· 6 Artikel + Reportage + Tool-Radar + Werkstatt

Ausgabe vom 24. Juni 2026

Maschinell recherchiert, menschlich relevant.

Supercomputing · Geopolitik

„LineShine“: China holt sich mit eigenen Chips die Spitze der Top500 zurück — ohne eine einzige GPU

Hintergrund & Analyse

Am 23. Juni 2026 hat die neue Ausgabe der Top500-Liste — der halbjährlich auf der International Supercomputing Conference (ISC) in Hamburg veröffentlichten Rangliste der schnellsten Supercomputer der Welt — einen neuen Spitzenreiter gekürt: das chinesische System LineShine. Es erreichte im maßgeblichen High-Performance-Linpack-Benchmark 2,198 Exaflops (also gut 2,2 Trillionen Gleitkomma-Operationen pro Sekunde) und verdrängt damit das bisherige Spitzensystem El Capitan aus dem Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien (1,809 Exaflops). Für China ist es die Rückkehr an die Spitze nach neun Jahren — zuletzt führte das Land die Liste 2017 mit Sunway TaihuLight an.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht die Zahl, sondern die Bauweise. LineShine kommt vollständig ohne GPUs aus — also ohne die KI-Beschleuniger von Nvidia oder AMD, die jedes andere Spitzensystem der Welt antreiben. Stattdessen rechnet die Maschine mit rund 14 Millionen ARM-Kernen auf der heimischen „LingKun“-Plattform (Prozessoren des Typs Lineshine-LX2, je 304 Kerne), verbunden über einen chinesischen „LingQi“-Interconnect, mit chinesischem Speicher und dem heimischen Kylin-Betriebssystem. Es ist das erste System der Top500-Geschichte, das die 2-Exaflops-Marke allein mit CPUs überschreitet. Installiert ist es am National Supercomputing Centre in Shenzhen. Mehrere Branchenquellen ordnen die LX2-Chips Huawei zu — die offizielle Top500-Mitteilung spricht aber nur von einem „custom Chinese processor“, weshalb die Huawei-Zuordnung als laut Berichten zu lesen ist.

Der politische Subtext ist offensichtlich. Seit 2023 hatte China praktisch aufgehört, seine Systeme überhaupt zur Top500 einzureichen — eine direkte Folge der US-Exportkontrollen für Hochleistungs-Chips und Fertigungsausrüstung, die unter Trump und Biden verschärft wurden. LineShine ist das demonstrative Gegenargument: Die Restriktionen mögen den Zugang zu modernsten GPUs blockieren, sie haben Chinas Weg zu Exascale-Rechenleistung mit komplett heimischem Silizium aber nicht gestoppt. Peking inszeniert das System als Beweis technologischer Souveränität.

Doch der Befund hat einen entscheidenden Haken — und genau hier trennen sich Supercomputing und KI. Im für künstliche Intelligenz aussagekräftigeren Mixed-Precision-Benchmark HPL-MxP, der die für das Training neuronaler Netze typischen ungenaueren Rechenformate misst, landet LineShine nur auf Platz 4 (7,92 Exaflops) — hinter den US-Systemen Aurora (11,6) und Frontier (11,4). Der Grund ist genau das Fehlen spezialisierter KI-Beschleuniger, deren Fertigung wiederum an der von den USA kontrollierten Belichtungstechnik hängt. Anders gesagt: China hat die klassische HPC-Spitze erobert, beim KI-Rechnen aber bleibt der Rückstand bestehen. Kritiker wie der Analyst Goodrich warnen, China wolle den Eindruck erwecken, Exportkontrollen seien wirkungslos, „indem wir die Details ignorieren“.

Für Unternehmen und Entscheider ist die Lehre weniger der Ranglistenplatz als die dahinterliegende Dynamik: Der Aufbau souveräner Rechenkapazität wird zum strategischen Wettbewerbsfeld zwischen Staaten — mit direkten Folgen für Lieferketten, Chip-Verfügbarkeit und die Frage, auf wessen Infrastruktur die eigene KI künftig läuft. Wie sehr Speicher und Beschleuniger bereits heute zum eigentlichen Engpass des KI-Ausbaus geworden sind, hatten wir in unserer Reportage zum Ende des Nvidia-Monopols ausgeführt — LineShine ist nun das geopolitische Echo derselben Verschiebung.

