Infrastruktur · Stromnetz
Marylands Beschwerde beim FERC: 1,6 Milliarden Dollar Mehrkosten für Stromkunden — wegen AI-Rechenzentren in Nachbarstaaten
Die formelle Beschwerde nennt drei Zahlen, die für sich stehen. Erstens den Anteil Marylands an PJMs 22-Milliarden-Dollar-Netzaufrüstungsprogramm im Rahmen des „2022 Regional Transmission Expansion Plan Window 3": rund 2 Milliarden Dollar. Zweitens die Aufschlüsselung der 1,6 Milliarden Dollar Mehrkosten über zehn Jahre — 823 Millionen für Privathaushalte (ca. 345 USD pro Haushalt), 146 Millionen für gewerbliche Kunden (ca. 673 USD pro Konto) und 629 Millionen für Industriebetriebe (ca. 15.074 USD pro Konto). Drittens den Auslöser: prognostizierter Lastzuwachs in PJMs Gebiet bis 2030 in Höhe von 32 GW, davon 30 GW allein durch Rechenzentren — überwiegend lokalisiert in Virginia, Ohio, Pennsylvania und Illinois. Maryland selbst beherbergt nur einen Bruchteil dieser zusätzlichen Last.
PJM Interconnection ist mit 67 Millionen versorgten Menschen in 13 Bundesstaaten plus Washington, D.C. der größte Regional Transmission Operator (RTO) der USA. Seine Kosten-Allokations-Methodik aus den 1990er-Jahren basiert auf einer Annahme, die zwei Jahrzehnte tragfähig war: Lastzuwächse verteilen sich regional einigermaßen gleichmäßig, also lassen sich die Übertragungskosten breit auf alle Versorger umlegen. Diese Annahme bricht 2026 unter der konzentrierten AI-Rechenzentrums-Last zusammen. David S. Lapp, Marylands People's Counsel, formulierte es in der Beschwerde so: „Maryland customers have neither caused the need for these billions in new transmission projects nor will they meaningfully benefit from them. PJM's cost allocation rules are broken."
Northern Virginia bleibt das Epizentrum. Die „Data Center Alley" rund um Ashburn (Dominion-Energy-Gebiet) ist mit Ende 2024 schon bei 3,6 GW installierter Rechenzentrums-Last angekommen — ein Plus von 660 Prozent gegenüber 2013. Bis 2028 erwartet Dominion zusätzlich 4.000 MW neuer Anschlussanfragen. Die Beschwerde nennt die hinter den Anschlüssen stehenden Hyperscaler nicht namentlich, aber die in Virginia dominanten Player sind Amazon Web Services, Microsoft, Google und Meta — formell organisiert in der Data Center Coalition. Die Frage, welcher Konzern welchen Anteil der 22 Milliarden Dollar Aufrüstungs-Bedarf konkret verursacht, geht aus den öffentlichen Dokumenten nicht hervor — eine Transparenz-Lücke, die Verbraucherschützer seit Monaten kritisieren.
Maryland bettet seine Forderung politisch geschickt ein: Die Beschwerde beruft sich ausdrücklich auf Präsident Trumps „ratepayer protection pledge" — also auf das Versprechen der Trump-Administration, Stromkunden vor unfairen Mehrkosten durch die AI-Welle zu schützen. Damit wird das Verfahren nicht zu einer Maryland-vs.-Virginia-Frage, sondern zu einer Bewährungsprobe für das Versprechen der eigenen Bundesregierung. Die FERC muss nun entscheiden, ob sie PJM zwingt, die Aufrüstungs-Kosten direkt den Bundesstaaten mit den Rechenzentren zuzuordnen — oder sie den Tech-Konzernen selbst in Rechnung zu stellen.
Die makroökonomischen Daten unterstreichen die Brisanz. Die jüngste PJM-Kapazitätsauktion 2025/26 trieb den Preis pro MW-Tag auf 333,44 USD — ein Plus von 833 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut IEEFA waren Rechenzentren für 63 Prozent dieses Preissprungs verantwortlich, was sich in PJM-weit 9,3 Milliarden Dollar Mehrkosten niederschlug. In unserer Ausgabe vom 10. Mai haben wir die parallel laufende SEC-Sondierung gegen Nvidias zirkuläre Eigenkapital-Deals beschrieben — Marylands FERC-Beschwerde ist deren energiepolitisches Pendant: eine staatliche Institution prüft erstmals systematisch, ob die Ökonomie des AI-Booms strukturell auf öffentliche Subventionen aufgebaut ist. In unserer heutigen Reportage ordnen wir die Maryland-Beschwerde in den breiteren Kontext ein: Wie sich Stromkosten, Steuersubventionen, Wasser- und Bodenverbrauch zu einer „Mehrfachzahler"-These verdichten — und welche operativen Hedges Tech-Entscheider jetzt einpreisen sollten.
- Tom's Hardware — Maryland citizens slapped with $2B grid upgrade bill
- Common Dreams — Maryland Residents to Pay $1.6 Billion More
- Utility Dive — Maryland ratepayer advocate FERC complaint
- RTO Insider — PJM cost allocation rules rendered unfair
- IEEFA — Projected data center growth spurs PJM capacity prices by factor of 10
- CNN — Data centers spike Maryland electricity