· 5 Artikel + Reportage + Tool-Radar + Werkstatt

Ausgabe vom 8. April 2026

Maschinell recherchiert, menschlich relevant.

Cybersecurity · Anthropic

Anthropic enthüllt Mythos — ein KI-Modell, das Sicherheitslücken in jedem großen Betriebssystem und Browser fand

Hintergrund & Analyse

Claude Mythos — intern unter dem Codenamen „Capybara“ entwickelt und erstmals im März durch ein Datenleck bekannt geworden — markiert eine neue Leistungsklasse oberhalb der bisherigen Opus-Linie. Wie wir in unserer Ausgabe vom 27. März berichteten, hatte ein CMS-Konfigurationsfehler rund 3.000 interne Assets exponiert, darunter Blogpost-Entwürfe, die „überragende Cyber-Fähigkeiten“ beschrieben. Nun ist klar, was damit gemeint war.

In einer kontrollierten Evaluation identifizierte Mythos Preview tausende Zero-Day-Schwachstellen in jedem großen Betriebssystem und jedem großen Webbrowser. Die älteste davon: ein 27 Jahre alter Bug in OpenBSD — einem Betriebssystem, das für seine Sicherheit legendär ist. Besonders alarmierend: Das Modell verkettete autonom vier Schwachstellen zu einem komplexen JIT-Heap-Spray-Exploit, der sowohl Renderer- als auch OS-Sandboxes umging. Es kann 72,4 Prozent der identifizierten Schwachstellen selbständig in funktionierende Exploits überführen — in Stunden, wofür erfahrene Penetrationstester Wochen bräuchten.

Wegen dieser Fähigkeiten wird Mythos nicht öffentlich freigegeben. Stattdessen lanciert Anthropic Project Glasswing: eine Cybersecurity-Initiative mit zwölf Hauptpartnern — darunter Amazon, Apple, Microsoft, Google, NVIDIA, CrowdStrike und die Linux Foundation — sowie rund 40 weiteren Organisationen. Diese erhalten eingeschränkten Zugang zu Mythos Preview, ausschließlich für defensive Sicherheitsarbeit. Die Linux Foundation stellt den Zugang für Open-Source-Maintainer bereit, die ihre Projekte auf bisher unentdeckte Schwachstellen scannen können.

Die Zusammenarbeit mit direkten Konkurrenten — Google, Microsoft (OpenAI-Investor), Amazon — ist bemerkenswert und spiegelt die Dringlichkeit wider: Anthropic warnt intern, dass Mythos „eine kommende Welle von Modellen vor­wegnimmt, die Schwachstellen auf eine Weise ausnutzen können, die den Verteidigern weit voraus ist.“ Anthropic befindet sich zudem in Gesprächen mit CISA, der US-Cybersecurity-Behörde. Über 99 Prozent der gefundenen Schwachstellen sind noch ungepatcht — eine koordinierte Offenlegung in diesem Ausmaß ist Neuland. Unsere heutige Reportage beleuchtet die Auswirkungen auf die Cybersecurity-Landschaft.

Halbleiter · Intel

Intel wird Fertigungspartner für Musks Terafab — der größte Foundry-Deal seit Jahren

Hintergrund & Analyse

Wie wir in unserer Ausgabe vom 23. März berichteten, hatte Musk die Terafab als 25-Milliarden-Dollar-Joint-Venture von Tesla, SpaceX und xAI in Austin, Texas, angekündigt. Nun steht der Fertigungspartner fest: Intel Foundry wird die Chips in 2-nm-Technologie designen, fertigen und verpacken. Intel-CEO Pat Gelsinger erklärte: „Intel is proud to join the Terafab project to help refactor silicon fab technology.“

Geplant sind zwei Chiptypen: der AI5, ein Edge-Inferenz-Prozessor für Teslas Full Self-Driving, Optimus-Roboter und das Cybercab, sowie der D3, eine strahlungsgehärtete Variante für SpaceX’ orbitale KI-Satelliten. Die anfängliche Kapazität liegt bei 100.000 Wafer-Starts pro Monat, mit dem Ziel von einer Million — was eine Compute-Leistung von einem Terawatt pro Jahr ermöglichen soll.

