KI-Industrie · Talentkrieg
Nobelpreisträger John Jumper verlässt Google DeepMind und wechselt zu Anthropic
Es ist die Art von Wechsel, die in der KI-Branche als „Signing des Jahrzehnts" gehandelt wird: John Jumper, der 2024 gemeinsam mit DeepMind-Chef Demis Hassabis den Chemie-Nobelpreis für AlphaFold erhielt, verlässt Google DeepMind nach knapp neun Jahren und schließt sich Anthropic an. Jumper machte die Entscheidung am 19. Juni selbst öffentlich: „After nearly 9 years, I have decided to leave Google DeepMind and join Anthropic" — er wolle zunächst eine Auszeit nehmen, bevor er starte. Bloomberg meldete den Wechsel zuerst, am 20. Juni zogen TechCrunch und zahlreiche weitere Medien nach.
AlphaFold ist der Grund, warum dieser Name Gewicht hat. Das KI-System sagt die dreidimensionale Struktur von Proteinen allein aus ihrer Aminosäuresequenz voraus — ein Grundproblem der Strukturbiologie, an dem die Forschung jahrzehntelang scheiterte. Vereinfacht gesagt: AlphaFold liest die „Bauanleitung" eines Proteins und berechnet daraus dessen gefaltete Form, was Wirkstoff- und Impfstoffentwicklung dramatisch beschleunigt. Das Werkzeug wird heute von über zwei Millionen Forschenden in rund 190 Ländern genutzt. Jumper übernahm die Leitung des AlphaFold-Teams nur sechs Monate nach seiner Promotion — Hassabis habe ihm „a real chance" gegeben, schrieb er zum Abschied versöhnlich.
Welche Rolle Jumper bei Anthropic übernimmt, ist offiziell noch nicht bekannt — Anthropic hat sich bislang nicht geäußert. Der Schritt passt aber exakt zu einer Strategie, die das Unternehmen 2026 sichtbar verfolgt: den Aufbau einer KI-für-die-Wissenschaft-Sparte. Anthropic eröffnet eigene Wet Labs (Nasslabore), veröffentlicht Forschung zu KI-Agenten für biologische Workflows und ist seit Februar 2026 Partnerschaften mit dem Allen Institute und dem Howard Hughes Medical Institute eingegangen. Jumpers Verpflichtung liest sich wie das Ausrufezeichen hinter dem Anspruch, nobelpreiswürdige Grundlagenforschung selbst zu produzieren — statt nur Chatbot-Oberflächen über Biologie-Datenbanken zu legen.
Pikant ist die Konstellation. Alphabet hält rund 14 Prozent an Anthropic — Google investiert also in genau jenen Rivalen, an den es nun seinen prominentesten Forscher verliert. Und Jumper ist kein Einzelfall: Daten des SignalFire „State of Talent Report 2025" zeigen, dass DeepMind-Ingenieure rund elfmal häufiger zu Anthropic wechseln als umgekehrt. Anthropic führt zugleich die Zwei-Jahres-Bindungsrate an (80 Prozent) vor DeepMind (78 Prozent) und OpenAI (67 Prozent). Hassabis reagierte würdigend: „What we achieved with AlphaFold changed the world, and showed the field what was possible with AI for science and medicine."
Für Beobachter ist der Wechsel ein Doktrin-Signal: weg von „scale and deploy", hin zu „safety and understand". Ein amtierender Nobelpreisträger, der von Google zu einem Herausforderer geht, untermauert Anthropics Anspruch, das Wissenschafts-Narrativ im KI-Wettlauf zu gewinnen — ausgerechnet in einem Jahr, in dem das Unternehmen Berichten zufolge auf einen Börsengang zusteuert. Die ausführliche Einordnung dieses Talentkriegs lesen Sie in unserer Reportage am Ende dieser Ausgabe.