Anwendung · Gesundheit
ChatGPT Health für alle — einen Tag, nachdem eine Klage OpenAI vorwirft, einen Mann fast getötet zu haben
Sechs Monate nach einem zurückhaltend aufgenommenen Pilotprogramm hat OpenAI sein Feature ChatGPT Health am 23. Juli für alle US-Nutzer ab 18 Jahren freigegeben — ohne Warteliste, auf Web und iOS, in allen Tarifen von Free bis Pro. Nutzer können ihre Apple-Health-Daten, Fitness- und Ernährungs-Apps wie MyFitnessPal sowie über den Partner b.well ihre elektronischen Arztakten aus einem Netzwerk von rund 2,2 Millionen US-Gesundheitsanbietern anbinden, darunter große Systeme wie Epic und Oracle Health. Laut OpenAI stellen inzwischen 300 Millionen Menschen wöchentlich gesundheitsbezogene Fragen an ChatGPT — ein Anstieg von den 230 Millionen, die beim Start des Pilotprogramms im Januar gezählt wurden. Anders als das Programm, über das wir in unserer Ausgabe vom 21. Juli berichteten — dort ging es um kontrollierte, institutionelle Pilotprojekte mit US-Gesundheitsbehörden —, ist ChatGPT Health ein Massenprodukt direkt für Endverbraucher, ohne Behörde oder Klinik als Vermittler dazwischen.
Zum Rollout präsentiert OpenAI Zahlen, die aufhorchen lassen sollen: Das neue Standardmodell GPT-5.6 Luna, das kostenlosen Nutzern zur Verfügung steht, übertreffe sein Vorgängermodell GPT-5.5 auf HealthBench — einem von OpenAI selbst entwickelten Benchmark mit von Ärzten geschriebenen Bewertungskriterien. Das leistungsstärkere Modell für Zahlkunden, GPT-5.6 Sol, erreicht laut Unternehmensangaben 88,0 Prozent bei der Vollständigkeits-Metrik von HealthBench Professional. Kritisch bleibt: Es handelt sich um einen firmeneigenen, nicht extern begutachteten Maßstab — die Ergebnisse sind bislang nicht unabhängig überprüft. Der Anspruch reiht sich ein in eine Debatte, die im Sommer bereits hitzig geführt wurde: Investor Marc Andreessen hatte behauptet, „Doctor ChatGPT“ sei bereits besser als 99 Prozent aller menschlichen Ärzte — eine Aussage ohne Datenbeleg, der peer-reviewte Studien widersprechen. Eine davon fand, dass ein KI-Tool die Hälfte echter Notfälle übersah; ein Hospitalist der Harvard Medical School warnte öffentlich davor, Chatbots zur Ersteinschätzung von Notfällen zu nutzen.
Wie berechtigt diese Vorsicht ist, zeigt der Zeitpunkt des Rollouts selbst. Nur einen Tag zuvor, am 22. Juli, reichte der Florida-Pastor Scott Winters vor einem Gericht in San Francisco Klage gegen OpenAI und CEO Sam Altman ein — wegen Fahrlässigkeit und unerlaubter Ausübung der Heilkunde. Winters hatte sich 2025 mit Schwindel und Blutdruckschwankungen an ChatGPT-4o gewandt; der Chatbot habe ihn beruhigt, seine Symptome seien nicht gefährlich, und ihn davon abgehalten, einen Arzt aufzusuchen. Kurz darauf wurde er mit beidseitigen Lungenembolien auf die Intensivstation eingeliefert. Die Klage — bereits die zweite dieser Art gegen OpenAI binnen drei Monaten — fordert Schadenersatz und eine gerichtliche Anordnung, ChatGPT Health so lange auszusetzen, bis unabhängige Gutachter die Sicherheit bestätigt haben. OpenAI verschob den Launch trotzdem nicht.
Ein zweites, strukturelles Problem betrifft den Datenschutz: Sobald Nutzer ihre Arztakten mit ChatGPT Health verknüpfen, verlassen diese Daten den Geltungsbereich von HIPAA, dem zentralen US-Gesundheitsdatenschutzgesetz — denn OpenAI ist als Verbraucher-App keine „covered entity“ im Sinne des Gesetzes. Was danach schützt, sind OpenAIs eigene, vertragliche Zusagen: keine Nutzung für Modelltraining, kein Werbe-Targeting, Löschung nach Trennung der Verbindung. Diese Zusagen sind ernst gemeint, aber freiwillig und jederzeit änderbar — kein gesetzlicher Mindeststandard. Eine Senior-Juristin der Datenschutzorganisation EPIC bezeichnete den Vorgang, elektronische Arztakten mit ChatGPT Health zu teilen, als „gefährlich“. Zu verwechseln ist das Consumer-Produkt nicht mit OpenAIs separatem Angebot „ChatGPT for Healthcare“ für Kliniken und Ärzte, das unter einer Datenverarbeitungsvereinbarung HIPAA-konform betrieben werden kann — ChatGPT Health für Privatnutzer kann das grundsätzlich nicht.
Für Produktentscheider ist der Kontext ebenso wichtig wie das Einzelprodukt: Verbraucher-Gesundheits-KI ist 2026 zur am schnellsten wachsenden Produktkategorie der Branche geworden. Microsoft startete im März sein kostenloses Copilot Health mit Anbindung an Oura und Fitbit, Perplexity zog mit einem kostenpflichtigen Perplexity Health nach, Amazon und Berichten zufolge auch Anthropic bereiten eigene Angebote vor. Wer in diesem Feld baut, übernimmt de facto eine Haftungsrolle, die traditionell bei approbierten Ärzten liegt — ohne die regulatorischen Leitplanken, die für diese gelten. Die Lehre für Health- und Consumer-Produktteams: Interne, unveröffentlichte Benchmark-Behauptungen sind keine klinische Validierung, und „wir nutzen die Daten nicht fürs Training“ ist ein Versprechen, kein Gesetz.
- TechCrunch — OpenAI makes ChatGPT Health available to all US users
- The Verge — OpenAI is making big claims as it rolls out ChatGPT Health to everyone
- OpenAI — Launching Health in ChatGPT
- CBS News — ChatGPT's medical advice nearly killed a Florida man, lawsuit against OpenAI claims
- TechTimes — ChatGPT Health Goes Nationwide: Your Medical Records Lose HIPAA Protection
- Axios — Microsoft enters one of AI's fastest-growing arenas — health care