Wirtschaft · KI-Aktien
OpenAI verfehlt Umsatzziele — und reißt Oracle, CoreWeave und SoftBank mit
Die WSJ-Story von Berber Jin und Tom Dotan ist die erste seriöse Stresstest-Episode der KI-Bubble. Drei zentrale Fakten: ChatGPTs Wachstum hat sich Ende 2025 verlangsamt; das interne Ein-Milliarden-WAU-Ziel zum Jahreswechsel wurde laut The Information-Vorabbericht bei rund 700 Millionen verfehlt; mehrere monatliche Umsatzziele Anfang 2026 wurden ebenfalls nicht erreicht. Der wichtigste Treiber des Slowdowns: Anthropic hat im Coding- und Enterprise-Segment substantielle Marktanteile geholt — Claude Code allein wächst nach Sacra-Daten von 1 Mrd. ARR Ende 2024 auf 19 bis 30 Milliarden Dollar (je nach Brutto-/Nettomethodik) im April 2026, OpenAI selbst liegt bei 24 bis 25 Milliarden ARR.
Die heikelste Passage der WSJ-Recherche betrifft CFO Sarah Friar: Sie soll intern gewarnt haben, OpenAI könnte „möglicherweise nicht in der Lage sein, künftige Computing-Verträge zu finanzieren“, wenn das Umsatzwachstum nicht beschleunigt. Bei einer aktuellen Bewertung von 852 Milliarden Dollar (122-Mrd.-Funding-Round im März, IPO-Filing für Q4 2026 in Vorbereitung) wäre eine Cashflow-Krise innerhalb der Compute-Verträge ein systemisches Ereignis: Allein das Stargate-Projekt mit Oracle in Abilene/Texas hat ein Volumen von 300 Milliarden Dollar, dazu kommen 50 Milliarden bei AWS (siehe Artikel 3) und der bisherige Azure-Deal von rund 250 Milliarden Dollar. Insgesamt hat OpenAI nach Bloomberg-Recherchen rund 600 Milliarden Dollar an künftigen Compute-Verpflichtungen unterzeichnet — mehr als das 24-fache seines aktuellen ARR.
Die Marktreaktion am Dienstag war differenzierter, als die Schlagzeilen suggerieren. SoftBank — größter Single-Investor in OpenAI über die Vision-Funds — verlor in Tokio rund zehn Prozent. CoreWeave (größter Hyperscaler-Mieter von OpenAI-Kapazität) gab 5,4 Prozent ab, Oracle (Stargate-Partner) bis zu sieben Prozent, AMD (250.000-MI400-GPU-Deal vom Oktober 2025) rund vier Prozent, Broadcom ebenfalls vier Prozent. Nvidia selbst gab nur ein Prozent nach — laut CNBC die schwächste Mag-7-Aktie des Tages, aber bei weitem nicht der erwartete Crash. Microsoft drehte im Tagesverlauf ins Plus: Die am Vortag verkündete Lockerung der OpenAI-Cloud-Exklusivität bringt Redmond strukturell den größten Vorteil, weil Azure nicht mehr alleine die Compute-Last (und damit das Compute-Risiko) trägt.
Sam Altman und Sarah Friar veröffentlichten am späten Dienstagabend ein gemeinsames Statement: „This is ridiculous. We are totally aligned on buying as much compute as we can and working hard on it together every day.“ Die offizielle OpenAI-Position fasste Bloomberg in der Headline zusammen: „firing on all cylinders“. Drei Aspekte fehlen in der Verteidigung. Erstens: Keine konkrete Zahlennennung — weder zur tatsächlichen WAU noch zum aktuellen Monatsumsatz. Zweitens: Keine Stellungnahme zur intern dokumentierten Friar-Sorge. Drittens: Keine Aussagen zu möglichen Anpassungen der Compute-Verpflichtungen — die nach Fortune-Recherchen mittelfristig vor Anwälten landen könnten, wenn Performance-Klauseln gerissen werden.
Die Analysten spalten sich. Mizuho-Analyst Jordan Klein hält die Sorge für überzogen — niemand, der gerade Equity bei 852 Mrd. gezeichnet habe, werde wegen einer WSJ-Story aussteigen. John Belton von Gabelli Funds nannte den Bericht „nichts wirklich Neues“. Luke Rahbari von Equity Armor verwies darauf, dass KI-Branchenprognosen historisch 25 bis 50 Prozent Fehlermarge haben — Bewegungen wie diese seien gesund. Auf der anderen Seite: Jim Cramer (CNBC) sieht den Pullback als Beweis, dass die jüngste Rally „overheated“ war. Bridgewater-CIO Bob Prince hatte bereits letzte Woche gewarnt, dass ein Vertrauensverlust bei Nvidia 6 bis 8 Prozent S&P-500-Risiko bedeuten würde — Nvidia macht aktuell rund 8 Prozent des Index aus.
Für SaaS- und Tech-Entscheider ist der Tag aus drei Gründen relevant. Erstens: Vendor-Diversifikation ist nicht mehr nice-to-have. Wer einseitig auf OpenAI-APIs aufbaut, hat ein dokumentiertes Cashflow-Risiko des Anbieters in den Modell-Entscheidungen zu verarbeiten — Multi-Cloud-Architekturen mit Anthropic-Backup, Open-Source-Fallback (DeepSeek V4, Llama 4, Qwen 3) oder hybridem Routing werden Pflicht. Zweitens: Pricing-Stabilität ist fragil. Wenn OpenAI Compute-Verpflichtungen aktivieren muss, wird der Druck auf API-Margen wachsen — heute scheinbar attraktive Preise könnten 2027 anders aussehen. Drittens: SaaS-Bewertungen mit hohen ARR-Multiples (Cursor 20 Mrd. bei 1 Mrd. ARR; Perplexity 20 Mrd. bei 148 Mio. ARR; Glean 7,2 Mrd. bei 200 Mio. ARR) hängen mittelbar an OpenAIs Trajektorie. Wir analysieren die Implikationen ausführlich in unserer heutigen Reportage.
- Bloomberg — OpenAI Misses Its Own User and Sales Goals, WSJ Reports
- CNBC — Oracle, AMD, CoreWeave fall after OpenAI revenue report
- Fortune — OpenAI CFO and Sam Altman dispute revenue claims
- Bloomberg — OpenAI hits back: 'firing on all cylinders'
- t3n — OpenAI soll Umsatzziele verpasst haben
- Tom's Hardware — Market slumps as OpenAI misses internal targets