KI-Ethik · Anthropic
Vatikan-Washing: Anthropic, der Papst und die 965-Milliarden-Frage
Es war ein Bild für die Ewigkeit: Am 25. Mai stellte Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika vor — „Magnifica Humanitas", die erste päpstliche Lehrschrift überhaupt, die sich der künstlichen Intelligenz widmet. Neben ihm saß als Ehrengast Christopher Olah, Mitgründer von Anthropic und einer der bekanntesten Interpretierbarkeits-Forscher der Welt, erklärter Atheist. Wenige Tage später, am 28. Mai, schloss Anthropic eine Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar ab — bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar. Damit überholt das Unternehmen OpenAI (852 Milliarden) und ist das wertvollste KI-Unternehmen der Welt. Wir haben über die Runde in unserer Ausgabe vom 29. Mai berichtet.
Genau diese Gleichzeitigkeit — die Ethik-Bühne im Vatikan und der Milliarden-Coup in derselben Woche — hat eine Welle der Kritik ausgelöst, die t3n unter dem Stichwort „Vatikan-Washing" zusammenfasst. Den Begriff prägte die KI-Forscherin Timnit Gebru, Gründerin des Distributed AI Research Institute, auf LinkedIn. Ihr Vorwurf: Der Vatikan springe „auf den Zug der Typen auf, die mit ihren IPOs Milliarden machen", und stelle Anthropic nicht für Datennutzung, Arbeitsplatzautomatisierung und Umweltverbrauch zur Rede. Pete Furlong vom Center for Humane Technology sagte dem Guardian, all diese Firmen entwickelten Technologien, „die darauf ausgelegt sind, Menschen zu ersetzen" — was den Worten des Papstes diametral widerspreche.
Olah selbst inszenierte in Rom bemerkenswerte Demut statt Triumph. „Jedes Frontier-AI-Lab — auch Anthropic — operiert innerhalb von Anreizen und Zwängen, die manchmal im Konflikt damit stehen können, das Richtige zu tun", sagte er und forderte unabhängige Stimmen „außerhalb dieser Anreize". Zur Jobfrage räumte er ein, es gebe „eine reale Möglichkeit, dass KI menschliche Arbeit in sehr großem Maßstab verdrängt". Anthropic brandmarkt sich seit jeher als ethischer Gegenpol zu OpenAI, Meta und Google — Constitutional AI, Safety-First, Mythos-Cyberprogramm. Pikant ist allerdings: Den älteren „Rome Call for AI Ethics" von 2020, den Microsoft, IBM und Cisco unterzeichneten, hat Anthropic nie unterschrieben.
Die Skeptiker können auf konkrete Spannungen verweisen. Da ist die Bewertung selbst: fast verdreifacht gegenüber 380 Milliarden im Februar, eine Run-Rate von rund 47 Milliarden Dollar. Und da ist die Verteidigungs-Verstrickung. Anthropics Modelle gerieten Anfang 2026 in einen offenen Streit mit dem Pentagon: Das Verteidigungsministerium stufte das Unternehmen zeitweise als „Supply-Chain-Risiko" ein, weil Anthropic den vertraglichen Ausschluss tödlicher autonomer Waffen und Massenüberwachung durchsetzen wollte, während das Pentagon Nutzung „für alle rechtmäßigen Zwecke" verlangte. Eine Bundesrichterin erließ im März eine einstweilige Verfügung; das Verfahren war Ende Mai weiter offen. Ein Unternehmen, das gleichzeitig den Papst auf die Bühne holt und mit dem Pentagon prozessiert, lädt zur Frage nach der Linie zwischen Überzeugung und Inszenierung geradezu ein.
Für Entscheider in der Tech-Branche steckt hinter der Episode mehr als Vatikan-Folklore. Sie zeigt, dass „KI-Ethik" zu einem umkämpften Marketing-Gut geworden ist — einem Differenzierungsmerkmal, das genauso zur PR-Waffe werden kann wie ein Benchmark-Sieg. Wer Anthropic-Modelle einsetzt, kauft das Sicherheits-Narrativ implizit mit; wer es als Verkaufsargument weitergibt, sollte wissen, dass es angreifbar ist. Die eigentliche Lehre ist unbequem: In einer Branche, in der die Produkte selbst undurchsichtig sind, wird Glaubwürdigkeit zur härtesten Währung — und sie lässt sich, anders als Rechenleistung, nicht einfach zukaufen.
- t3n — „Vatikan-Washing“: Kritiker zweifeln an Anthropics ethischen Ambitionen
- Fortune — Pope Leo's AI encyclical and the Anthropic connection
- Religion News Service — Why Anthropic is helping unveil the pope's new AI encyclical
- Anthropic — Chris Olah's remarks at the Vatican
- CNBC — Anthropic reaches $965 billion valuation, eclipsing OpenAI