Strategie · Microsoft–OpenAI
Die AGI-Klausel ist tot: Microsoft und OpenAI verteilen ihre Partnerschaft neu — bis 2032
Die zwei Blogposts erschienen zeitgleich am Montagvormittag US-Zeit: „The next phase of the Microsoft–OpenAI partnership“ auf openai.com und ein parallel formulierter Beitrag von Satya Nadella auf blogs.microsoft.com. Keiner der beiden Texte erwähnt das Wort „AGI“ — und genau das ist die Nachricht. Die seit 2019 bestehende Klausel, die Microsofts Lizenzrechte enden ließe, sobald OpenAIs Board feststellt, dass „künstliche allgemeine Intelligenz“ erreicht sei, wird durch eine harte Zeit-Grenze ersetzt: Microsofts Modellzugang läuft bis Ende 2032, danach steht es OpenAI frei. Microsoft wird seinerseits ab dem Erreichen einer ungenannten Schwelle nur bis 2030 Anteile am OpenAI-Cashflow erhalten, mit einem ebenfalls nicht öffentlich bezifferten Cap.
Die strukturellen Verschiebungen sind weitreichender als das Ende der AGI-Frage. Microsoft hält künftig rund 27 Prozent an der neuen Public Benefit Corporation, die OpenAI aus seiner Non-Profit-Stiftung heraus aufbaut — die Restrukturierung war seit 2024 das zentrale Hindernis für weiteres Kapital. Die Cloud-Exklusivität fällt: OpenAI darf seine Produkte ab sofort über AWS, Google Cloud oder jeden anderen Anbieter ausliefern, Azure bleibt nur „primary partner“ mit First-Refusal-Recht, sofern Microsoft die nötige Kapazität bereitstellen kann oder will. Die 20-Prozent-Umsatzbeteiligung, die Microsoft bislang für jede über Azure verkaufte OpenAI-API einsteckte, entfällt vollständig. OpenAI zahlt umgekehrt weiterhin Revenue-Share an Microsoft — aber nun gedeckelt und mit hartem Enddatum 2030.
Auslöser der Neuverhandlung war ein Deal, der formal nichts mit Microsoft zu tun hatte: Im Februar hatte OpenAI mit Amazon eine bis zu 50 Milliarden Dollar schwere Compute-Vereinbarung geschlossen (15 Milliarden sofort, 35 Milliarden an Performance-Targets gebunden), inklusive AWS-exklusivem Hosting des „Frontier“-Agent-Tools auf Bedrock. Microsoft sah darin einen Bruch des Cloud-Exklusivitätspakts und drohte laut Financial Times-Recherchen mit rechtlichen Schritten. Die Zwickmühle: OpenAI brauchte Microsofts Zustimmung zur PBC-Umwandlung, Microsoft brauchte einen Weg aus einer Klausel, die im Konfliktfall ausgerechnet OpenAIs Board entscheidet. Beide Seiten gaben Ende April nach — Sam Altman und Satya Nadella verhandelten die Eckpunkte in den letzten Wochen persönlich.
Die Reaktion an den Märkten war gemischt: Microsoft schloss am Montag laut CNBC rund ein Prozent im Minus, im Tagesverlauf zeitweise mit über fünf Prozent unter Druck, bevor RBC Capital ein „Outperform“-Rating mit Kursziel 640 Dollar nachschob. OpenAI selbst ist zwar nicht börsennotiert, aber der Schritt klärt den Weg zu einem möglichen IPO 2027 — die PBC-Struktur war Vorbedingung jeder seriösen Kapitalmarktstrategie. The Information nannte unter Berufung auf interne Quellen einen Cap der künftigen Microsoft-Cashflow-Anteile, will aber keine Zahl bestätigen.
Für Tech-Entscheider ist die Botschaft eindeutig: Die Vendor-Architektur der nächsten Jahre wird offener. Wer OpenAI-Modelle nutzt, kann sie ab 2026 ohne Performance-Einbußen aus AWS- oder GCP-Regionen beziehen — relevant für Datenresidenz, Latenz und Verhandlungsmacht in Cloud-Verträgen. Wer auf Azure-OpenAI gesetzt hat, sollte prüfen, ob die bisherigen Rabattmodelle (oft an exklusive Cloud-Bezugsketten gebunden) weiterhin gelten. Die in unserer Ausgabe vom 25. April dokumentierte Anthropic–Google-Partnerschaft (40 Mrd. USD Investment, 5 GW Compute) bekommt damit einen direkten Spiegel: Beide Frontier-Labors entkoppeln sich von ihren ursprünglichen Hyperscaler-Hochzeiten. Lock-in war gestern — Hyperscaler-Diversifikation ist die neue Architekturlinie.
- OpenAI — The next phase of the Microsoft–OpenAI partnership
- Microsoft — Satya Nadella: The next phase of the Microsoft–OpenAI partnership
- TechCrunch — OpenAI ends Microsoft legal peril over its $50B Amazon deal
- The Verge — Microsoft and OpenAI's famed AGI agreement is dead
- Simon Willison — The now-deceased AGI clause
- heise online — OpenAI und Microsoft lockern ihre milliardenschwere Partnerschaft