Es kommt nicht oft vor, dass ein CEO öffentlich darum bittet, besteuert zu werden. Diese Woche ist es passiert: Dario Amodei, Chef des KI-Labors Anthropic, veröffentlichte einen langen Policy-Essay mit dem Titel „Policy on the AI Exponential“ — und darin, neben Forderungen nach verbindlichen Sicherheitstests für Frontier-Modelle, den Vorschlag, die Gewinne von KI-Firmen gezielt abzuschöpfen, falls die Technologie den Arbeitsmarkt so umpflügt, wie er es erwartet. Sein eigenes Unternehmen, das gerade einen Börsengang mit fast einer Billion Dollar Bewertung vorbereitet, wäre direkt betroffen. Anthropic erklärt sich ausdrücklich bereit, einen „fairen Anteil“ zu zahlen.
Man kann das als PR abtun — oder als das bislang deutlichste Signal lesen, dass die Verteilungsfrage in der KI-Debatte oben angekommen ist. Denn Amodei ist nicht allein: Binnen zwei Wochen haben ein US-Senator, OpenAI und das Weiße Haus konkurrierende Modelle vorgelegt, wie die Gewinne der KI-Konzerne mit der Allgemeinheit geteilt werden sollen. Die Debatte hat sich verschoben — von der Frage, ob umverteilt werden muss, zur Frage, über welchen Mechanismus.
Was Amodei konkret vorschlägt
Wer im Essay eine fertige Steuer sucht, wird sie nicht finden. Amodei skizziert stattdessen ein Eskalationsmodell, das sich an der tatsächlichen Schwere der Arbeitsmarktverwerfung orientiert. Stufe eins: Messen. Der Staat brauche zunächst ein belastbares Monitoring der KI-Effekte auf Beschäftigung — „ohne genaue Messung keine gute Politik“. Stufe zwei: beschäftigungsfreundliche Instrumente wie eine Lohnversicherung, die Einkommensverluste beim Wechsel in schlechter bezahlte Jobs abfedert, Steueranreize für Unternehmen, die Personal trotz KI-Einsatz halten, und Weiterbildungszuschüsse. Erst Stufe drei, bei „großer und dauerhafter“ Verdrängung, greift zum schweren Besteck: ein Grundeinkommen oder „universal capital accounts“ — finanziert, so wörtlich, „durch Steuern auf relevante Unternehmen oder eine Erhöhung der Kapitalertragsteuer“.
Flankiert wird der Essay von handfesten Zusagen: Anthropic legt rund 350 Millionen Dollar in zwei Programme — einen Forschungsfonds zu KI-Arbeitsmarktfolgen und ein Fellowship-Programm für Berufseinsteiger, also genau die Gruppe, die nach Amodeis eigener Prognose am härtesten getroffen wird.
Interessant ist, was Amodei nicht mehr fordert. Im Mai 2025 hatte er in einem Axios-Interview noch eine konkrete „Token-Steuer“ vorgeschlagen: drei Prozent der Umsätze aus jeder Sprachmodell-Nutzung, direkt an den Staat. Damals begleitet von der Warnung, die Hälfte aller Einstiegsjobs im Bürobereich könne binnen fünf Jahren verschwinden. Der neue Essay ist vorsichtiger formuliert — allgemeine Unternehmenssteuern oder Kapitalertragsteuer statt einer Abgabe pro Token. Das ist kein Zufall, sondern dürfte eine Reaktion auf die Kritik am Token-Modell sein, zu der wir gleich kommen.
Die Konkurrenz der Verteilungsmodelle
Amodeis Steuer-Idee ist nur eines von vier Modellen, die derzeit um politische Mehrheiten konkurrieren. Das radikalste stammt von Senator Bernie Sanders: Sein am 1. Juni eingebrachter „American AI Sovereign Wealth Fund Act“ verlangt von den führenden KI-Firmen — namentlich OpenAI, Anthropic und xAI — eine einmalige Abgabe von 50 Prozent ihrer Aktien in einen Staatsfonds, inklusive Stimmrechten und Aufsichtsratssitzen. Die Erträge sollen als Direktzahlungen an die Bürger fließen. Das libertäre Reason-Magazin zerlegte den Entwurf umgehend als wirtschaftlich naiv; mehrheitsfähig ist er im aktuellen Kongress nicht. Aber er definiert den äußeren Rand der Debatte.