Geschäftsmodelle · OpenAI

100 Milliarden bis 2030: OpenAI macht ChatGPT zur Werbeplattform

Hintergrund & Analyse

OpenAI vollzieht den wohl folgenreichsten Strategiewechsel seiner Geschichte: vom reinen Abo-Anbieter zum Werbekonzern. Nach internen Projektionen, die das Unternehmen Investoren vorgelegt hat (zuerst von Axios berichtet, von eMarketer und weiteren bestätigt), plant OpenAI einen Werbeumsatz von 2,5 Milliarden Dollar in diesem Jahr, der über 11 (2027), 25 (2028) und 53 Milliarden (2029) bis 2030 auf 100 Milliarden Dollar steigen soll. Zum Vergleich: Das wäre mehr, als Tesla oder Disney heute insgesamt umsetzen.

Die Zahlen sind atemberaubend ambitioniert — und hängen an einer kühnen Annahme. Die Prognose unterstellt, dass ChatGPT bis 2030 rund 2,75 Milliarden wöchentliche Nutzer erreicht; aktuell (Stand Februar 2026) sind es etwa 900 Millionen. OpenAI müsste seine Reichweite also verdreifachen und jeden dieser Nutzer erfolgreich monetarisieren. Der erste Realitätstest läuft jedoch bereits: Seit dem 9. Februar 2026 zeigt ChatGPT in den USA Werbung für eingeloggte, erwachsene Nutzer der kostenlosen und der Go-Tarife (8 Dollar/Monat). Dieser Pilot überschritt nach Unternehmensangaben binnen sechs Wochen einen annualisierten Umsatz von 100 Millionen Dollar mit über 600 Werbetreibenden.

Wie sieht Werbung in einem Chatbot aus? OpenAI setzt auf zwei Formate: gesponserte Produkt-Karten (mit Logo, Produktname, Preis und Lieferinfo) unterhalb der eigentlichen Antwort sowie konversationelle Anzeigen mit einem „Ask ChatGPT about this ad“-Button. Das Targeting stützt sich dabei auf aktuelle und frühere Gesprächsthemen sowie die bisherige Interaktion mit Anzeigen — also auf genau jene intimen Daten, die Nutzer einem Assistenten anvertrauen. Geleitet wird das Geschäft seit März 2026 von David Dugan, einem über ein Jahrzehnt erfahrenen Meta-Manager (zuletzt VP Global Clients and Agencies), der direkt an COO Brad Lightcap berichtet.

Der Schwenk ist nicht ohne Risiko — und nicht ohne Widerstand. Bei OpenAIs erstem Auftritt auf den Cannes Lions 2026 („We are clearly in the advertising business now“) schlug dem Konzern spürbarer Gegenwind der Werbebranche entgegen; Fachmedien wie Digiday berichten von Problemen bei der Anzeigenauslieferung, die „die Geduld der Werbekunden testen“. Der eigentliche Konflikt aber ist fundamentaler: Ein KI-Assistent lebt vom Vertrauen, neutral und im Interesse des Nutzers zu antworten. Sobald gesponserte Empfehlungen ins Spiel kommen, steht genau diese Neutralität zur Disposition — und das gesprächsbasierte Targeting wirft erhebliche Datenschutzfragen auf.

Für Unternehmen hat das zwei Seiten. Marketing-Verantwortliche bekommen mit ChatGPT einen potenziell riesigen neuen Werbekanal, der Nutzer im Moment der Kaufabsicht erreicht — noch dazu konversationell statt als statischer Banner. Zugleich verschiebt sich die Macht über Produktempfehlungen weiter in Richtung der KI-Plattformen: Wer in den Antworten eines Assistenten sichtbar sein will, wird künftig womöglich dafür bezahlen müssen. Das „kostenlose“ KI-Tool finanziert sich, wie zuvor schon Suchmaschine und Social Network, über die Aufmerksamkeit und die Daten seiner Nutzer.

Generative KI · Video

30 Sekunden am Stück: ByteDances Seedance 2.5 dehnt die Grenze der KI-Videoerzeugung

Hintergrund & Analyse

Am 23. Juni 2026 hat ByteDance — der Mutterkonzern von TikTok und Douyin — auf der Volcano Engine FORCE Conference in Peking eine Vorschau auf Seedance 2.5 gezeigt, die nächste Generation seines KI-Videomodells. Die Kernneuerung adressiert eine der hartnäckigsten Schwächen aktueller Video-KI: die Clip-Länge. Seedance 2.5 erzeugt nach Unternehmensangaben native Einzelclips von bis zu 30 Sekunden am Stück — inklusive Szenenwechseln und Tempovariationen, ohne dass mehrere kurze Schnipsel nachträglich zusammengesetzt werden müssten. Zum Einordnen: Konkurrenzmodelle wie OpenAIs Sora 2 liegen typischerweise bei rund 25 Sekunden, viele andere deutlich darunter.

