Gesellschaft · Vatikan
„Magnifica Humanitas“: Papst Leo XIV. macht KI zum Thema seiner ersten Enzyklika — vorgestellt mit einem Anthropic-Mitgründer
Es ist ein ungewöhnliches Bild: Ein Papst präsentiert sein erstes Lehrschreiben nicht im Presseraum, sondern im feierlichen Rahmen des Synodensaals — und neben ihm steht der Mitgründer eines kommerziellen KI-Labors. „Magnifica Humanitas“ („Großartige Menschlichkeit“), die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., wurde am Vormittag des 25. Mai vorgestellt. Unterzeichnet hatte der Papst sie bereits am 15. Mai — dem 135. Jahrestag von „Rerum Novarum“, jener wegweisenden Sozialenzyklika Leos XIII. von 1891, die sich mitten in der industriellen Revolution den Rechten der Arbeiter widmete. Die Parallele ist gewollt: Leo XIV. begreift KI ausdrücklich als „eine weitere industrielle Revolution“ und stellt sein Pontifikat in die Tradition der katholischen Soziallehre.
Der „besondere Gast“ bei der Vorstellung war Christopher Olah, Mitgründer von Anthropic (dem Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude). Daneben präsentierten die Kardinäle Víctor Manuel Fernández (Glaubenslehre) und Michael Czerny (ganzheitliche menschliche Entwicklung) das Dokument; Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sprach das Schlusswort. Dass ein Papst sein eigenes Lehrschreiben persönlich präsentiert, ist atypisch — die Inszenierung unterstreicht, welches Gewicht der Vatikan dem Thema beimisst.
Inhaltlich kreist die Enzyklika um die Wahrung der Menschenwürde im Zeitalter der KI: um Arbeitsbedingungen und gerechte Teilhabe (der „Rerum Novarum“-Faden), um den Einsatz von KI in der Kriegsführung, um die Auswirkungen auf Individuen und Gemeinschaften — und um eine Warnung vor der Überabhängigkeit gerade junger Menschen von Chatbots. KI wird als einer der prägenden moralischen Prüfsteine der Gegenwart gerahmt, vergleichbar mit der Industrialisierung. Wie wir in unserer Reportage vom 19. Mai über die ungewöhnliche Allianz zwischen Vatikan und Anthropic ausführlich dargestellt haben, ist dieser Schulterschluss seit Längerem vorbereitet worden.
Der Hintergrund: Leo XIV. — als Robert Francis Prevost der erste US-amerikanische Papst und ein studierter Mathematiker — hat KI seit seiner Wahl im Mai 2025 wiederholt zum Thema gemacht. Wenige Tage vor der Enzyklika, am 16. Mai, billigte er zudem eine neue vatikanische KI-Kommission, die erstmals die Auseinandersetzung der Kirche mit KI zentral koordiniert und sieben vatikanische Institutionen einbindet. Anthropic-Ingenieure hatten zuvor im Dialog mit rund 15 christlichen Verantwortlichen erläutert, wie Claude entwickelt und trainiert wird; mehrere Katholiken trugen zur „Verfassung“ des Modells bei, darunter Bischof Paul Tighe.
Kritik bleibt nicht aus. Beobachter warnen vor einem Interessenkonflikt: Anthropic könne von der Nähe zur moralischen Autorität der Kirche reputativ profitieren. Pikant ist, dass das Unternehmen den 2020 von der Päpstlichen Akademie für das Leben initiierten „Rome Call for AI Ethics“ — unterzeichnet unter anderem von Microsoft, IBM und Cisco — bislang nicht unterschrieben hat. Katholische Kommentatoren riefen derweil dazu auf, die Enzyklika selbst zu lesen — „und sie sich nicht von ChatGPT vorlesen zu lassen“. Der vollständige Wortlaut wurde erst am Tag der Vorstellung veröffentlicht; konkrete Zitate aus dem Dokument sollten am finalen Text geprüft werden.
- Vatican News — Pope Leo XIV's first encyclical Magnifica Humanitas
- PBS NewsHour — Pope Leo XIV to launch first encyclical on AI with Anthropic's co-founder
- Fortune — Pope Leo launches an AI commission days before releasing papal letter
- Religion News Service — Inside the unlikely Vatican-Anthropic relationship
- heise online — Papst veröffentlicht Enzyklika zu Künstlicher Intelligenz