Für Intel ist der Deal ein strategischer Durchbruch: Nach Jahren der Suche nach Großkunden für Intel Foundry Services liefert die Terafab-Partnerschaft den Beweis, dass Intel als Auftragsfertiger neben TSMC bestehen kann. Die Intel-Aktie stieg nach der Ankündigung. Gleichzeitig zeigt der Deal Musks Strategie der vertikalen Integration: Statt Chips von NVIDIA oder Broadcom zu kaufen, will er die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren — von der Fertigung über das Design bis zum Einsatz in seinen Produkten.

Parallel sicherte sich Anthropic in einer separaten Transaktion rund 3,5 Gigawatt zusätzliche Rechenkapazität mit Googles nächster TPU-Generation „Ironwood“ (TPUv7), gefertigt von Broadcom. Das Gesamtvolumen: über 400.000 TPUv7-Einheiten im Wert von rund zehn Milliarden Dollar direkt über Broadcom, plus weitere 600.000 Einheiten über Google Cloud. Anthropics Umsatz-Run-Rate hat inzwischen 30 Milliarden Dollar erreicht — eine Verdreifachung seit Ende 2025.

Datenschutz · Perplexity

Sammelklage: Perplexity gab Millionen Chats an Meta und Google weiter — auch im Inkognito-Modus

Hintergrund & Analyse

Am 31. März 2026 wurde vor dem Bundesgericht in San Francisco eine Sammelklage gegen Perplexity AI eingereicht. Die Klage behauptet, das Unternehmen habe Tracking-Technologien von Meta und Google — konkret Meta Pixel, Google Ads, Google DoubleClick und Metas Conversions API — direkt in seinen Code integriert. Diese Tracker hätten bei jedem Login automatisch und unbemerkt den vollständigen Chat-Text — Nutzer-Prompts ebenso wie KI-Antworten — an Meta und Google für Ad-Targeting übermittelt.

Besonders brisant: Der Inkognito-Modus, den Perplexity als anonyme Threads bewirbt, die nicht im Verlauf gespeichert werden, war laut Klage ein „Sham“ (Schwindel). Die Tracker blieben aktiv, unabhängig davon, ob der Modus aktiviert war. Die Weitergabe sei in Perplexitys Datenschutzerklärung nicht offengelegt worden. Betroffen sind alle US-Nutzer, die zwischen dem 7. Dezember 2022 und dem 4. Februar 2026 mit Perplexity chatteten — ausgenommen zahlende Pro- und Max-Abonnenten.

Perplexitys Reaktion fiel dürftig aus: Chief Communications Officer Jesse Dwyer erklärte lediglich, man habe „keine Klage erhalten, die dieser Beschreibung entspricht“ und könne daher „ihre Existenz oder Ansprüche nicht verifizieren“ — eine Nicht-Stellungnahme, die weder die Vorwürfe bestätigt noch dementiert.

Die Klage trifft Perplexity in einer Phase multipler Krisen: Der hauseigene Comet-Browser kämpft mit schweren Sicherheitslücken, Amazon ließ den Zugriff gerichtlich blockieren, und die App stürzte im App Store von Platz 3 ab. Gleichzeitig betreibt Perplexity mit „Perplexity Health“ seit März einen Dienst, der Gesundheitsakten und Wearable-Daten verarbeitet — und versichert, diese würden „verschlüsselt und nie verkauft“. Angesichts der Tracking-Vorwürfe sind solche Zusicherungen schwer glaubwürdig.