Der zweite große Sprung betrifft die Steuerbarkeit. Das Modell akzeptiert bis zu 50 multimodale Referenzen gleichzeitig — Bilder, Videos und Audio —, um eine einzige Generierung zu steuern; der Vorgänger Seedance 2.0 verarbeitete rund ein Dutzend. Damit lassen sich Figuren, Stile und Stimmen über eine komplexe Szene konsistent halten — bislang die Achillesferse generativer Videowerkzeuge. Hinzu kommen „Regional Editing“ (nachträgliche, lokale Bearbeitung einzelner Bildbereiche bei erhaltenem Stil) und 3D-Previsualisierung. Natives 4K wird erwartet; exakte Auflösungs-, Bildraten- und Audio-Spezifikationen hat ByteDance allerdings noch nicht offiziell bestätigt — die Vorschau ist ausdrücklich Preview, kein fertiges Release.

Hinter Seedance steht ByteDances Cloud-Sparte Volcano Engine, über die das Modell vermarktet wird; bei Verfügbarkeit dürfte es über die „Model Ark“-API sowie die Endkunden-Apps Jimeng (Dreamina), Doubao und CapCut zugänglich sein. Auf derselben Konferenz stellte der Konzern auch das Sprachmodell Doubao 2.1 Pro (laut ByteDance rund 80 Prozent günstiger als ein vergleichbares Spitzenmodell), das Bildmodell Seedream 5.0 Pro und Seed-Audio 1.0 vor — ein konzertierter Aufschlag im chinesischen Wettlauf der multimodalen Modelle. Der öffentliche Launch von Seedance 2.5 ist für Anfang Juli 2026 angekündigt; Preise nannte ByteDance noch nicht.

Die Einordnung im Wettbewerb fällt differenziert aus. Mit der Clip-Länge zieht ByteDance an den meisten Rivalen vorbei, doch jeder Anbieter spielt seine eigene Stärke aus: Sora 2 (OpenAI) punktet mit physikalischem Realismus, Veo 3.1 (Google) mit cineastischer Qualität und nativer Dialog-/Audioerzeugung, Kling 3.0 (Kuaishou) mit 4K/60fps und gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Seedances Trumpf ist die kreative Eingabeflexibilität — die schiere Zahl an Referenzen und ein Lippensynchron auf Phonem-Ebene.

Für Marketing-, Medien- und Produktteams rückt damit ein praktischer Schwellenwert näher: 30 Sekunden sind die Länge eines klassischen Werbespots oder einer in sich geschlossenen Social-Sequenz. Je länger und konsistenter KI-Clips werden, desto mehr verschiebt sich die Arbeit von der mühsamen Aneinanderreihung kurzer Fragmente hin zur Regie ganzer Szenen per Prompt. Wer Bewegtbild produziert, sollte die Modellgeneration dieses Sommers genau beobachten — die Frage ist nicht mehr ob, sondern für welche Formate KI-Video produktionstauglich wird.

Enterprise-KI · Agenten

224 Agenten für ein Unternehmen: SAP testet das „autonome Unternehmen“

Hintergrund & Analyse

SAP, Europas größter Softwarekonzern, positioniert sich neu — vom Anbieter betriebswirtschaftlicher Software zum „Business-AI-Unternehmen“. Im Zentrum steht die Vision des „Autonomous Enterprise“, die SAP unter intensiver Erprobung weiter ausbaut. CEO Christian Klein formuliert das Ziel unverblümt: ein Unternehmen, „in dem Agenten das Geschäft betreiben und man sich auf das konzentrieren kann, was wirklich zählt“. Hinter der Marketing-Formel steckt eine konkrete Architektur, die SAP in echten Pilotinstallationen testet.

