Eine Meinungsumfrage, die kippt wie ein Schalter
Wer in den vergangenen Jahren Kapazitätsplanung für KI-Anwendungen gemacht hat, hat sich mit Lieferzeiten für Beschleunigerkarten beschäftigt, mit Speicherbandbreite, zuletzt mit Netzanschlüssen. Es gibt einen Engpass, der in diesen Rechnungen bisher kaum vorkommt und der gerade dabei ist, alle anderen zu überholen: die Zustimmung der Menschen, in deren Nachbarschaft gebaut werden soll.
Die Zahlen dazu sind ungewöhnlich eindeutig. Das Meinungsforschungsinstitut Embold Research befragte zwischen dem 8. und 13. August 2026 im Auftrag von Heatmap Pro 2.045 registrierte Wählerinnen und Wähler in allen 50 Bundesstaaten und dem District of Columbia, Fehlermarge 2,3 Prozentpunkte. Ergebnis: 75 Prozent lehnen ein Rechenzentrum in ihrer Nähe ab, mehr als sechs von zehn sogar entschieden. Ausdrücklich dafür sind noch vier Prozent — ein Jahr zuvor waren es 13.
Bemerkenswerter als der Stand ist das Tempo. Im August 2025 hielten sich Zustimmung und Ablehnung mit 43 zu 42 Prozent noch die Waage. Im Februar 2026 lag die Ablehnung bei 51 Prozent, im Mai bei 70, im August bei 75. Das ist ein Umschwung von 33 Punkten in zwölf Monaten — eine Bewegung, wie man sie in der Meinungsforschung sonst nach Skandalen sieht, nicht bei Gewerbeimmobilien.
Die Zahl steht nicht allein. Gallup befragte im März 2026 telefonisch 1.000 Erwachsene und fand 71 Prozent Ablehnung gegenüber KI-Rechenzentren in der eigenen Region. Zum Vergleich stellte Gallup dieselbe Frage für ein Kernkraftwerk in der Nachbarschaft — dort lag die Ablehnung bei 53 Prozent. Ein Rechenzentrum ist in der amerikanischen Öffentlichkeit derzeit also unbeliebter als ein Reaktor. Eine Erhebung von YouGov für den Economist Ende August kommt auf knapp zwei Drittel Ablehnung.
Und das Thema hat keine Parteifarbe mehr. In der Heatmap-Erhebung liegt die Ablehnung bei Demokraten 75 Punkte im Minus, bei Unabhängigen 65, bei Republikanern 43 — und im ländlichen Raum, wo die Flächen liegen, 63. Es gibt keine Wählergruppe, in der ein Rechenzentrum populär wäre.
Die bequeme Erklärung — und was gegen sie spricht
Wenn eine Stimmung so schnell kippt, ist die Suche nach einer äußeren Ursache naheliegend. In den USA lautet sie seit dem Spätsommer: China. Präsident Trump schrieb am 31. August auf Truth Social, der einzige Grund, aus dem Gemeinden kein Rechenzentrum wollen könnten, sei der Wunsch, „backwards and poor“ zu enden — und fügte hinzu: „China could not be happier with this anti Data Center movement. Actually, they can't believe it is happening!“
Für diese Deutung gibt es tatsächlich Anhaltspunkte, und man sollte sie nicht wegwischen. Die Plattform X teilte Ende August mit, sie habe ein mutmaßlich chinesisches Netzwerk von rund 200.000 Konten untersucht und darin etwa 200 Konten gefunden, die so posteten, dass sie eine legitime Debatte über amerikanische KI- und Energiepolitik manipulieren könnten. Die Betreiber hätten sich als Amerikaner ausgegeben, sich über VPN aus China verbunden und ihre Beiträge samt Karikaturen — Rechenzentrumsbetreiber kassieren, Haushalte zahlen die Stromrechnung — mit ChatGPT erzeugt. X nennt die Kampagne „Data Center Bandwagon“; OpenAI hatte im Juni zwei Konten-Gruppen mit denselben Merkmalen gesperrt.
Nur trägt das die Erklärung nicht. Der Analyst Andy Masley hat die verfügbaren Belege im August durchgerechnet und kommt zu einem klaren Urteil: „The evidence that China's influencing the data center backlash is pretty weak.“ Seine Argumente sind schlicht Größenordnungen. Die von OpenAI gesperrte Kampagne umfasste rund 700 Konten mit, so die Beschreibung, „little or no engagement“. Von 231 Organisationen, die einen Brief für ein Moratorium unterzeichneten, hatten zwei erkennbare China-Verbindungen. Die Analysefirma Graphika kam zu dem Schluss, der Online-Widerstand sei überwiegend hausgemacht.