Policy · EU

Authentizitätsoffensive: EU-Institutionen verbannen KI-generierte Bilder aus offizieller Kommunikation

Hintergrund & Analyse

Die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und der Rat der EU haben jeweils eigene Richtlinien erlassen, die den Einsatz vollständig KI-generierter Bilder und Videos in der offiziellen Kommunikation untersagen. Erlaubt bleibt die KI-gestützte Optimierung bestehenden Materials — etwa Bildqualitätsverbesserungen oder automatische Untertitelung. Die Grenze wird also zwischen „KI-erzeugt“ und „KI-verbessert“ gezogen.

Kommissionssprecher Thomas Regnier begründete den Schritt gegenüber Politico mit der Priorität der „Authentizität“, um „das Vertrauen der Bürger zu fördern“. Der Hintergrund ist die wachsende Deepfake-Gefahr — besonders in Zeiten geopolitischer Spannungen und Wahlen. Das Europäische Parlament hat zusätzlich separate Leitlinien für seine Mitarbeiter zur Nutzung generativer KI herausgegeben, „mit Betonung der Wachsamkeit gegenüber inhärenten Risiken.“

Die Entscheidung ist symbolisch wichtig: Wenn selbst EU-Institutionen KI-Bilder für ihre Kommunikation ablehnen, setzt das einen Standard für Regierungen und Behörden weltweit. Gleichzeitig gibt es Kritik: OECD-Berater Walter Pasquarelli warnt, dass „verantwortungsvolle Nutzung Abstinenz schlägt“ — ein pauschales Verbot könnte wichtige Chancen für barrierefreie und mehrsprachige Kommunikation verpassen.

Parallel dazu kündigte Meta an, künftig eine Hybridstrategie für seine KI-Modelle zu verfolgen: Die größten und leistungsfähigsten Modelle bleiben proprietär, nur kleinere Versionen werden Open Source veröffentlicht. Die Entscheidung unter Metas neuem KI-Chef Alexandr Wang markiert eine Abkehr von der bisherigen Strategie, bei der praktisch alle Llama-Modelle offen zugänglich waren. Meta positioniert sich damit zwischen dem vollständig geschlossenen Ansatz von OpenAI und Anthropic und dem bisherigen eigenen Open-Source-Kurs.

Business · Samsung

Samsung verachtfacht Gewinn auf 33 Milliarden Dollar — der KI-Speicherchip-Boom bricht alle Rekorde

Hintergrund & Analyse

Samsung Electronics meldete am 7. April vorläufige Quartalszahlen, die selbst optimistische Prognosen übertrafen: 57,2 Billionen Won (~33 Milliarden US-Dollar) operativer Gewinn bei einem Umsatz von 133 Billionen Won. Das entspricht einem Gewinnsprung von 755 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal — und übertrifft den gesamten Jahresgewinn 2025. Es ist der höchste Quartalsgewinn in der Geschichte des Unternehmens.

Der Treiber ist eindeutig: der KI-Speicherchip-Boom. DRAM-Durchschnittspreise stiegen um über 80 Prozent, angeheizt durch die unersättliche Nachfrage nach Hochleistungsspeicher für KI-Rechenzentren. Samsung liefert inzwischen HBM4-Chips (High Bandwidth Memory) mit 12 Schichten — nachdem SK Hynix 2025 den HBM-Markt noch dominiert hatte. Rund 95 Prozent des Gewinns (~54 Billionen Won) stammten aus der Chip-Sparte; Smartphones trugen nur etwa 4 Billionen Won bei.

Die Zahlen unterstreichen eine wachsende Asymmetrie im KI-Ökosystem: Während die meisten KI-Modellanbieter — von OpenAI (trotz 852 Milliarden Bewertung mit Verlusten) über Anthropic bis zu den Open-Source-Anbietern — ihre Infrastrukturkosten kaum decken können, machen die Zulieferer rekordverdächtige Gewinne. Samsung, SK Hynix, NVIDIA und TSMC sind die eigentlichen finanziellen Gewinner des KI-Zeitalters — zumindest im Moment.

