Finanzmärkte · Nvidia
40 Milliarden Dollar in vier Monaten: Nvidia wird zum Großaktionär seiner eigenen Kunden — und die SEC schaut hin
Die Zahl, um die es geht, ist die Geschwindigkeit. Über 40 Milliarden Dollar in vier Monaten — das übertrifft die gesamte Eigenkapital-Aktivität Nvidias in 2025. CNBC zählt mindestens sieben Multi-Milliarden-Deals mit börsennotierten Unternehmen plus Beteiligungen an rund zwei Dutzend privaten Startup-Runden. Der größte Einzel-Posten bleibt OpenAI: rund 30 Milliarden Dollar, eine reduzierte Version der ursprünglich im September 2025 angekündigten 100-Milliarden-Dollar-Vereinbarung über zehn Gigawatt Compute, die nach OpenAIs Pivot zu Oracle, Microsoft und Amazon nicht mehr zustande kam. Huang selbst hatte im März öffentlich gesagt, 100 Milliarden seien „probably not in the cards“ und die 30 Milliarden „might be the last time“ man einen solchen Scheck schreibe. Vier Monate später ist das offenbar nicht mehr Konsens.
Die übrige Liste liest sich wie ein Wer-ist-Wer der Frontier-AI-Schicht. Anthropic ist Teil der laufenden Mega-Runde (Betrag nicht öffentlich, aber Bezug zur 350-Milliarden-Bewertung in der Vorbereitung des Anthropic-IPO). xAI bekam vor seiner Verschmelzung mit SpaceX im Februar 2026 noch eine Beteiligung. Mistral ebenfalls. Bei den börsennotierten Deals stechen drei aktuelle Schritte hervor: Bis zu 3,2 Milliarden Dollar in Corning für optische Fasern und drei neue US-Werke (angekündigt 6. Mai 2026). Bis zu 2,1 Milliarden Dollar in IREN, gekoppelt an einen 3,4-Milliarden-Dollar-Cloud-Vertrag (8. Mai). Je rund 2 Milliarden Dollar in Marvell Technology, Lumentum und Coherent für Silicon Photonics. Die historisch ungewöhnlichste Beteiligung bleibt Intel mit 5 Milliarden Dollar Einstieg, dessen Wert laut TechCrunch inzwischen auf rund 25 Milliarden Dollar gewachsen ist — „a historic return in months“, so der Kommentar.
Bei den Infrastruktur- und Startup-Beteiligungen sticht CoreWeave mit 2 Milliarden Dollar Anfang 2026 heraus, Nebius Group mit 2 Milliarden Dollar für AI-Cloud, Cursor als erster strategischer Coding-Tools-Stake im 2,3-Milliarden-Series-D vom November 2025. Figure AI hat im September 2025 eine über 1-Milliarde-Dollar-Series-C bei 39 Milliarden Bewertung erhalten, an der Nvidia ebenfalls beteiligt war. Die Bloomberg-Visualisierung „AI Circular Deals“ zeichnet das Beziehungsnetz zwischen Microsoft, OpenAI, Nvidia, Oracle und neuerdings Amazon nach — mit dem Fazit „increasingly interconnected web of dependencies“.
Die kritischen Stimmen gewinnen jetzt institutionelles Gewicht. Wedbush-Analyst Matthew Bryson ordnet Nvidias Strategie ausdrücklich „squarely into the circular investment theme“ ein. Mizuho-Analyst Jordan Klein formuliert es deutlich: „It smells like you are pre-funding the purchase of your own GPUs and products.“ Ben Bajarin von Creative Strategies sagte CNBC: „The risk is that if the cycle turns, the market starts questioning how much of the demand was organic versus supported by Nvidia's own balance sheet.“ Selbst Patrick Boyle, der vergangenen Herbst einen viel diskutierten YouTube-Essay zur AI-Zirkular-Finanzierung publizierte, gilt jetzt als Mainstream-Analyst statt als Skeptiker. Huangs Antwort blieb in einer Investor-Q&A knapp: „We see something very different.“ Er argumentiert, Nvidias Investments seien „strategic seeds“ für Märkte, die sonst nicht entstehen würden — und dass die Nachfrage real sei, was Q1-Auftragsbücher bewiesen.
Was 2026 wirklich neu ist, ist die regulatorische Schärfe. Reuters und CNBC berichten von „informellen Sondierungen“ der SEC zu zirkulären Investment-Dynamiken im KI-Sektor. Die Behörde prüft, ob die Bilanzaktivierung der Eigenkapital-Returns („mark-to-market“-Gewinne aus Intel-Anteilen) das tatsächliche operative Bild verzerrt. Parallel laufen DOJ-Subpoenas zur Run:AI-Übernahme von Nvidia (Anfang 2024 abgeschlossen) sowie Untersuchungen zu mutmaßlichen Tying-Vereinbarungen — also der Frage, ob Top-Kunden, die Eigenkapital von Nvidia annehmen, bessere GPU-Preise oder Allokationsvorrang erhalten. Die Europäische Kommission verfolgt das Geschehen ebenfalls. Was eine Lehman-2008-artige Schock-Sequenz unwahrscheinlich macht: Anders als damals halten die KI-Hyperscaler signifikante Cash-Reserven, und Nvidias Eigenkapital ist über mehrere unabhängige Vehikel diversifiziert.
Für CEOs und CFOs in SaaS- und KI-Stacks ist die operative Lehre nüchtern. Erstens: Wer Lieferkettenabhängigkeit vom Nvidia-Equity-Universum hat (Cloud-Provider, KI-Modell-Lieferanten, Photonik-Komponenten), sollte Stress-Szenarien für einen 30-Prozent-Rückgang der Nvidia-Aktie modellieren — gerade weil das Equity-Vermögen der Lieferanten in vielen Fällen Working Capital substituiert. Zweitens: Beschaffungs-Verträge, in denen Tying-Klauseln möglicherweise verborgen sind (Garantien für GPU-Allocation gegen Lieferanten-Equity), gehören vor dem nächsten Review-Zyklus juristisch geprüft. Drittens: AI-Modell-Diversifizierung — also die Möglichkeit, Workloads zwischen mindestens drei unabhängigen Frontier-Modell-Anbietern zu verschieben — wird vom „Vendor-Risk-Hygienemaßnahme“-Status zur regulatorisch erwarteten Pflicht, wenn die SEC-Sondierungen zu formellen Untersuchungen werden.
- TechCrunch — Nvidia has already committed $40B to equity AI deals this year
- CNBC — Nvidia tops $40 billion in equity AI bets
- Bloomberg — AI Circular Deals interactive map
- CNBC — Nvidia to invest up to $3.2B in Corning
- 24/7 Wall St. — IREN $3.4B Cloud Deal, $2.1B Share Investment
- Yahoo Finance — Huang hits back at AI bubble fears
- NPR — Concerns about an AI bubble are bigger than ever