Man muss sich das Verhältnis vor Augen führen: Auf der einen Seite ein paar hundert reichweitenschwache Konten, auf der anderen eine Verschiebung, die 33 Prozentpunkte einer repräsentativen Stichprobe erfasst und quer durch alle Parteien läuft. Beeinflussungsversuche existieren; sie erklären die Größenordnung nicht einmal ansatzweise. Der frühere Twitter-Kommunikationschef Jim Prosser hat dafür die knappste Formulierung gefunden: Wenn man den texanischen und die New Yorker Regierungsspitze — Greg Abbott und Kathy Hochul — in einer Frage auf eine Linie bringe, sei das vermutlich keine chinesische Operation.
Für Entscheider ist das kein politisches Detail, sondern eine Planungsfrage. Wer den Widerstand für ein Kommunikationsproblem mit ausländischem Ursprung hält, wird ihn mit Kommunikation zu lösen versuchen — mit Kampagnen, Bürgerdialogen, Arbeitsplatzversprechen. Wer ihn für eine Reaktion auf tatsächliche lokale Auswirkungen hält, ändert das Projekt: Standort, Kühlverfahren, Netzanschluss, Lastzusagen. Die Datenlage spricht für die zweite Lesart.
Was der Widerstand tatsächlich kostet
Die betriebswirtschaftliche Seite ist inzwischen gut dokumentiert. Die Initiative Data Center Watch verfolgt auf Basis von Lokalberichterstattung, Behördenakten und Petitionen jene Projekte, die durch Widerstand vor Ort gestoppt oder verzögert wurden. Ihr erster Bericht für Mai 2024 bis März 2025 kam auf 64 Milliarden Dollar — 18 Milliarden gestoppt, 46 Milliarden verzögert — und zählte 142 Bürgerinitiativen in 24 Bundesstaaten.
Der Bericht für das erste Quartal 2026 nennt andere Größenordnungen. Dort sind es mindestens 75 Projekte im Wert von rund 130 Milliarden Dollar, die in nur drei Monaten gestoppt oder verzögert wurden — mehr als im gesamten vorangegangenen Beobachtungszeitraum. Die Zahl aktiver Bürgerinitiativen hat sich seit Ende 2025 mehr als verdoppelt und erstreckt sich nun auf 49 Bundesstaaten. Allein in den ersten sechs Wochen des Jahres 2026 wurden über 300 Gesetzentwürfe zu Rechenzentren in die Parlamente der Bundesstaaten eingebracht, Moratoriumsvorschläge in 14 Staaten. Die Verfasser deuten das als „a structural shift rather than a cyclical spike“ — nicht als Ausschlag, sondern als Niveauwechsel.
Wie das konkret aussieht, zeigt Bayonne in New Jersey: Der Stadtrat beschloss am 12. August mit 5 zu 0 Stimmen, Rechenzentren in sämtlichen Baugebieten der Stadt als Nutzung auszuschließen; Bürgermeisterin Sharon Ashe-Nadrowski unterzeichnete tags darauf. Der Vorgang ist lehrreicher als der Beschluss selbst: Auslöser war ein im Dezember bekannt gewordenes Ansiedlungsvorhaben, monatelang füllten Anwohner die Ratssitzungen, und das Thema wurde zur bestimmenden Frage der Kommunalwahl im Mai — die Bürgermeisterin gewann mit ihrer Liste auf einem Programm, das das Verbot enthielt. Elf Tage später beschloss auch der Rat von Jersey City ein Verbot für Industrieflächen. Ein einstimmiges Votum bedeutet, dass es keine Fraktion mehr gibt, mit der sich verhandeln ließe.
Zur Einordnung gehört eine Gegenprobe. Die Analysefirma SemiAnalysis hat der Behauptung widersprochen, die Hälfte der für 2026 geplanten US-Kapazität sei storniert; ihre eigene Prognose habe sich in sechs Monaten nur um etwa ein Prozent bei Eigenbauten und unter fünf Prozent bei Anmietungen bewegt. Beides zusammen ergibt das realistische Bild: Der Ausbau geht weiter, aber die Standortauswahl wird härter, langsamer und teurer.
Der Strompreis: der beste Vorwurf, und der am schlechtesten belegte
Das stärkste Argument der Gegenseite ist die Stromrechnung — und ausgerechnet hier lohnt Genauigkeit, weil die kursierenden Zahlen der Sache eher schaden.
Senatorin Elizabeth Warren erklärte im Juni, Stromrechnungen in der Nähe großer Rechenzentren seien binnen fünf Jahren um bis zu 267 Prozent gestiegen. PolitiFact bewertete das als „Mostly False“: Die 267 Prozent beziehen sich auf Großhandelspreise, die nur 30 bis 50 Prozent einer Endkundenrechnung ausmachen. Die tatsächlichen Haushaltsstrompreise in den USA stiegen im selben Zeitraum landesweit um durchschnittlich 42 Prozent — regional deutlich mehr —, und daran sind mehrere Faktoren beteiligt: Ausrüstungskosten, ein alterndes Netz, Klimavorgaben.