Analysten der Heungkuk Securities erwarten für das zweite Quartal einen weiteren Anstieg auf 75 Billionen Won — angetrieben durch neue HBM4-Vertragabschlüsse und steigende ASPs (Average Selling Prices) für Server-DRAM. Die Frage bleibt, wie lange der Speicherchip-Superzyklus anhält: Sollte der KI-Investitionsboom abflauen — oder die Modellarchitekturen speichereffizienter werden —, könnte der Überschwang schnell kippen.

Reportage

KI als Waffe und Schild — Wie Anthropics Mythos die Cybersecurity-Landschaft verändert

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Tool-Radar

6 neue KI-Tools, die diese Woche aufgefallen sind

KI-Workflow-Automatisierung für Legal-, Finanz- und Versicherungsteams: verwandelt dokumentenlastige Prozesse in autonome, auditierbare Workflows. Setzt LLM-Reasoning nur dort ein, wo Interpretation nötig ist — der Rest läuft als strukturierter Code.
7. April 2026. Startup (Prag), 1,7 Mio. $ Pre-Seed von XYZ Venture Capital.
Open-Source-IDE auf VS-Code-Basis als Alternative zu Cursor und Windsurf. Plant, bevor es codet: Prompts werden in Requirements, Design, Tasks und dann Code umgewandelt. Modellagnostisch, self-hostbar und voll kompatibel mit VS-Code-Extensions.
6. April 2026. Open Source (MIT), Show HN auf Hacker News.
Open-Source-Desktop-Agent mit 20+ eingebauten Tools (Bash, Web-Suche, Code-Ausführung, Langzeitgedächtnis) und 46 vorkonfigurierten MCP-Connectoren. Verbindet sich mit 100+ Cloud-Modellen oder läuft lokal via Ollama. Alle Daten bleiben auf dem eigenen Rechner.
2. April 2026. Open Source, Product Hunt Launch, 1M Tokens/Woche kostenlos.
„Strava für Claude Code“: CLI-Tool, das KI-Coding-Sessions trackt — Token-Verbrauch, Kosten, Streaks — und Entwickler auf einem globalen Leaderboard antreten lässt. Tägliche und wöchentliche Ranglisten nach Region.
3. April 2026. Open Source (MIT), Platz 6 auf Product Hunt mit 160 Upvotes.
Enterprise-Monitoring für KI-Agenten-Netzwerke: überwacht Sicherheit, Performance und Kosten autonomer AI Agents. Trackt Kommunikationspfade, Token-Verbrauch, Dateizugriffe und Secrets-Handling. Erkennt Policy-Verstöße in Echtzeit.
31. März 2026. Codenotary (Enterprise-Security-Startup), sofort verfügbar.
Kostenlose Offline-Diktier-App für iOS auf Basis von Googles Gemma-Modell. Transkribiert Sprache lokal, entfernt Füllwörter automatisch und formatiert in verschiedene Stile. Kein Internet, kein Abo, kein Limit — ohne jede Ankündigung im App Store erschienen.
6. April 2026. Google (AI Edge Team), Stealth-Launch.

Aus der Werkstatt

Sehenswerte KI-Tutorials und ein Trending Topic der Woche

Tech With Tim MiniMax M2.7 Coding Test Thumbnail
Tutorial · 15 Min.
Tech With Tim (1,99 Mio. Subs) · 7. April 2026
Tech With Tim testet MiniMax M2.7 in einem praxisnahen Coding-Vergleich mit Claude Opus. Das Video zeigt reale Code-Generierung, Debugging und Agentic Tasks — und bewertet, ob das 50-mal günstigere Modell für den Entwickleralltag taugt.
Fahd Mirza MoE Models Battle Thumbnail
Tutorial · 24 Min.
Fahd Mirza (177.000 Subs) · 7. April 2026
Direkter Vergleich der beiden spannendsten Mixture-of-Experts-Modelle der Woche: Googles Gemma 4 und Alibabas Qwen 3.5. Beide laufen lokal; getestet werden VRAM-Verbrauch, Inferenz-Geschwindigkeit und Qualität — besonders relevant für den Trade-off zwischen Modellgröße und Effizienz auf Consumer-Hardware.