Verteidigung · Pentagon-Verträge
Pentagon vergibt klassifizierte KI-Verträge an acht Anbieter — Anthropic explizit ausgeschlossen
Das Bündel an Verträgen, das das Department of War (so der seit der Trump-Umbenennung formal gültige Name des Pentagons) am 1. Mai gleichzeitig öffentlich machte, ist der bisher größte Schritt der Chief Digital and AI Office (CDAO) zur breiten KI-Integration in die hochsensiblen Militärnetze. Die ausgewählten Anbieter dürfen ihre Modelle auf Impact Level 6 (Daten bis Geheimhaltungsstufe „Secret“) und Impact Level 7 (höchste Klassifikationsstufe für nationale Sicherheits- und Geheimdienstsysteme) bereitstellen. Konkret nennt die Pressemitteilung als Use Cases die Synthese von Sensordaten, Lageanalyse für Soldaten im Einsatz und Entscheidungsunterstützung für militärische Befehlsketten — also den Übergang von experimenteller Nutzung zu produktivem Einsatz im Kampfumfeld.
Die Vertragssummen wurden nicht öffentlich gemacht. Zum Vergleich: Im Juli 2025 hatte das CDAO Frontier-AI-Aufträge mit einer Obergrenze von je 200 Millionen Dollar an OpenAI, Anthropic, Google und xAI vergeben — Gesamtvolumen damals rund 800 Millionen Dollar. Das aktuelle Paket dürfte deutlich darüber liegen, da es operative Bereitstellung statt Pilotprojekte abdeckt. NVIDIA und Reflection AI sind komplette Neueinsteiger und bringen erstmals Open-Source-Modelle in die IL6/IL7-Umgebungen ein. Das ist ein bemerkenswerter Schritt: Bisher galt im Pentagon eine starke Präferenz für proprietäre Modelle, deren Training und Datenherkunft kontrolliert werden konnten.
Der Anthropic-Ausschluss ist die eigentliche Geschichte. Wie wir in unserer Ausgabe vom 30. April sowie wiederholt im April berichteten, weigert sich Anthropic seit Anfang 2026, seine Claude-Modelle uneingeschränkt für Pentagon-Use-Cases freizugeben. Zwei rote Linien: keine Nutzung für Massenüberwachung von US-Bürgern, keine Nutzung in vollautonomen Waffen ohne menschliche Letztentscheidung bei Zielwahl und Feuerfreigabe. Im März stufte das DoD Anthropic daraufhin als „supply chain risk“ ein — eine Klassifizierung, die normalerweise ausländischen Gegnern wie China oder Russland vorbehalten ist. Anthropic ist das erste US-Unternehmen mit dieser Einstufung. Bundesbehörden müssen Anthropic-Produkte binnen sechs Monaten abbauen.
Anthropic klagte. Am 26. März erließ US-Bundesrichterin Rita Lin in Kalifornien eine einstweilige Verfügung gegen die Pentagon-Maßnahmen. Aus dem 43-seitigen Urteil: „Nichts im einschlägigen Gesetz stützt die orwellsche Vorstellung, dass ein amerikanisches Unternehmen als potenzieller Gegner und Saboteur der USA gebrandmarkt werden darf, weil es seine Meinungsverschiedenheit mit der Regierung äußert.“ Doch ein Berufungsgericht in D.C. lehnte am 8. April die Aufhebung des Blacklisting im Schwesterverfahren ab — die Rechtslage ist widersprüchlich. Pentagon-CTO Emil Michael bestätigte am 1. Mai auf CNBC, dass Anthropic „weiterhin blacklisted“ sei. Pikant: Anthropics Cybersecurity-Modell Mythos sei dagegen „ein separater nationaler Sicherheitsmoment“ — über das Mythos-spezifische Gespräche laufen offenbar trotz der formalen Sperre weiter.
Die strategische Bedeutung reicht weit über Anthropic hinaus. Pentagon-CTO Emil Michael formulierte den Schwenk pointiert: „Wir haben gelernt, dass es unverantwortlich ist, von einem einzigen Partner abhängig zu sein, und wir haben gelernt, dass dieser eine Partner nicht in der Weise mit uns arbeiten wollte, wie wir mit ihm arbeiten wollten.“ Der Subtext ist eindeutig: Bisher galten Anthropics Werkzeuge — laut Reuters-Recherchen unter Pentagon-Mitarbeitern noch immer als technisch überlegen — als Standard. Nun zwingt die Vendor-Diversifikation die übrigen Anbieter dazu, militärische Nutzungsklauseln zu akzeptieren, die Anthropic ablehnte. OpenAI, Google und xAI haben bereits ähnlich weite Klauseln („any lawful governmental purpose“) unterzeichnet.
Für SaaS-Unternehmen mit Compliance-relevantem Fokus oder Public-Sector-Geschäft ergibt sich eine ungemütliche Klarheit: Die Wertehaltung eines Modell-Anbieters ist 2026 ein Sourcing-Kriterium. Wer Anthropic einsetzt, hat einen Anbieter mit erkennbar gelebten Red Lines, aber gleichzeitig einen Anbieter, der sich aktiv mit der US-Regierung anlegt. Wer OpenAI, Google oder Microsoft nutzt, bekommt globale Skalierung, aber ein Modell-Stack, das in seiner militärischen Nebennutzung ohne explizite Schranken arbeitet. Die Entscheidung war früher abstrakt; sie ist jetzt eine, die jeder Vendor-Manager 2026 dokumentieren muss — vor allem in regulierten Branchen, in denen Endkunden zunehmend explizit nach den Werte-Profilen ihrer KI-Lieferkette fragen.
- TechCrunch — Pentagon inks deals with Nvidia, Microsoft, and AWS to deploy AI on classified networks
- The Verge — Pentagon strikes classified AI deals with OpenAI, Google, and Nvidia — but not Anthropic
- heise online — Pentagon besiegelt Verträge mit sieben KI-Anbietern
- Breaking Defense — Pentagon clears 7 tech firms to deploy their AI on its classified networks
- Defense News — Pentagon freezes out Anthropic as it signs deals with AI rivals