Der entscheidende Unterschied zu bisherigen KI-Assistenten ist das Wort ausführen. SAPs Agenten sollen Geschäftsprozesse nicht nur vorschlagen oder zuarbeiten, sondern eigenständig von Anfang bis Ende abwickeln. Konkret orchestrieren über 50 domänenspezifische „Joule“-Assistenten ein Bündel von mehr als 200 spezialisierten Agenten (SAP nennt 224) über die Domänen Finanzen, Einkauf/Beschaffung, Lieferkette, Personal und Customer Experience. Beispiel HR-Onboarding: Statt einen Sachbearbeiter Schritt für Schritt zu unterstützen, prüft ein Agent Compliance-Dokumente, plant Einführungen, richtet Gehaltsabrechnungs-Zugänge ein und verschickt die Willkommenskommunikation — ohne menschlichen Eingriff bei jedem Einzelschritt.

Wichtig für die nüchterne Einordnung: Es handelt sich nicht um ein abgeschlossenes Experiment „eine ganze Firma vollautonom führen lassen“, sondern um eine Plattform-Vision mit ersten produktiven Pilotkunden. Auf der Bühne zeigte SAP Live-Deployments mit H&M und dem Energiekonzern RWE (dort reduziert „Autonomous Asset Management“ ungeplante Ausfallzeiten an Offshore-Windturbinen); Levi Strauss konsolidierte neun ERP-Systeme und setzt im Rahmen einer mehrjährigen Transformation über 1.000 KI-Agenten ein. Das Entwicklerwerkzeug Joule Studio 2.0 rollt seit Juni 2026 an erste Kunden aus; die abteilungsübergreifende Agent-zu-Agent-Kommunikation ist aber erst für das vierte Quartal 2026 geplant — vieles ist also noch Fahrplan, nicht Realität.

Vorausgegangen war ein interner „Testlauf“: Anfang 2026 versammelte SAP in St. Leon-Rot nahe Walldorf hunderte Entwickler und Produktmanager, um die Agenten-Generation zu bauen. Das Ökosystem ist breit — Partner sind unter anderem Anthropic (Claude-Integration), NVIDIA, AWS, Google Cloud, Microsoft und Palantir. Gartner erwartet, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten (2025: unter 5 Prozent).

Für Entscheider ist SAPs Vorstoß ein doppeltes Signal. Einerseits zeigt der größte Anbieter betrieblicher Standardsoftware, wohin die Reise geht: weg vom Dashboard, das ein Mensch bedient, hin zu Prozessen, die Agenten ausführen und der Mensch nur noch überwacht. Andererseits benennen selbst SAP-nahe Stimmen die offenen Flanken — Sicherheitslücken in KI-generiertem Code, Governance in regulierten Branchen und die Vertrauensfrage, ob man Agenten in produktiven ERP-Systemen tatsächlich autonom schalten lassen will. Wer agentische KI im eigenen Haus plant, findet hier eine Blaupause samt eingebauter Warnungen: Die Technik ist da, der Engpass ist die Kontrolle.

Hardware · Wearables

Meta löst sich von Ray-Ban: Smarte Brille unter eigener Marke ab 299 Dollar

Hintergrund & Analyse

Meta hat am 23. Juni 2026 erstmals smarte Brillen vorgestellt, die weder ein Ray-Ban- noch ein Oakley-Logo tragen, sondern schlicht unter der Eigenmarke „Meta Glasses“ laufen. Der Einstiegspreis liegt bei 299 Dollar — rund 80 Dollar weniger als die Ray-Ban Meta der zweiten Generation (380 Dollar). Es gibt drei Designlinien (Meta Adventurer, Meta Fury sowie eine mit Kylie Jenner gestaltete schmale Variante) und insgesamt 26 Stilvarianten über Farben und Gläser.

Technisch entsprechen die neuen Modelle weitgehend der zweiten Generation: eine 12-Megapixel-Kamera mit 3K-Auflösung, über acht Stunden Akkulaufzeit (plus 40 weitere über das Ladecase), Open-Ear-Lautsprecher und sechs Mikrofone. Anders als die teurere „Ray-Ban Display“-Variante haben sie kein eingebautes Display — der Fokus liegt auf Kamera, Audio und Sprach-KI. Eine eigene, frei belegbare Taste startet den Assistenten Meta AI, der Fragen beantwortet und „sieht“, was der Träger sieht; angekündigt sind Fußgängernavigation und 14 weitere Sprachen.