Dass die Nachfrage steigt, ist unbestritten. Die US-Energiebehörde EIA erwartet einen Anstieg des gesamten Stromverbrauchs von 4.097 Terawattstunden im Jahr 2024 auf 4.283 im Jahr 2026, jeweils Rekordwerte. Rechenzentren sind daran maßgeblich beteiligt. Nur ist der Sprung von „Rechenzentren treiben die Nachfrage“ zu „Rechenzentren treiben Ihre Rechnung“ eine Frage der Tarifgestaltung und nicht der Physik — und genau darüber wird in den Bundesstaaten gerade verhandelt.
Bemerkenswert ist übrigens, wie dünn die Datenlage auf der Gegenseite ist. Wer belegen will, dass die USA im Rechenzentrumsbau gegenüber China zurückfallen, findet keine belastbare Vergleichszahl. Epoch AI, die sorgfältigste öffentliche Erhebung, dokumentiert 86 KI-Rechenzentren in den USA mit rund 13,3 Gigawatt IT-Leistung — räumt aber ein, international nur etwa 46 Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazität zu erfassen. Andere Quellen liegen im Vergleich USA–China um den Faktor fünf bis zehn auseinander, je nach Zählweise. Das Argument, mit dem der Ausbau am lautesten begründet wird, ruht auf den unsichersten Zahlen der ganzen Debatte.
Was das für die eigene Planung heißt
Für Unternehmen, die Rechenkapazität nicht bauen, sondern einkaufen, folgen daraus vier praktische Punkte.
Erstens gehört das Genehmigungsrisiko in die Beschaffung. Wenn ein Anbieter Kapazität für ein bestimmtes Quartal zusagt, ist die relevante Frage nicht mehr nur, ob die Hardware geliefert wird, sondern ob der Standort steht — und ob der Netzanschluss genehmigt ist. Diese Frage hat vor drei Jahren niemand gestellt.
Zweitens verschiebt sich der Wert der Standortvielfalt. Ein Anbieter mit acht Standorten in einem einzigen Bundesstaat ist stärker exponiert als einer mit vier über mehrere Rechtsräume, weil Moratorien auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen beschlossen werden. Das ist dieselbe Rechnung, die wir in der Reportage vom 4. September für die Ausfallsicherheit aufgemacht haben, nur mit politischer statt technischer Korrelation.
Drittens wird der Preis unruhiger. Wenn 130 Milliarden Dollar an Projekten in einem Quartal ins Stocken geraten, während die Nachfrage weiter steigt, ist die Richtung des Inferenzpreises weniger klar, als die Preissenkungen der vergangenen Jahre vermuten lassen. Wer mehrjährig kalkuliert, sollte ein Szenario ohne weitere Verbilligung durchrechnen.
Viertens, und das ist der unangenehmste Punkt: Die Legitimationsfrage wandert die Lieferkette hinauf. Es ist absehbar, dass die Frage, wo die Rechenleistung hinter einem KI-Produkt steht und was sie vor Ort verbraucht, in Ausschreibungen auftaucht — zuerst im öffentlichen Sektor. Wer heute nicht weiß, in welchem Landkreis seine Inferenz läuft, kann darauf auch nicht antworten.
Der eigentliche Befund dieser Zahlen ist aber ein anderer, und er ist unbequemer als jede Planungsempfehlung. Eine Branche, die ihr Wachstum mit der Unvermeidlichkeit des technischen Fortschritts begründet, hat in zwölf Monaten die Zustimmung von vier Fünfteln der Öffentlichkeit verloren — in einer Frage, die nicht die Technologie betrifft, sondern schlicht das Gebäude nebenan. Die Erklärung, das sei von außen gesteuert, ist der bequemste verfügbare Ausweg und zugleich der am schlechtesten belegte. Wer den Ausbau will, wird ihn vor Ort begründen müssen, nicht in Washington.
- Heatmap News — Data center opposition poll (Embold Research, Feldzeit 8.–13.8.2026)
- Gallup — Americans Oppose Data Centers in Their Area
- YouGov/The Economist — Nearly two-thirds of Americans oppose data center construction in their community
- Data Center Watch — Q1 2026 Report
- Data Center Watch — Ursprungsbericht (Mai 2024 bis März 2025)
- Axios — America's data center revolt is getting a boost from China-linked bots
- Yahoo News (Axios-Übernahme) — China-linked bots amplified real anger over data centers
- Deseret News — Chinese social media bots push anti-data-center talking points
- ROI-NJ — Bayonne becomes latest municipality to ban data centers
- News 12 New Jersey — Jersey City Council votes to ban data centers on industrial property
- Andy Masley — I'm very skeptical that China has meaningfully influenced the data center backlash
- PolitiFact — Elizabeth Warren on data centers and rising electricity costs
- U.S. Energy Information Administration — Short-Term Energy Outlook, Stromnachfrage
- Epoch AI — Datenbank der KI-Rechenzentren
- SemiAnalysis — Stop saying half of 2026 US datacenter capacity is cancelled
- Hudson County View — Bayonne council unanimously approves measure to ban data centers citywide