Modelle · Anthropic
Claude Fable 5: Anthropic gibt sein mächtigstes Modell frei — mit eingebautem Notausgang
Am Dienstag, dem 9. Juni — ungewöhnlicherweise nicht an Anthropics üblichem Donnerstag —, hat das Unternehmen zwei Produkte aus ein und demselben Frontier-Modell veröffentlicht. Mythos 5 ist die vollständige Version, bei der die Schutzmechanismen „in einigen Bereichen aufgehoben“ sind; sie geht ausschließlich an geprüfte Cyberdefense-Partner, ausgewählte biomedizinische Forscher und US-Behörden. Claude Fable 5 ist die öffentlich zugängliche, abgesicherte Variante — laut Anthropic das leistungsstärkste Modell, das je allgemein verfügbar gemacht wurde. Begleitet wird der Launch von einer 319 Seiten langen System Card.
Das technisch Bemerkenswerte ist der Sicherheitsmechanismus. Fable 5 verweigert heikle Anfragen nicht einfach, sondern stuft sie still herab: Kleine Classifier-Modelle überwachen die Eingaben, und bei verdächtigen Prompts aus den Hochrisiko-Domänen Cybersecurity, Biologie/Chemie und Distillation (dem Training fremder Modelle mit Fable-Outputs) übernimmt automatisch das ältere, schwächere Claude Opus 4.8. Anthropic betont, dieser Rückfall greife in weniger als fünf Prozent der Sitzungen — „mehr als 95 Prozent der Fable-Sessions laufen vollständig auf dem eigenen Modell.“ Kritiker tauften den Mechanismus prompt „Mythos an der Leine“; erste Nutzer berichten bereits von harmlosen Anfragen — etwa zur Deutung eines Blutbildes —, die fälschlich heruntergestuft wurden. Anthropic räumt ein, die Filter seien bewusst konservativ eingestellt.
Bei den Fähigkeiten legt Anthropic Zahlen vor: In 13 Benchmarks übertreffe Fable 5 in elf alles bisher Dagewesene und liege nur in zweien knapp hinter der internen „Mythos Preview“. Die Stärken liegen in Software-Engineering, Wissensarbeit und Vision; Stripe habe mit dem Modell „Monate an Engineering-Arbeit in Tage komprimiert“. Der Tech-Autor Ethan Mollick, der Fable 5 vorab über Claude Code testete, nennt es „dem praktisch jeden anderen öffentlichen Modell deutlich überlegen“ und ließ es aus einzelnen Prompts spielbare Videospiele erzeugen (mehr dazu in unserer Werkstatt). Eine Einschränkung nennt Anthropic selbst: In manchen Tests halluziniert Fable 5 mehr als Opus.
Preislich wird es teuer. Beide Modelle kosten 10 US-Dollar pro Million Input- und 50 Dollar pro Million Output-Token — doppelt so viel wie Opus 4.8. Ein eigenes Abo gibt es nicht: Bis zum 22. Juni ist Fable 5 in den Plänen Pro, Max, Team und Enterprise ohne Aufpreis enthalten, danach wird ausschließlich nach Verbrauch abgerechnet. (heise liest die Bedingungen schärfer: Fable 5 sei „ausdrücklich nicht“ in den Standard-Abos enthalten, Abonnenten dürften es nur 14 Tage testen — bei doppeltem Token-Verbrauch.) In jedem Fall steht am Ende ein reines Pay-per-Token-Modell — exakt der Übergang weg von der Flatrate, den wir seit dem Claude-Code-Pro-Streit im April beobachten.
Die eigentliche Brisanz liegt im Kontext. Mythos ist jenes Modell, das laut UK AI Security Institute mehrstufige Angriffe autonom ausführen kann und in Firefox binnen drei Wochen 271 Zero-Days fand. Den Zugang dazu hatte Anthropic über „Project Glasswing“ zunächst auf rund 40, inzwischen über 150 Organisationen in mehr als 15 Ländern beschränkt — Europa wurde erst spät und unter diplomatischem Druck einbezogen. Nur Tage vor dem Launch warnte Anthropic noch öffentlich, KI nähere sich der rekursiven Selbstverbesserung und die Branche brauche „Bremsen“. Dass derselbe Konzern nun das mächtigste Publikumsmodell der Geschichte ausrollt, treibt zwei Debatten an: die deutsche Bundesregierung gründet ein KI-Sicherheitsinstitut (siehe nächster Artikel), und Microsofts KI-Chef wirft Anthropic vor, sein eigenes Modell zu vermenschlichen.
- The Verge — Anthropic releases its first Mythos-class model Claude Fable
- TechCrunch — Claude Fable 5 is a version of Mythos the public can access today
- Wired — Anthropic Offers Mythos Upgrade for Cyber Partners and a ‚Safe‘ Version for the Rest of You
- heise online — Anthropic veröffentlicht Claude Mythos 5 als Fable 5 mit Einschränkungen
- TechCrunch — Fable 5 can make weirdly fun video games with the click of a button