnte ein Unternehmen sein, das die wenigsten Endkunden je zu Gesicht bekommen: Broadcom. Der Konzern ist nicht der Verkäufer einer fertigen GPU, sondern der Co-Designer im Hintergrund — und in dieser Rolle nahezu konkurrenzlos. Zusammen mit Marvell kontrolliert Broadcom den Markt für kundenspezifische ASIC-Entwürfe zu geschätzten 95 Prozent; das Unternehmen steckt bereits hinter Googles TPU, Metas MTIA-Chips und Microsofts Maia. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 meldete Broadcom 8,4 Milliarden Dollar KI-Umsatz (plus 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und einen Auftragsbestand von 73 Milliarden; CEO Hock Tan sprach von „Sichtweite“ auf über 100 Milliarden Dollar KI-Chip-Umsatz im Jahr 2027. Jalapeño macht OpenAI zum nächsten Namen auf dieser Liste.
Für Infrastruktur-Entscheider ist die Botschaft differenziert. Erstens: Nvidia verliert nicht über Nacht — Training, Forschung und jede neue Modellarchitektur bleiben vorerst GPU-Domäne, und Jalapeño ist ausdrücklich kein Trainingschip. Zweitens aber verfestigt sich ein struktureller Trend, den wir in unserer Ausgabe vom 19. Juni am Beispiel von Amazons Trainium-Verkauf beschrieben haben: Die ökonomisch teuerste Schicht der KI — das Ausliefern von Antworten in Massen — wandert von der Allzweck-GPU zum Spezialchip. Wer langfristige Compute-Verträge plant, sollte einkalkulieren, dass „KI-Rechenleistung“ 2027 nicht mehr gleichbedeutend mit „Nvidia“ ist. Einschränkend gilt: Details wie Fertigungsprozess (berichtet wird TSMCs 3-Nanometer-Knoten) und Speicherausstattung stammen bislang aus Sekundärquellen, nicht aus der offiziellen Mitteilung — und der ungewöhnliche Name Jalapeño ist als interner Projekttitel zu lesen, nicht als finale Produktmarke.
- OpenAI — OpenAI and Broadcom unveil LLM-optimized inference chip
- TechCrunch — OpenAI unveils its first custom chip, built by Broadcom
- The Verge — OpenAI reveals its first AI processor: Jalapeño
- heise online — OpenAI und Broadcom kündigen neuen KI-Chip Jalapeño an
- OpenAI — OpenAI and Broadcom announce strategic collaboration (Okt. 2025)
- CNBC — OpenAI and Broadcom reveal Jalapeño, first AI chip in partnership