Märkte & Infrastruktur · KI-Börsenabsturz
Schwarzer Donnerstag für den KI-Trade: Nasdaq bricht ein, Meta warnt, OpenAI lenkt ein
Zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen hat die Wall Street die politische Quittung für den KI-Bauboom nachgereicht. Am Donnerstag, dem 5. November, brachen die US-Technologiewerte ein: Laut heise online verlor der Nasdaq 5,5 Prozent, der S&P 500 gab um 4,4 Prozent nach. Das Wall Street Journal titelte in seinem Live-Ticker von einem Absturz der Nasdaq „um 5 Prozent“, weil Anleger sich nach der Wahl aus dem KI-Trade zurückzögen. Die genaue Schlusszahl weicht je nach Quelle also leicht ab; das WSJ-Ticker-Material selbst war für uns hinter einer Paywall nicht abrufbar, die Schlagzeile ist über Hacker News belegt.
Die Zahlen: Chipwerte im freien Fall
Am härtesten traf es die Zulieferer der KI-Infrastruktur. Der PHLX Semiconductor Sector Index verlor nach heise-Angaben über 12 Prozent, so viel wie zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie. Zu den größten Verlierern zählten Sandisk (−22,3 Prozent), Micron (−17,5 Prozent), AMD (−17,3 Prozent) und Marvell (−16,4 Prozent); auch Tesla (−10,8), Intel (−10,3) und Nvidia (−9,3 Prozent) rutschten zweistellig bzw. fast zweistellig ab. Allein beim Nasdaq 100 gingen laut einer von heise zitierten Reuters-Rechnung rund 2,5 Billionen US-Dollar Marktwert verloren. In Japan setzte sich der Trend fort: Der Nikkei 225 fiel zeitweise um mehr als 7 Prozent, lag zuletzt noch bei knapp minus 5 Prozent. Viele Analysten erwarten eine Fortsetzung am Freitag.
Warum erst jetzt – und warum Big Tech anders reagierte
Die Reaktion kam mit einem Tag Verzögerung. Am Mittwoch hatten die Märkte zunächst erleichtert auf klare Wahlergebnisse reagiert: Laut t3n stieg der S&P 500 um 1,6 Prozent, der Nasdaq 100 um 0,91 Prozent. Dabei zeichnete sich bereits eine Spaltung ab. Amazon und Microsoft legten jeweils mehr als 6 Prozent zu, Alphabet über 3 Prozent – die Anleger werteten eine politisch erzwungene Bremse beim Rechenzentrumsbau als Chance, dass mehr Gewinne in den Konzernen bleiben. Amazon, Microsoft und Alphabet wollen allein in diesem Jahr zusammen über 740 Milliarden Dollar in Rechenzentrumskapazitäten investieren. Verkauft wurden dagegen schon am Mittwoch Neocloud-Anbieter wie CoreWeave (rund −9 Prozent) und Nebius (rund −6 Prozent), die ihre Rechenzentren mit Fremdkapital bauen. Am Donnerstag erwischte es dann die gesamte Kette.
Auslöser ist die politische Lage, die wir bereits in der gestrigen Ausgabe beschrieben haben: Bürger lehnten bei lokalen Abstimmungen KI-Rechenzentren fast durchweg ab, und die Demokraten eroberten zahlreiche Gouverneursposten. Die künftige texanische Gouverneurin Gina Hinojosa forderte laut heise ein sofortiges Moratorium für neue Rechenzentren; laut t3n will sie neue Genehmigungen blockieren, bis es Schutzgesetze und Mitspracherechte für Anwohner gibt. In Texas soll rund ein Viertel der bis 2030 geplanten neuen US-Rechenzentrumskapazität entstehen. Bloomberg führt den Absturz laut heise auf „voll ausgeprägte Ängste rund um den KI-Sektor“ zurück.
Anthropic-IPO unter Druck
Der Kurssturz trifft auch die IPO-Pläne der KI-Labore. Das Wall Street Journal berichtet laut heise, dass wichtige Investoren bezweifeln, dass Anthropic noch eine Bewertung von 1,5 Billionen Dollar erreichen kann; einer hält nur noch rund eine Billion für realistisch – etwa halb so viel wie die im August kolportierten zwei Billionen. Dies stützt sich auf Berichte aus zweiter Hand; die WSJ-Originalmeldung konnten wir nicht prüfen.
Meta warnt, OpenAI lenkt ein
Auf derselben Konferenz warnte Meta-Präsidentin Dina Powell McCormick laut TechCrunch, die demokratischen Wahlerfolge würden es „viel schwerer“ machen, Rechenzentren zu bauen. Die Branche habe die Vorteile ihrer Investitionen nicht gut genug erklärt. Der Widerstand sei zudem ein Stellvertreterkonflikt: „Die sichtbare Manifestation von KI ist ein Rechenzentrum“, dahinter stehe die Frage, wie Menschen über KI insgesamt denken. Meta betreibt Rechenzentren in 23 Bundesstaaten, fünf davon, darunter eines in Texas, sind als Projekte ab einem Gigawatt geplant. Akzeptierte Projekte setzten laut Powell McCormick darauf, dass Meta den eigenen Strom bezahlt, Steuerüberschüsse an Lehrer und Rettungskräfte fließen und Arbeitskräfte lokal rekrutiert werden.
OpenAI reagierte noch am Donnerstag: Laut The Verge verspricht das Unternehmen, bei Rechenzentrumsprojekten keine NDAs mit Amtsträgern mehr zu nutzen; zulässig bleiben nur enge Schutzklauseln für Sicherheitsinformationen und Geschäftsgeheimnisse. Außerdem will OpenAI die vollen Stromkosten sowie die nötige Infrastruktur selbst tragen, erwartete Jobs und Einstellungen veröffentlichen und für jeden „Compute Campus“ einen lokalen Pakt vereinbaren. Laut heise will OpenAI zudem bei Lastspitzen den eigenen Verbrauch drosseln und Daten zu Strom, Lärm und Wasser offenlegen. OpenAI-Lobbyist Chris Lehane betonte, man arbeite seit Monaten an dem Statement; der Zeitpunkt sei kein Zufall, aber keine Reaktion auf die Wahl. Amazon hatte schon im Oktober Ähnliches angekündigt.
Einordnung
Der Absturz zeigt, dass der KI-Trade zuletzt auf der Annahme beruhte, der Ausbau der Rechenzentren sei politisch unaufhaltsam. Diese Annahme ist nun beschädigt. Paradox: Für die Hyperscaler bedeutet eine Bremse womöglich Entlastung, für Chip-, Speicher- und Neocloud-Anbieter dagegen sinkende Umsatzerwartungen. Ob der Donnerstag eine Überreaktion oder der Beginn einer Neubewertung war, ist offen; entscheidend wird, ob aus Moratoriumsforderungen tatsächlich Gesetze werden. Die Zugeständnisse von Meta und OpenAI deuten darauf hin, dass die Branche mit härteren Auflagen rechnet.
- heise online — Nach US-Zwischenwahlen: Skepsis zum KI-Boom löst heftigen Börsenabsturz aus
- t3n — Börse nach den US-Wahlen: Big Tech jubelt, KI-Zulieferer verlieren
- Wall Street Journal (via Hacker News) — Nasdaq Sinks 5% as Investors Retreat from AI Trade After Election
- TechCrunch — Meta warns that election backlash against data centers could make AI expansion harder
- The Verge — OpenAI is stepping back from NDAs for data center projects
- heise online — Nach US-Zwischenwahlen: OpenAI verspricht anwohnerfreundliche Rechenzentren