OpenAI wiederum hatte bereits im April einen „Public Wealth Fund“ vorgeschlagen — gespeist aus freiwilligen Aktienspenden der KI-Firmen; im Gespräch sind ein bis fünf Prozent der OpenAI-Anteile. Sam Altman traf sich Anfang Juni auf eigene Initiative mit Sanders' Büro. Und die Trump-Administration verhandelt parallel über eine direkte Staatsbeteiligung an OpenAI, nach dem Muster der Intel- und MP-Materials-Deals — wie wir in unserer Reportage über den Staat als KI-Aktionär analysiert haben. Vier Modelle also: Steuer (Amodei), Zwangs-Equity (Sanders), freiwilliger Fonds (OpenAI), Staatsbeteiligung (Weißes Haus). Bemerkenswert daran: Keines davon bestreitet noch die Prämisse, dass außergewöhnliche KI-Gewinne eine außergewöhnliche Antwort verlangen.
Die Idee hat akademische Wurzeln. Schon 2020 schlug die Oxford-Forschung um Nick Bostrom eine „Windfall Clause“ vor — eine Selbstverpflichtung der Labs, extreme Gewinne (etwa ab einem Prozent des Welt-BIP pro Firma) zu spenden. OpenAIs ursprüngliche Profit-Caps von 2019 folgten derselben Logik, wurden mit der Umstrukturierung des Konzerns aber faktisch abgeräumt. Bill Gates' Robotersteuer-Vorschlag von 2017 wirkt aus heutiger Sicht wie eine frühe Skizze derselben Debatte.
Was dagegen spricht
Die Gegenargumente sind gewichtiger, als die moralische Eingängigkeit der Idee vermuten lässt. Das erste ist empirisch: Der Thinktank ITIF rechnete im Mai vor, dass die Lohnquote — der Anteil der Arbeitseinkommen an der Wirtschaftsleistung — in den USA seit 1950 stabil zwischen 57 und 64 Prozent pendelt und sich historisch um etwa 0,1 Prozentpunkte pro Jahr bewegt. Damit KI die Steuerbasis real aushöhlt, müsste sie in einem einzigen Jahr um fünf Punkte fallen. Verdrängte Arbeitskräfte verschwinden zudem nicht aus der Statistik, sie wechseln Berufe — so war es bei jeder Automatisierungswelle zuvor.
Das zweite Problem ist handwerklich: Was genau soll besteuert werden — Tokens, Rechenleistung, Umsatz, Gewinn? Eine flache Abgabe pro Token klingt elegant, wirkt aber extrem ungleichmäßig: Sie trifft billige Massen-Inferenz — Klassifikation, Embeddings, hochvolumige Agent-Loops zu Centbruchteilen — um Größenordnungen härter als teure Frontier-Modelle. Genau die günstigen Anwendungen, die KI in die Breite tragen, würden abgewürgt. Der Internationale Währungsfonds rät in seiner Fiskal-Analyse explizit von einer KI-Sondersteuer ab und empfiehlt stattdessen, die bestehende Kapitalbesteuerung zu stärken und Arbeitslosen- und Lohnversicherung auszubauen. Es fällt auf, wie nah Amodeis neuer, weicherer Vorschlag an dieser IWF-Linie liegt.
Das dritte Gegenargument zielt auf die Motive: Kritiker wie der frühere Microsoft-Manager Steven Sinofsky lesen Amodeis Gesamtpaket — verbindliche Zulassungstests plus Steuern — als Versuch, Markteintrittshürden zu zementieren, die etablierte Anbieter leichter stemmen als Newcomer. Regulatory Capture im Gewand der Verantwortung. Dass der Essay einen Tag nach dem Launch von Claude Fable 5 erschien, dem teuersten Modell des Hauses, lieferte dieser Lesart zusätzliche Munition.
Wie real ist der Schaden überhaupt?
Die ehrliche Antwort: real genug, um die Debatte zu rechtfertigen — aber zu unscharf für Panik. Die belastbarsten Zahlen liefert der Outplacement-Spezialist Challenger, Gray & Christmas: Im Mai 2026 war KI erstmals der meistgenannte Entlassungsgrund in den USA — 38.579 angekündigte Streichungen mit expliziter KI-Begründung, 40 Prozent aller Cuts des Monats. Seit Jahresbeginn summieren sich die KI-begründeten Streichungen auf knapp 88.000 — mehr als 2024 und 2025 zusammen. Zugleich gilt der Standard-Einwand: Gemessen werden angekündigte Kürzungen mit KI als genanntem Grund — und „KI“ ist 2026 ein bequemes Etikett für Restrukturierungen, die ohnehin gekommen wären.