Strategisch ist der Schritt vielsagend. Gefertigt werden die Brillen weiterhin in Partnerschaft mit dem Brillenkonzern EssilorLuxottica (Vertrag bis 2030) — doch der Verzicht auf dessen prestigeträchtige Marken Ray-Ban und Oakley verschafft Meta Preishoheit und Markenkontrolle. Beobachter werten das als Zeichen, dass sich beide Partner zunehmend voneinander emanzipieren: EssilorLuxottica soll mit eigener Optik-Entwicklung (gemeinsam mit Applied Materials) womöglich eigene AR-Brillen vorbereiten. Gemeinsam halten Meta und EssilorLuxottica derzeit über 80 Prozent des Marktes für smarte Brillen.

Der niedrigere Preis zielt klar auf Adoption: Mark Zuckerberg treibt Wearables als nächste Computing-Plattform nach dem Smartphone voran, und ein Einstiegspreis unter 300 Dollar senkt die Hemmschwelle erheblich. Der Launch fällt zudem in einen sich verschärfenden Wettbewerb — Snap verkauft seine „Specs“ für 2.195 Dollar, und für 2026 werden Android-XR-Brillen von Samsung, Warby Parker und anderen erwartet.

Für den Markt ist die Botschaft, dass die KI-Brille die Nische verlässt. Mit einem massentauglichen Preis und einer eigenständigen Marke signalisiert Meta, dass es Wearables nicht als modisches Beiwerk, sondern als strategischen Distributionskanal für seinen KI-Assistenten begreift — eine kamerabewehrte, sprachgesteuerte KI, die Millionen Menschen den ganzen Tag tragen. Datenschützer dürften die Always-on-Kamera am Gesicht weiterhin kritisch begleiten; für Meta ist genau die ständige Präsenz der eigentliche Sinn der Übung.

Enterprise-KI · Anthropic

Der mitlesende Kollege: Anthropics „Claude Tag“ zieht dauerhaft in Slack ein

Hintergrund & Analyse

Anthropic verankert seinen Assistenten tiefer denn je in den Arbeitsalltag von Unternehmen. Mit „Claude Tag“ wird Claude zu einem dauerhaft präsenten Teammitglied, das in Slack-Channels „lebt“: Nutzer markieren @Claude für Analysen, Aufgabenzuweisungen und gemeinsame Arbeit. Anders als die bisherige Slack-App ist Claude nun keine Funktion, die man aufruft, sondern eine ständige Präsenz, die mitliest und fortlaufend über die Arbeit im Channel dazulernt. Mit Administrator-Erlaubnis kann das Modell sogar Fakten aus anderen Channels und Organisationsbereichen zusammentragen.

Besonders weitreichend ist der „Ambient Mode“: Claude meldet sich proaktiv von selbst zu Wort — hält das Team auf dem Laufenden, flaggt relevante Themen aus der gesamten Organisation und hakt bei vergessenen Threads oder liegengebliebenen Aufgaben nach. Alle Channel-Mitglieder greifen auf eine gemeinsame Claude-Identität zu, was Kontinuität schafft. Administratoren legen je Instanz fest, welche Tools, Informationen und Channels zugänglich sind — ein „Legal-Claude“ etwa kann keine Erinnerungen in einen Engineering-Channel einspeisen. Das Feature startet als Beta für Claude-Enterprise- und Claude-Team-Kunden. TechCrunch fasst die Stoßrichtung treffend zusammen: Claude lerne das Unternehmen kennen, „eine Slack-Nachricht nach der anderen“.

Genau hier liegt die Spannung. Ein dauerhaft mitlesender, proaktiver Agent mit Cross-Channel-Gedächtnis ist enorm nützlich — und wirft zugleich Fragen zu Überwachung am Arbeitsplatz und Datenminimierung auf. Der Assistent, der institutionelles Wissen abgreift, um hilfreicher zu werden, ist derselbe, der potenziell jede Konversation protokolliert. Für Unternehmen wird die Konfiguration der Admin-Berechtigungen damit zur eigentlichen Governance-Aufgabe.

Parallel — und thematisch verwandt — formalisiert Anthropic eine Identitäts- und Altersprüfung für Claude. Ab dem 8. Juli 2026 müssen Nutzer der Consumer-Tarife (Free, Pro, Max) auf Verlangen ein amtliches Foto-Ausweisdokument samt Live-Selfie einreichen; verarbeitet wird das vom Drittanbieter Persona, der Ausweis und Selfie speichert, während Anthropic „Data Controller“ bleibt. Erfasst werden auch Gesichtsgeometrie-Daten, die in manchen Jurisdiktionen als biometrische Daten gelten. Team-, Enterprise- und API-Kunden sind ausdrücklich ausgenommen.

Beide Neuerungen kreisen um dieselbe Grundfrage des Agenten-Zeitalters: Wer handelt hier eigentlich — und mit welcher Berechtigung? Während „Claude Tag“ die Agenten-Identität in den Unternehmens-Workflow einbettet (welcher Claude darf was sehen und tun), zielt die Ausweisprüfung auf die Nutzer-Identität im Consumer-Bereich (Jugendschutz, Missbrauchsprävention, regulatorischer Druck). Datenschützer kritisieren vor allem die biometrische Erfassung und die Auslagerung an einen externen Dienstleister. Für Entscheider zeigt sich ein Muster: Je mächtiger und autonomer KI-Systeme werden, desto stärker rückt die Frage der überprüfbaren Identität — auf beiden Seiten des Bildschirms — ins Zentrum.

Reportage

Klein, schnell, lokal: Warum Small Language Models die Unternehmens-KI umkrempeln

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Tool-Radar

Neue und trendende KI-Tools des Tages

Sakana Fugu Logo
Orchestrierungssystem aus Tokio, das sich nach außen wie ein einzelnes Modell verhält, intern aber ein Team spezialisierter Experten-Modelle koordiniert.
Ein OpenAI-kompatibler Endpoint entscheidet je Anfrage, ob er sie direkt löst oder an passende Spezialisten verteilt; Fugu Ultra soll so Frontier-Niveau erreichen — durch Orchestrierung statt eines Mega-Modells. Vom Forschungslabor Sakana AI (mitgegründet vom Transformer-Mitautor Llion Jones), vorgestellt am 22. Juni.
Agent-Frameworks · Juni 2026
Cotypist Logo
Lokales KI-Autocomplete für jede Mac-App (Mail, Slack, Notes, Docs), das Vorschläge in der eigenen Schreibstimme macht — Tab zum Übernehmen.
Läuft zu 100 Prozent on-device auf Apple Silicon, ohne Cloud-Call und ohne Logging — Autovervollständigung systemweit, bevor Apple sie liefert. Vom deutschen Indie-Studio Accelerated Thought, Featured-Relaunch auf Product Hunt am 23. Juni.
Produktivität · Juni 2026
OpenArt Director Logo
Erzeugt kinoreife KI-Videos von bis zu fünf Minuten allein durch Chatten — „Vibe Directing“ statt Einzel-Prompting.
Agiert wie ein Regisseur: entwickelt Story-Arcs, plant Szenen und hält Figuren, Stimmen und Stil über komplexe Sequenzen konsistent; angetrieben von Seedance 2.0 und GPT Image 2. Neues Feature der Kreativ-Plattform OpenArt, Product-Hunt-Launch am 23. Juni.
Kreativ · Juni 2026
Fundraisly Logo
KI-Fundraising-Agent, der aus über 300.000 Investoren die passenden, aktiv investierenden findet und warme Intro-Pfade aus dem eigenen Netzwerk kartiert.
Bündelt Investor-Discovery, Warm-Intro-Mapping und gezielten Cold Outreach in einem Workflow mit dem Ziel von 20 bis 40 qualifizierten Investorengesprächen. Vom Gründerteam mit VC-Hintergrund, in seiner Launch-Woche Product Hunt #1.
Business · Juni 2026
Juno Logo
Lokale Voice-to-Text-Schicht für den Mac mit Live-Transkription, Sprachbefehlen und per-App-Schreibstilen.
Das einzige Diktiertool mit Live-HUD-Transkription; nach einmaligem Modell-Download läuft alles komplett offline, ohne API-Call und ohne Konto. Kostenlos, kein Abo-Tier — Product-Hunt-Launch am 18. Juni.
Produktivität · Juni 2026
Invoko Logo
Sprachgesteuerter Desktop-Agent für den Mac: per Tastenkürzel dispatcht man Aufgaben, die der Agent über alle Apps hinweg ausführt.
Voll lokal deployt — versteht den Bildschirmkontext ohne Cloud-Bedenken; eine eigene Memory-Schicht trennt parallele Task-Threads mit unterschiedlichem Kontext. Von einem kleinen Team in drei Monaten und 71 Iterationen gebaut, Product-Hunt-Launch in der Woche vom 18. Juni.
Agenten · Juni 2026

Aus der Werkstatt

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