Für die fiskalische Seite hat die RAND Corporation nachgerechnet: Rund ein Viertel der US-Bundeseinnahmen hängt direkt an lohnbezogenen Steuern und wäre verwundbar, wenn hohe Arbeitseinkommen wegbrechen. Anthropics eigener Economic Index zeigt dabei eine unbequeme Pointe: Höher bezahlte Wissensarbeit ist stärker KI-exponiert als schlechter bezahlte — die Erosion würde also genau dort ansetzen, wo der Fiskus am meisten holt. Das ist der rationale Kern von Amodeis Vorstoß, unabhängig davon, was man von seinen Motiven hält.
Was das für Tech-Unternehmen bedeutet
Für SaaS- und Tech-Firmen ist die Debatte keine Ferndiagnose, sondern Kostenplanung. Erstens: Jede Abgabe auf KI-Anbieter würde über API-Preise durchgereicht. Inference-Kosten fressen bei skalierenden KI-Produkten schon heute über 20 Prozent des Umsatzes und drücken Bruttomargen deutlich unter die SaaS-Norm — eine Steuer käme als undifferenzierter Kostenaufschlag obendrauf. Zweitens: Sollte je eine Token- oder Compute-Abgabe kommen, würde sie Architekturentscheidungen direkt beeinflussen — Modell-Routing, Caching und Open-Weights-Fallbacks würden vom Optimierungs- zum Pflichtthema. Drittens, oft übersehen: Amodeis „Retention Tax Incentives“ wären für Unternehmen ein positiver Hebel — Steuervorteile für Firmen, die trotz KI-Einsatz Personal halten, würden die Kalkulation von Automatisierungsprojekten spürbar verändern.
Und Deutschland? Eine KI-Steuer steht hier nicht im Gesetzblatt, aber die Digitalsteuer-Debatte hat KI längst eingemeindet: Der Koalitionsvertrag sieht eine „Digitalabgabe“ für große Plattformen vor, die Grünen fordern zehn Prozent auf die Umsätze großer Tech-Konzerne, ein Linken-Antrag will explizit auch Umsätze mit „KI-Anwendungen“ erfassen. Träfe eine solche Abgabe die großen US-Anbieter, käme sie über deren Preise bei deutschen Kunden an — derselbe Pass-Through-Mechanismus, nur mit Umweg über Brüssel und Berlin.
Bleibt die Frage, warum ein CEO so etwas anstößt. Die zynische Antwort: weil Regulierung, die man selbst entwirft, die angenehmste ist. Die wohlwollende: weil Amodei seit Jahren davor warnt, dass die Branche die Verteilungsfrage zu spät stellt — und lieber jetzt verhandelt, solange „besteuert die KI-Konzerne“ noch ein Essay ist und kein Wahlkampfschlager. Vermutlich stimmt beides. Sicher ist nur: Wenn die KI-Gewinne auch nur annähernd so ausfallen, wie die Bewertungen des IPO-Sommers unterstellen, wird diese Debatte nicht wieder verschwinden. Die Frage ist nicht mehr, ob die KI-Dividende verteilt wird — sondern von wem, an wen und zu wessen Bedingungen.
- Dario Amodei — Policy on the AI Exponential (Essay)
- t3n — Anthropic-CEO Amodei fordert eine Steuer für KI-Firmen
- Fortune — Anthropic just proposed taxing itself
- Bloomberg Law — Anthropic CEO Floats Tax on AI Firms to Fund Universal Income
- The Decoder — Amodeis Token-Steuer-Vorschlag (Mai 2025)
- Bernie Sanders — The Public Should Own Half of the Big A.I. Companies
- CNBC — Trump administration, OpenAI discussing possible government stake
- IMF — Broadening the Gains from Generative AI: The Role of Fiscal Policies
- ITIF — AI Is Not Going to Reduce Labor's Share of Income or Destroy the Tax Base
- Challenger, Gray & Christmas — May 2026 Job Cut Report
- RAND — Federal Revenue When AI Replaces Labor (Working Paper)
- Windfall Policy Atlas — Token Taxes